Jeden Freitag treffen sich Hamburgs Tuner an einer Tankstelle in Allermöhe. Statt „Autoposern“ sieht man hier männliche und weibliche Bastler mit Liebe für Technik und Design. 

Es ist Freitag, kurz nach acht Uhr. Für die meisten Gewerbetreibenden beginnt jetzt der Feierabend. Für das Team der Tankstelle in Hamburg-Allermöhe geht der Abend erst los. Es herrscht Ausnahmezustand. Immer mehr glänzende, laut brummende Autos kommen an der Tankstelle an. Manche Flitzer haben eine auffällige Lackierung in knallgrün. Manchen ist nicht anzusehen, dass an ihnen herumgebastelt wurde – zumindest, solange sie nicht den Motor anschmeißen. Es treffen immer mehr Menschen ein: Frauen, Männer, jugendliche Grüppchen mit Cola in der Hand. Das Areal verwandelt sich langsam in eine Szene aus dem Autorennspiel „Need for Speed“.

Ein getunter VW Golf. Foto: Cruisen Hamburg (Facebook)

Auffälligster Unterschied zum Spiel: Die Leute tragen dicke Winterjacken statt knappen Röcken und Trainingsanzügen. Es ist November und somit Nebensaison für die sogenannte  Cruiser-Szene. Die Cruiser, das sind Autobastler, PS-Liebhaber und Tuner, benannt nach der Facebook-Gruppe, in der sie sich organisieren. Seit Kurzem ist ihr Treffen an der Tankstelle ins Visier der Polizei geraten, die mit einer Spezialeinheit „Autoposer“ Raser und illegal aufgemotzte Autos jagt.

Allerdings: Von Autoprotzern, die ihre Autos auf billige Art tunen oder sich einfach einen teuren Mietwagen leihen und dann durch die Stadt rasen, will in Allermöhe niemand etwas wissen.

Aus der Tankstellenfiliale schallt laute House-Musik. Beim Betreten fällt einem sofort auf, dass man in keiner gewöhnlichen Tankstelle ist. Neben Bistro-Theke, Schokoriegeln und dem Kühlregal stehen junge Menschen, die sich unterhalten. Immer mehr kommen hinzu und holen sich ein Getränk aus dem Kühlschrank. Es herrscht Partystimmung bei Hamburgs Cruisertreffen.

Wenn es draußen kälter wird, findet die Party eher drinnen statt. Foto: Julian Kornacker

Joyce, eine blonde Frau Mitte zwanzig, arbeitet schon seit ein paar Jahren an der Tankstelle. Sie will das Cruiser-Treffen nicht als Party bezeichnen. „Die Leute kommen hierher und schauen sich an, was die anderen hier gebastelt haben und was für schicke Karren sie haben“, sagt sie. Sie kennt die Autobastler, Tuner und Cruiser alle persönlich  – wenn auch nicht vom Namen. Sie arbeitet jeden Freitag in der Nachtschicht. Dann ist endlich was los an ihrer Tankstelle. „Und man bekommt bekloppten Klönschnack mit“, sagt Joyce. Manchmal muss man sich in der Tankstelle aber auch anschreien: „Weil die Mucke zu laut ist“, sagt Joyce, „und man die Bestellung nicht versteht“.

Der Azubi Daniel erinnert sich noch gut an seine erste Freitagsschicht in Allermöhe: „Du denkst, oh mein Gott, ist das hier voll!“. Die Arbeit an anderen Tankstellen sei nicht mit der Stimmung in Allermöhe vergleichbar.

An Autos rumpuzzeln: ein Hobby wie Reiten

„Manche Mädels stehen darauf, reiten zu gehen. Die Leute, die sich hier treffen, puzzeln gerne an ihren Autos rum. Das ist deren Hobby.“ sagt Joyce. „Was gibt es Besseres, als sich jeden Freitag hier mit Leuten zu treffen, die das gleiche Hobby haben?“, findet sie. Für das Herz eines Autoliebhabers ist von A bis Z alles dabei: die Camaro-Fraktion, die Porsche-Fraktion, die Mini-Fraktion. Die kleinen Autos sind für die meisten hier der schönste Hingucker. Autoproller sind in Allermöhe an der falschen Stelle: „Mit einem Ferrari kann man hier nicht punkten. Anders ist das, wenn man mit einem Golf 1er aufkreuzt, der bis ins kleinste Detail gepflegt und gehegt wurde“, sagt die junge Frau.

Ein japanisches Modell. Foto: Julian Kornacker

Auch Lena verpasst kein einziges Freitagstreffen der Cruiser. Sie ist zwar erst siebzehn, aber schon seit zwei Jahren regelmäßig bei den Tunertreffen dabei. Über Freunde ist sie in die Szene hineingerutscht. Früher wollte sie mal Automechanikerin werden. Dass sie sich mit Autos auskennt, merkt man ihr an. „Wenn ich hier einen Golf rumstehen sehe, in den jemand viel Herzblut gesteckt hat, dann weiß ich, dass der von 95 auf 400 PS getunt wurde.“ Lenas Traumauto ist ein BMW E30 M3. Sie hat für die Leidenschaft der Autobastler Verständnis: „Die Leute wollen ihre Zeit nicht mit Fernsehen oder Fitness verbringen, sondern mit ihrem Auto“.

Tuning
Was ist beim Tuning erlaubt, was nicht? Grafik: Julian Kornacker

Cornern in Allermöhe – Im Winter ist Nebensaison

„Du chillst hier auf Campingstühlen und redest mit Freunden. Manche gehen feiern, wir sind hier“, beschreibt Lena eine typische Situation beim Treffen der Cruiser. Jetzt im November ist allerdings Nebensaison, da kommen weniger Leute und stehen in dicken Winterjacken vor den Autos. Regen, Kälte und Dunkelheit halten viele vom Treffen ab. Außerdem liefen die Saisonkennzeichen der Fahrzeuge im Herbst aus, erzählt Joyce.

hamburg cruiser allermöhe
In Allermöhe treffen sich Autofans zum Chillen. Foto: Cruisen Hamburg (Facebook).

