Valeria – eine von vier Journalismus-Studierende aus Russland die die HAW Hamburg besuchten. Foto: Harriet Dohmeyer
Valeria – eine von vier Journalismus-Studierenden aus Russland, die die HAW Hamburg besucht haben. Foto: Harriet Dohmeyer

In der Woche vom 6. bis 10. November besuchten vier Journalismus-Studierende aus Sankt Petersburg die FINK.HAMBURG-Redaktion. Wir haben mit ihnen über Zensur, ihre journalistische Zukunft und Unterschiede zwischen russischen und deutschen Medien gesprochen.

„Es ist sehr schwer, Journalist in Russland zu sein“

Mark, 22 Jahre

HAW HAMBURG Russland Journalist Besuch Mark
Mark spricht mit FINK.HAMBURG über den monetären Einfluss auf den russischen Journalismus. Foto: Harriet Dohmeyer

„In Russland gibt es schon eine Art Freiheit der Presse. Gleichzeitig haben wir ein Problem mit der Unabhängigkeit der Presse – es geht nämlich hauptsächlich um Geld, und die Regierung hat definitiv einen monetären Einfluss. Persönlich habe ich an meinen Texten noch nie Zensur erlebt. Aber ich habe mal mitbekommen, wie ein Freund von mir etwas in der Art erlebt hat: Hier in Russland gibt es seit Jahren Streit um die Winterdienste, meistens sind sie nämlich überrascht vom Wintereinbruch. Jedes Jahr. Und dann machen sie häufig keinen besonders guten Job, die Straßen sind nicht geräumt und keiner kommt zur Arbeit. Der Freund von mir arbeitet bei einem Fernsehsender der Regierung und kommentierte eine Reportage über Schneeräumung: allerdings kritisierte er sie nicht, sondern scherzte nur. Für mich ist das aber keine Zensur – sondern eher eine Art Selbstzensur.

Was man aber noch sagen muss: Es ist sehr schwer, Journalist in Russland zu sein. Vor allem für uns junge Journalisten. Das Geld reicht einfach nicht aus, um zu überleben.“

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 „Ich schaue staatliches Fernsehen“

Victoria, 22 Jahre

HAW HAMBURG Russland Journalist Besuch Viktoroia
Victoria fühlt sich im Lifestyle-Journalismus Zuhause. Foto: Harriet Dohmeyer

„Junge Menschen in Russland nutzen hauptsächlich digitale Medien – ich glaube, unsere Generation findet das einfach am bequemsten. Zudem kann man im Netz viel mehr und sehr viel unterschiedlichere Sichtweisen finden. Ich persönlich beobachte aber auch absichtlich das staatliche Fernsehen. So kann man die staatliche Information mit der aus einer unabhängigen Quelle vergleichen. Ich glaube, dieser Vergleich gibt mir ein wesentlich objektiveres Bild davon, was in der Welt wirklich passiert.

Ich habe mich entschieden, Journalismus zu studieren, weil ich mich immer sehr wohl damit gefühlt habe, zu schreiben – aber auch, Menschen zu verstehen. Allerdings war ich nie eine Person, die die Welt durch großartige journalistische Arbeit verändern wollte – ich will einfach nur mein Ding machen. Und das ist Lifestylejournalismus. Es ist genau meine Nische, und da versuche ich einfach mein Bestes zu geben.“

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„Ich habe schon Erfahrung mit Zensur gemacht“

Vladimir, 23 Jahre 

Vladimir interessiert sich für politischen Journalismus. Foto: Harriet Dohmeyer

„Vor ein paar Jahren gab es in Russland eine große Geschichte: Der Journalist Ilya Azar hat ein Interview mit dem Anführer einer ukrainisch-rechtsradikalen Gruppe geführt. Der Text wurde auf Lenta.ru veröffentlicht. Danach verwarnte der Föderale Dienst für Kommunikation, Informationstechnologie und Massenmedien das Online-Magazin. Nach drei Verwarnungen werden Medien in Russland geschlossen. Nach der Geschichte entließ der Besitzer von Lenta.ru die Chefredakteurin Galina Timchenko. Mit ihr verließ der Großteil des Teams Lenta.ru. Das zeigt, dass die indirekte Zensur in Russland ziemlich aktiv ist. Deswegen müssen wir meistens der Regel folgen: „Schreiben Sie nicht zu viel – und Sie werden nicht gefeuert“.

