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Wer zur Essensausgabe am Marie-Jonas-Platz kommt, geht selten mit leeren Tüten nach Hause. Foto: unsplash.

Brot, Möhren und etwas matschige Kiwis: Im Supermarkt aussortierte Lebensmittel rettet das Team des Projektes Götterspeise vor der Mülltonne und verteilt sie auf dem Marie-Jonas-Platz in Eppendorf. Ein Ortsbesuch.

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Am Marie-Jonas-Platz in Eppendorf stehen die Menschen für aussortierte Lebensmittel an. Foto: Agata Strausa

Vom Weihnachtsmarkt auf dem Marie-Jonas-Platz aus weht ein süßlicher Duft von gebrannten Mandeln und Pfirsichpunsch durch Eppendorf. Das warme Licht der Holzbuden taucht das kitschig bunte Kinderkarussel in festlichem Glanz. Die Menschen treffen sich hier nach Feierabend bei einer Tasse Glühwein. Musik aus dem Leiherkasten ist zu hören. Nur weniger Meter entfernt stellen zwei Frauen eine Bank auf.

Sabine und Sükrü – ihre Nachnamen wollten sie nicht nennen – schleppen Kisten aus dem Tiefgeschoss des benachbarten Einkaufszentrums. In ihnen befinden sich Lebensmittel, die eigentlich im Abfall landen sollten. Der Bio-Discounter Erdkorn hat sie aussortiert. Doch die Brotlaibe, Möhren und schon etwas matschigen Kiwis bekommen noch eine zweite Chance: Sabine und Sükrü verschenken sie. Die beiden Frauen engagieren sich ehrenamtlich gegen Lebensmittelverschwendung.

Lebensmittel zum Verschenken
Abfall, der noch genießbar ist. In Eppendorf werden Bio-Lebensmittel verschenkt. Foto: Agata Strausa

Schnell bildet sich um sie herum eine Menschentraube. Darunter ist eine Mutter mit Kind, ein Herr mit Hund und ein anderer auf seinem Fahrrad. Er hat einen Rucksack und Plastiktüten dabei. Sabine verteilt Zetteln, auf denen Nummern geschrieben stehen. Die Leute stellen sich in einer Schlange auf, entsprechend der Nummer, die sie gezogen haben. Nacheinander darf sich nun jeder etwas aus den Kisten nehmen. Es bleibt keine Karotte und kein Leib Brot übrig. Sogar eine angeschimmelte Zitrone findet eine Abnehmerin: „Daraus mache ich Putzmittel“, sagt die neue Besitzerin.

„Die Idee, aussortierte Lebensmittel von lokalen Supermärkten an Leute zu verteilen, kam von Marco Scheffler“, erzählt Sabine. Der Eimsbütteler gründete das Projekt Götterspeise und suchte nach Unterstützern, die etwas gegen Lebensmittelverschwendung  tun wollen. Los ging es mit einer Kooperation mit einem Edeka in Eimsbüttel, später kamen andere Supermärkte hinzu, so auch der Bio-Anbieter Erdkorn. „Es hat Leute gebraucht, die mithelfen, das Essen abholen und verteilen“, sagt Sabine. Sechsmal die Woche gibt das Team Lebensmittel auf dem Marie-Jonas-Platz aus.

Anders als bei der Tafel, geht es bei den Lebensmittelrettern nicht vorrangig darum, Bedürftige zu versorgen. „Es gibt Leute, die froh sind, etwas geschenkt zu bekommen. Es gibt aber auch Leute, die kommen, weil sie das Konzept gut finden“, erzählt Sabine. Wie voll es wird, hängt vom Wetter ab. „Mal sind viele Leute da, mal kommen nur drei oder vier. Wenn weniger kommen, gehen die Leute dann mit Bergen von Sachen nach Hause und verteilen es an Nachbarn“, sagt Sabine.

Ab und zu gibt es Streit bei der Essensverteilung, beispielsweise um das letzte Stück Brot. „Dann ist es wichtig, zu erinnern, dass das ja alles geschenkt ist und wir uns freuen sollten“. So sinnvoll das Konzept der Lebensmittelrettung ist, so unbekannt ist es teilweise noch. Das merken Sabine und Sükrü vor allem, wenn etwas vom Essen übrig bleibt und sie es an Passanten verschenken möchten.  „Das ist manchmal schwierig, weil Leute es nicht haben wollen“, so Sabine.  Vielleicht ändert das sich bald – die Bewegung wächst vor allem in der Großstadt ziemlich schnell.

Informationen zur Community und wie man selbst aktiv werden kann, gibt es bei Foodsharing Hamburg.