Schon wieder ein Geschäft pleite? Junge Menschen, die online shoppen, interessiert das vermutlich wenig. In ein Hamburger Kaufhaus mit Rooftop-Bar zieht es sie trotzdem. Wie Kreative die Innenstadt mitgestalten.

Ein prachtvolles Rathaus, Fachwerk entlang des Nikolaifleets, moderne Galerien in einem großen Bürogebiet, das sich vornehm Kontorhausviertel nennt: Die Hamburger Innenstadt ist einzigartig, aber wen interessiert sie? Seit Jahren diskutieren Politik, Bürger*innen und Wirtschaft, wie man wieder mehr Menschen in die unbelebte Innenstadt bringt und sie vielfältiger gestalten kann. Ein Projekt, das praktisch aufzeigt, wie es gehen könnte, heißt Frei_Fläche von der Hamburger Kreativgesellschaft. Es ist das vierte Projektjahr. Die Idee: Kreative beziehen leerstehende Räume zur Zwischennutzung – ob mit Mode-Design, abstrakter Kunst oder Graffiti. Werden sie auch langfristig die Innenstadt mitgestalten?

Seit dem ersten Juli 2021 ermöglicht das Programm Frei_Fläche Hamburgs Kreativen, zentrale Geschäftsflächen, die sonst leer stehen würden, kostengünstig zu nutzen. Betriebs- und Nebenkosten werden dabei von der Hamburg Kreativgesellschaft übernommen, allerdings keine Mieten. Die Kreativen zahlen einen Eigenanteil von 1,50 Euro pro Quadratmeter. Im Dezember 2023 beschloss die Hamburger Bürgerschaft, das Programm erneut zu verlängern, zunächst mit den verbleibenden Mitteln aus dem Vorjahr in Höhe von 1,6 Millionen Euro. Über hundert kreative Flächen sind in ganz Hamburg  durch das Projekt entstanden in den Bereichen bildende Kunst, Design, Musik oder Performance.

JUPITER: Bar und Graffiti im ehemaligen Kaufhaus

Rolltreppen, die früher Shopping-Gäste durch die verschiedenen Modeabteilungen gelenkt haben, verbinden nun Kunstausstellungen und Pop-Up-Stores. Umkleidekabinen werden nicht mehr zur Anprobe benutzt, sondern zeigen Graffiti-Art. Wenige Meter vom Hamburger Hauptbahnhof hat sich das ehemalige Karstadt-Sport-Gebäude vor zwei Jahren vom Shopping-Center in den Kreativplaneten JUPITER verwandelt.

Besonders die Bar im obersten Stockwerk ist zurzeit ein Anziehungspunkt für junge Leute, die tanzen oder den weiten Blick über die Stadt bei einem Drink erleben wollen. Ganz unten genießen Besucher*innen in einem Café Heißgetränke und durchstöbern die Kollektionen von La Tribune, eine 2021 gegründete Kreativhandelsplattform, die sich auf Produkte von BIPOC (Black Indigenous People of Colour) spezialisiert hat. Die Idee hinter dem Pop-Up-Store ist es, schwarzes Unternehmertum in Deutschland bekannter zu machen, erklärt der Eigentümer der Marke André Cramer.

Female Frames: Frauen in der Graffiti-Szene

Die Ausstellung „Female Frames“ im ersten Stock des Karstadt-Gebäudes rückt den weiblichen Blick auf Graffiti in den Mittelpunkt. Das Ziel: Sprayerinnen mehr Sichtbarkeit verleihen. Obwohl Graffiti in den letzten Jahrzehnten als Kunstform viel Anerkennung gewonnen hat, bleibt die Arbeit von Frauen oft im Schatten. Die Ausstellung der OZM Gallery wirft Fragen nach den repräsentierten Identitäten und den ausgeschlossenen Identitäten auf. Die Werke von etablierten Künstlerinnen sowie von jungen Talenten stehen allesamt für eine Emanzipation in der Geschichte des Graffiti.