In der Hauptsaison, die von Karfreitag bis Oktober geht, sind an einem Freitagabend bis zu 300 Autos an der Tankstelle zu sehen – und mehrere Hundert Schaulustige. Die Tankstelle ist dann so voll, dass man an die Tanksäulen nicht mehr herankommt. Auch wenn sich schon manche Kunden beschwert hätten, Chef Clemens stört das nicht. Für den Tankstellenbesitzer ist es ein gutes Geschäft. „Der Pächter verdient durch das Bistro, da Zigaretten und Kraftstoff preisgebunden sind“, sagt Joyce. Bald wird sie eine eigene Tankstelle betreiben.

Der Verkaufsschlager an der Tankstelle ist übrigens eine Käsebrezel. Der Verkaufsrekord an einem guten Freitag liegt bei 1000 Brezeln. Einzelpreis: 1,95 Euro. Um dem Andrang an der Tankstelle während der Cruisertreffen gerecht zu werden, bestellt der Tankstellenchef schon mal Personal aus seinen anderen Tankstellen. So stehen in Allermöhe manchmal 18 Leute hinter dem Tresen.

Infografik zur Tankstelle in Allermöhe. Grafik: Julian Kornacker

Während die Mitarbeiter sich drinnen um die Kunden kümmern, kann es draußen zu Szenen wie in diesem Video kommen, erzählt Joyce.

Für die Polizei gibt es in Allermöhe kostenlosen Kaffee

Von Problemen mit der Polizei will Joyce nichts wissen. „Hier macht keiner Blödsinn“, sagt sie. Ihr Chef, der Tankstellenwart und zwei Vertreter der Hamburg Cruiser hätten sich sogar mit der Kommissarin in Bergedorf getroffen, um das Jahr Revue passieren zu lassen. Die Polizei hätte alles genehmigt. Im Sommer, wenn mehr los ist, sind die Beamten mit drei Einsatzwagen vor Ort und sichern die Kreuzung, „damit nicht gedriftet wird“, sagt Joyce. Anders ist es, wenn abends alle wegfahren. „Da haben wir aber keine Aktien, was die starten“, sagt die Tankstellenwartin. Diejenigen, die auf „dicke Hose“ machen, seien meistens die 18-Jährigen, die gerade ihren Führerschein bekommen haben und sich etwas beweisen wollen. „Das sind die Querschläger“, sagt Joyce, „ansonsten gehen die Leute mit der Polizeipräsenz locker um“.

Oft würde die Polizei ihren Nachwuchs, der frisch von der Akademie kommt, für Kontrollen rund um das Autotreffen einsetzen – zum Üben. Sie ziehen dann Autos aus dem Verkehr, die etwa auffällige Felgen haben und prüfen, ob die Änderungen am Auto legal und eingetragen sind.

Infografik zur Soko Autoposer. Grafik: Julian Kornacker

Lenas Freund hat es schon mal erwischt: Sein Auto war zu tiefgelegt. Da hieß es „hochschrauben oder abschleppen lassen“. Drei Stunden habe er mit den Beamten auf dem Seitenstreifen verbracht, ehe die Fahrt weiterging. „Die Polizei ist eigentlich immer ganz korrekt“, sagt Lena.

Die Beziehung der Tankstellenbetreiber und der Polizei scheint freundschaftlich zu sein: Die zuständige Polizeiwache in Bergedorf bestätigt, dass die Treffen der Cruiser-Szene überwiegend störungsfrei verlaufen und spricht von einem unproblematischen Umgang zwischen der Polizei und den Teilnehmern der Treffen. Die Kontrollgruppe „Autoposer“ wurde bisher nicht im Bereich Allermöhe eingesetzt. Die Beamten grenzen die Teilnehmer in Allermöhe von den „Autoposern“ ab.

In Allermöhe kämen überwiegend Auto-Tuner zusammen, die sehr viel Wert auf Technik und Design legen. Bei den „Autoposern“ stünden dagegen auf Lärm getrimmte Fahrzeuge im Vordergrund. „Schnittmengen können nicht ausgeschlossen werden, sind aber bisher nicht festgestellt worden“, sagt die Polizei. Dennoch:“Etwaige vorkommende Verstöße werden restriktiv geahndet“, so Dirk Schmidt vom Kommissariat Bergedorf.

„Zum G20 waren sie alle froh, hier zu sein und nicht in der Innenstadt. Da haben sie alle einen Kaffee von uns bekommen“ sagt Joyce. Sie stellt fest: „Es gibt keine Tankstelle, die so ist wie unsere“.

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Agata Strausa, Jahrgang 1989, ist gebürtige Lettin, Spitzensportlerin und denkt dreisprachig: Deutsch, Englisch und Lettisch. Täglich läuft sie im Stadtpark oder um die Alster und kommt schnell mal auf 100 Kilometer in der Woche. Sie ist über die 5000 Meter die schnellste aller Lettinnen und hat schon in diversen Disziplinen an Europameisterschaften teilgenommen. In Florida hat Agata ihren Bachelor in Kunstgeschichte und BWL gemacht. Zurück in Hamburg entdeckte sie als Social-Media-Managerin in der Sportbranche die Freude an der Kommunikation. Außerdem gefällt ihr minimalistisches Design. Visuelle Ästhetik spielt selbst dann eine große Rolle, wenn sie To-do-Listen schreibt.