Ich habe auch selber Erfahrung mit Zensur gemacht: 2014 wurde ich als Korrespondent zu den Kommunalwahlen entsandt. Journalisten können solche Orte frei besuchen. Aber ich wurde aus dem Wahllokal vertrieben. Und zwar nicht von einem Polizisten, sondern von einem unbekannten Mann in einem Sportanzug. Ich habe versucht, mich beim zentralen Wahldienst zu beschweren, aber ich wurde ignoriert. Deshalb durfte ich damals nicht zur Wahlstation.“

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„In Deutschland merkt man nicht, welche Meinung der Journalist hat“

Valeria, 21 Jahre

Valeria fallen viele Unterschiede zwischen Deutschland und Russland auf. Foto: Harriet Dohmeyer

„Die deutsche und die russische Presse unterscheiden sich in ein paar sehr wichtigen Punkten: Printmedien sind zum Beispiel in Deutschland immer noch viel populärer als in Russland. Ich habe außerdem das Gefühl, dass deutsche Artikel häufiger auf Tatsachen basieren und man weniger merkt, welche Meinung der Journalist hat. Ich glaube, wir arbeiten in Russland oft mit viel Emotionen. Aber ich kann nicht sagen, dass die deutschen Medien allgemein so viel objektiver sind: Sie sind zum Beispiel subjektiv bei der Auswahl der Fakten und Themen. Gleichzeitig spezialisiert sich auch die russische Presse immer mehr – und konzentriert sich auf ein kleineres Publikum.

Mir persönlich gibt Journalismus die Möglichkeit, mehr als ein Leben zu leben. Es verbindet meine Leidenschaft, aus verschiedenen Bereichen zu lernen und gute Geschichten zu erzählen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in einem Büro mit Papierkram arbeite. Ich könnte ohne Kommunikation und neue Eindrücke nicht überleben. Aber ich würde nicht so hohe Worte verwenden wie „Ich will die Wahrheit zeigen“. Meine Worte sind eher: „Ich will Geschichten erzählen, weil jede Geschichte es verdient hat, erzählt zu werden.“

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HAW HAMBURG Russland Studierende zu Beusch bei FINK.Hamburg Journalismus
Die Studierenden aus Sankt Petersburg im FINK.HAMBURG-Newsroom. Foto: Harriet Dohmeyer
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Harriet Dohmeyer, Jahrgang 1995, kommt vom Land, hat sechs Jahre lang auf einer Nordseeinsel gelebt, ist aber Hamburgerin aus Überzeugung. Sie bloggt mit Leidenschaft über Menschen mit einer Leidenschaft: Cafébesitzer, junge Designtalente oder Künstler. Auf ihren Entdeckungstouren und auf Reisen lässt sie sich von der urbanen Subkultur inspirieren. Ihre Fotoaufnahmen teilt sie auch auf Instagram, um wiederum anderen die Augen für schöne Dinge zu öffnen. Bei Gruner & Jahr hat sie in der Marketingabteilung gearbeitet. Kann nicht ohne: Fotoapparat. Kann nicht mit: Kopfkissen schlafen.
Johanna Röhr, Jahrgang 1991, sagt gerne etwas, kann aber auch zuhören - am liebsten wenn's um Sport geht. Und das immer brandaktuell auf Twitter. Sie liebt ihre Heimat München, Nilpferdbabys und gute Satire. Noch fühlt sie sich in Hamburg wie im Ausland, aber das wird sich bestimmt noch ändern. Sie ist Social-Media-Redakteurin bei Spiegel Online und Kommunikationstrainerin, hat aber auch schon als Stadionmoderatorin der Frauenmannschaft des FC Bayern gearbeitet. Sie ist Autorin eines Münchner Stadtführers. Modetrends findet sie cool, merkt das aber immer erst, wenn sie vorbei sind.