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Im Jupiter finden immer wieder neue Ausstellungen und Kreativveranstaltungen statt. Eine erneute Verlängerung der Zwischennutzung müsse laut Kreativgesellschaft wieder mit der Stadt abgestimmt werden.
Im Jupiter finden immer wieder neue Ausstellungen und Kreativveranstaltungen statt. Eine erneute Verlängerung der Zwischennutzung müsse laut Kreativgesellschaft wieder mit der Stadt abgestimmt werden.

Anne Paulsen

Manche Kunstwerke wurden direkt vor Ort erstellt. Sie beziehen sich also direkt auf die Umgebung und interagieren mit den Räumen, die in ihrem Aufbau noch an die Lebenszeit des Kaufhaus-Konsums erinnern. Gründer der OZM Gallery (OneZeroMore), Alex Heimkind, betont im Gespräch mit FINK.HAMBURG vor allem die Begegnungen, die sich in den Räumen der Ausstellung vor Ort ergeben: „Durch die Lage direkt am Hauptbahnhof kommen hier Menschen vorbei, die sich normalerweise nicht für Kunst interessieren würden.” Alex ist selbst etablierter Hamburger Graffiti-Künstler und Galerist, der mit der Graffiti- und Hip-Hop-Szene aufgewachsen ist. Gemeinsam mit der HipHop Academy gibt es auf der Ausstellungsfläche auch Tanz-Workshops unter anderem in Breakdance und Voguing. Die Fläche sei ein Freiraum für Jugendliche und junge Erwachsenen, um sich ausprobieren zu können, so Heimkind.

Eine Modedesignerin erfindet das Hanseviertel neu

„Für mich war es schon immer ein Traum, mit meinem Konzept einen Platz in der Innenstadt zu bekommen“, erzählt Alina Klemm, Modedesignerin und eine der ersten Nutzer*innen des Projekts Frei_Fläche in Hamburg. In einer Zeit, die den Einzelhandel stark herausfordert, überrascht dieser Wunsch. Dennoch ist ihr Geschäft durch die Zwischennutzung schnell gewachsen.

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Alina bezog im Dezember 2021 erst eine Ladenfläche am Alten Wall und ist zwei Jahre später mit ihrem Laden ins Hanseviertel gezogen.
Alina bezog im Dezember 2021 erst eine Ladenfläche am Alten Wall und ist zwei Jahre später mit ihrem Laden ins Hanseviertel gezogen.

Anne Paulsen

Alinas kreatives Konzept steht für faire in Norddeutschland produzierte Mode von und für selbstbewusste Frauen. Die Designs ihrer Kleidungsstücke seien darauf ausgelegt, Verschleiß zu minimieren und lang zu leben. Alina verwendet hauptsächlich Deadstock, also hochwertige Designer-Stoffe, die von vorherigen Produktionen übrig geblieben sind. Die junge Designerin verkauft auf ihrer Frei_Fläche nicht nur Mode, sie bietet auch Kreativ-Workshops, zum Beispiel Töpfern, an. „Die Menschen sind gelangweilt, wenn sie in die Innenstadt kommen und nur traditionelle Einzelhandelsgeschäfte finden”, so Alina.

Schon vor der Pandemie änderte sich das Einkaufsverhalten vieler Menschen und immer weniger Kund*innen besuchten das Hanseviertel zwischen Poststraße, Große Bleichen und Hohe Bleichen. Die Corona-Pandemie verschärfte dieses Problem. Gleichzeitig ist Regionalität beim Einkauf wieder in den Fokus vieler Konsument*innen gerückt. Alina hat den Eindruck, dass mehr Menschen interessiert waren, neue lokale Marken kennenzulernen. Die Stadt müsse deshalb einen stärkeren Fokus auf kleine, innovative Konzepte setzen und diese fördern, um die Innenstadt wieder attraktiv zu machen. Vor allem mit Blick auf die Eröffnung der Konkurrenz, dem neuen Westfield-Shopping-Center in der Hafencity. Das Projekt Frei_Fläche habe dazu angeregt, die Innenstadt durch einen kreativen Einzelhandelsmix wieder attraktiver zu machen.

