Christin Kahrs und Hündin May stehen hinter der Marke Gassi Glamour. Foto: Sarah Kneipp

Christin Kahrs fertigt Schmuckhalsbänder und Leinen aus Leder für Hunde. Im Interview spricht sie darüber, wie sie mit Gassi Glamour den Tierschutz unterstützt und wieso es nicht immer leicht ist, seine eigene Chefin zu sein.

FINK.HAMBURG: Was ist Gassi Glamour?

Christin Kahrs: Das Label ist perfekt für Hundebesitzer, die ihren Vierbeiner genauso sehr lieben, wie ich meinen, und ein Unikat für ihn suchen. Ich fertige Schmuckhalsbänder und Leinen aus Echtleder. Dabei flechte ich jedes Stück in Handarbeit. Der Kunde entscheidet, welche Farbe, welche Breite, welches Material und welcher Verschluss es sein soll. Jedes Produkt ist ein Einzelstück. Ganz ehrlich: Kein Mensch braucht meine Sachen, aber es ist einfach schön, sie zu haben.

Wie ist die Idee zur Gründung entstanden?

Ich wollte schon als Kind immer einen Hund haben. Nach dem Abi bin ich für zwei Jahre nach Spanien gegangen. Ich liebe das Land, ich mag auch die Leute, aber der Umgang mit den Tieren ist da echt ein Problem. Da brutzeln Hunde an der kurzen Kette stundenlang in der Sonne vor sich hin. Ich kann nicht die Welt retten, aber ich hatte das Gefühl, irgendwas tun zu müssen. Ich habe dann auf Teneriffa in einem Tierheim gearbeitet und zwischen meinem Medienmanagement-Studium und einem Job wieder vier Monate auf Mallorca in einem Tierheim ausgeholfen. Von dort habe ich meine Hündin May mit nach Hause genommen.

Zurück in Hamburg habe ich dann in einer großen PR-Agentur in Hamburg als Beraterin angefangen. Mir hat der Job viel Spaß gemacht, aber ich hatte immer im Hinterkopf, dass ich etwas mit Hunden machen möchte. Und das musste etwas sein, das ich neben dem Job abends machen und womit ich den Tierschutz unterstützen kann. So bin ich auf die Idee gekommen, Zubehör für Hunde herzustellen und dabei drei Euro pro Produkt an eines der beiden Tierheime in Spanien zu spenden.

Seitdem machst du Gassi Glamour quasi neben deinem Job in der Agentur?

Nach der Gründung im Oktober 2015 wurde relativ schnell klar, dass beides parallel nicht funktioniert. Das hat mir mein Körper ziemlich deutlich gezeigt. Der Stress hat mich zu einer siebenmonatigen Pause von mehr oder weniger allem gezwungen. Im Mai diesen Jahres habe ich mich gefragt, wie es weitergehen soll. Für mich wurde klar: entweder ganz oder gar nicht. Ich habe also meinen Job gekündigt und bin seitdem hauptberuflich und mit voller Energie selbständig.

Welche Rolle spielt das Internet für dich und dein Unternehmen?

Am liebsten vertreibe ich meine Produkte über meinen Online-Shop. Aber auch kleine, besondere Hundeläden verkaufen meine Produkte. Davon gibt es in Hamburg mittlerweile wirklich viele. Darüber hinaus gehe ich auf Messen und Hundeweihnachtsmärkte. Die Sozialen Medien sind extrem wichtig für mich. Vor allem bei Instagram habe ich engen Kontakt mit Hundeliebhabern – wobei die Zielgruppe für meine Preisklasse eigentlich ein bisschen zu jung ist. Da ist Facebook nicht zu verachten.

Stemmst du alles alleine, oder bekommst du Unterstützung?

Im Moment arbeite ich alleine. In meinem vorherigen Job war ich PR-Beraterin. Jetzt bin ich PR-Beraterin, Einkäuferin, Verkäuferin, Händlerin, Dienstleisterin, Produzentin, Buchhalterin, Steuerberaterin und ich bin Social-Media-Managerin auf einmal. Das heißt vor allem, dass ich nichts abgeben kann. Wenn ich in den Urlaub fahre, bleibt die Arbeit liegen, da gibt es einfach keine Vertretung.

Ihr Wohnzimmer ist ihr Arbeitszimmer – die Anmietung eines Büros rentiert sich aktuell noch nicht. Foto: Sarah Kneipp

Inwiefern hat sich dein Alltag durch die Gründung verändert?

Der Stress ist jetzt ein anderer – ein eher positiver. Ich habe vorher agenturtypisch sehr viel gearbeitet. Und ich glaube gar nicht, dass ich jetzt viel weniger arbeite. Das Schöne ist einfach, dass sich viele Aufgaben nicht mehr wie Arbeit anfühlen. Ich genieße es, dass ich mir meinen Tag selbst einteilen kann. Und wenn ich einen langen Spaziergang mit meiner Hündin May in der Mittagssonne machen möchte, dann kann ich das.