Unzählige Gesprächskreise zur Innenstadtentwicklung

Kreative Räume sind eine von vielen Ideen. „Unzählige Arbeits- und Gesprächskreise” sind über die Entwicklung der Innenstadt seit Jahren im Gespräch, heißt es in einer Antwort des Senats auf eine Anfrage der CDU Ende September 2022. Koordiniert wird deshalb all das seit Juni 2022 von Architektin und Hochschullehrerin Elke Pahl-Weber. Mitreden wollen Kaufleute, Umweltverbände, Kultur- und Kreativverbände.

Die Ideen reichten in der Vergangenheit von mehr verkaufsoffenen Sonntagen, über mehr Wohnraum, mehr Freizeitangebote bis hin zu einer schwimmenden Gastronomie auf der Binnenalster. Umgesetzt wurde viel Dekoratives: hölzerne Pflanzkisten am Jungfernstieg, Lampions am Ballindamm und Kübelpflanzen in den Shoppingstraßen zwischen Rathaus- und Gänsemarkt. Beim Handlungskonzept der Behörde für eine „attraktive Innenstadt für alle“ ist auch das Wohnen ein wichtiger Fokus. Derzeit sind laut Stadtentwicklungsbehörde über 800 innerstädtische Wohnungen in Bau oder Planung.

Die Ideen zeigen auf, was der Stadt Hamburg allgemein zu fehlen scheint. Der Wunsch von allen: mehr Nutzungsvielfalt. Gleichzeitig fehlt oft die Vorstellungskraft, sich hier zwischen seit Jahren leerstehenden Büroräumen und Ladenflächen einen neuen Erlebnisraum vorzustellen.

Immobilienwirtschaft und Kreative langfristig verbinden

Frei_Fläche ist ein Versuch, genau diese Möglichkeiten der Immobilienwirtschaft aufzuzeigen. „Mit kreativen Zwischennutzungen werden Potenziale auch für langfristige Nutzungen sichtbar”, so Constanze von Szombathely von der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen.

Auch die junge Modedesignerin hofft, dass ihr Konzept nicht nur innerhalb des aktuellen Projekts, sondern auch darüber hinaus in der Immobilienwirtschaft Anerkennung findet. Damit das auch anderen Kreativen gelingt, müssen sie ihre Konzepte verständlicher kommunizieren. So solle die Immobilienwirtschaft den Wert der Zusammenarbeit erkennen kann, so die junge Modedesignerin Alina. Schließlich liege auch das Interesse der Eigentümer darin, die Attraktivität der Innenstadt weiter zu fördern.

„Es ist wichtig, dass die Immobilienwirtschaft die Vorteile der kreativen Zwischennutzung erkennt und sich auch langfristig entsprechende Modelle entwickeln”, sagt Celina Behn von der Kreativ Gesellschaft. Das Förderprogramm Frei_Fläche läuft noch bis Ende 2024. Doch auch über die Programmlaufzeit hinaus werde angestrebt, die Zusammenarbeit zwischen Kreativwirtschaft und Immobilienwirtschaft zu verstetigen, so Behn

Anne Paulsen, geboren 1996 in Itzehoe, hat Flugangst, reiste nach dem Abitur aber trotzdem für ein Jahr auf die von der Klimakrise bedrohte Pazifikinsel Kiribati. Sie unterrichtete, pflanzte Mangroven und begann zu bloggen. Später schrieb sie für kleinere Magazine und eine NGO über Klimawandel und Nachhaltigkeit. In Hamburg studierte sie Religionswissenschaft. Auf den Salomonen hat sie den ersten Frauenboxkampf mitorganisiert und stieg auch selbst in den Ring. Einen Poetry Slam ohne Wettkampfcharakter zu organisieren, steht noch auf ihrer To-Do-Liste – dann würde sie sich vielleicht mit einem eigenen Gedicht auf die Bühne trauen. (Kürzel: apa)