Kommt es vor, dass du dich nicht motivieren kannst zu arbeiten? Kontrolliert doch keiner…

An Motivation mangelt es mir schon alleine deshalb nicht, weil ich von dem Job meine Miete bezahlen muss. Es ist richtig, dass kein Druck mehr von oben kommt. Dafür mache ich ihn mir jetzt selbst. Ich gehe mit Gassi Glamour im Kopf schlafen und wache auch damit auf. Und wenn ich im Urlaub bin, bin ich auch nie ganz im Urlaub. Wenn etwas schiefläuft, kann ich die Verantwortung auf niemanden abwälzen. Facebook-Bewertungen zum Beispiel sind jetzt viel emotionaler.

Wie hat sich die Marke seit der Gründung entwickelt?

Sie hat sich mit meinen Erfahrungen entwickelt und verändert. In 2017 musste ich alles in die richtigen Bahnen lenken. Jetzt bin ich an einem Scheitelpunkt. Weil ich jetzt von meiner eigenen Marke leben muss, überlege ich, wie ich sie weiterentwickeln möchte.

Wo soll es 2018 hingehen?

Ich will herausfinden, ob ich langfristig von dem Unternehmen leben kann. Außerdem stehen Themen wie Preissystem, Positionierung und Bildsprache an. Ich glaube daran, dass Gassi Glamour auf Dauer funktionieren kann. Je nach Statistik gibt es in Deutschland acht bis neun Millionen Hunde. Und die haben für viele Menschen einen ziemlich hohen Stellenwert im Leben. Man sagt nicht umsonst, dass der Hund, gerade in Großstädten, das neue Kind ist. Der Markt ist da und hat Potenzial – er ist allerdings auch ein Haifischbecken. In Zukunft würde ich gerne in einem kleinen Team aus vier bis fünf Leuten arbeiten.

Wie hast du dich seit der Gründung entwickelt?

Ich glaube, keine zwei Jahre waren so verrückt und intensiv. Das letzte Jahr war vor allem von gesundheitlichen Problemen geprägt und dann wurde ich auch noch 30 und habe mich gefragt, wo ich eigentlich stehe und ob ich dort stehen möchte. Für mich ist es immer noch völlig surreal, dass ich das jetzt wirklich durchziehe. Meine Familie und Freunde dachten wahrscheinlich eher: „Na endlich macht sie etwas mit Hunden.“ Aber für mich gehört zu einer Gründung ein gutes Stück Mut dazu. Wenn man alles reinwirft, kann man auch alles verlieren.

Christins Tipps für junge Gründerinnen:

  1. So platt es klingt: Ohne Moos nix los. Ich habe unterschätzt, wie viel Geld man doch benötigt. Ein bestimmtes Kapital sollte man haben, bevor man anfängt. Man sollte einen Business Plan schreiben und die Finanzierung gut durchdenken. Es kommen ständig Kostenpunkte dazu, die man nicht bedacht hat und dafür sollte man ein Polster haben.
  2. Es gibt viele gute Initiativen, die Hilfe bei der Existenzgründung anbieten. Das Angebot würde ich auf jeden Fall nutzen. Ich habe richtig coole Seminare bei der Hamburger Existenzgründungsinitiative besucht, die mir sehr geholfen haben.
  3. Es wird Höhen und Tiefen geben und oft denkt man sich, dass das doch niemals klappen wird. Aber wenn man dranbleibt, ist es umso besser, wenn man merkt, dass es bergauf geht. Dass es erstmal etwas Zeit braucht, ist völlig normal.

In der Serie Gründerinnen beleuchtet FINK.Hamburg die Hamburger Startupszene und stellt Frauen vor, die den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben.

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Der perfekte Platz für einen Sonnenaufgang? Das ist für Sarah Kneipp, Jahrgang 1995, eine 140 Meter hohe Windkraftanlage, die sie natürlich selbst hinaufgeklettert ist. Auf Berge steigt sie aber auch gern. Außerdem könnte sie einem - als Unternehmen, aber bestimmt auch privat - selbst mitten in der Nacht ohne Probleme aus der Patsche helfen. Denn schnelle und richtige Entscheidungen treffen, das hat Sarah in der professionellen Beschäftigung mit Krisenkommunikation in den PR-Abteilungen mehrerer Unternehmen gelernt – darunter ein Hersteller von Windkraftanlagen. Wegen Benni, ihrem griechischen Straßenhund, ist sie seit einiger Zeit überdurchschnittlich viel vor der Tür und testet nebenbei das ein oder andere Sushi-Restaurant in Hamburg.

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