Unter Eppendorfs Straßen befindet sich ein Röhrenbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Nach dem Krieg wurde er vielfältig genutzt – vom Jazzkeller bis zur Kunsthalle. Die Unterwelt lässt sich noch heute an bestimmten Tagen entdecken.

Ein nasskalter Morgen in Eppendorf. Die stark befahrene Bundesstraße 433 an der Kreuzung Tarpenbekstraße/Lokstedter Weg sorgt für ein monotones Rauschen im Hintergrund. Zwischen Fahrradweg und Parkplätzen ist eine rechteckige Metallabdeckung auf dem Boden zu sehen. Ein verrostetes Geländer umzäunt die Abdeckung. Eine schlichte Tafel weist neben der Metallklappe auf den Bunker hin, der sich hier unter der Erde befindet.

Unter der Abdeckung verbirgt sich eine Treppe, die in einen alten Röhrenbunker führt. Sabine Maurer vom Stadtteilarchiv Eppendorf öffnet das große Schloss von der Metallabdeckung und schiebt sie mit einem großen Schwung zurück.

Am unteren Ende der Treppe steht eine Metalltür offen. Die grüne Farbe sieht man nur noch an ein paar Stellen, da der Rost fast die gesamte Tür befallen hat. „An dieser Tür stand der Bunkerwart und hat die Menschen gezählt. Es durften nur 100 Leute in den Bunker“, sagt Sabine Maurer. Von dem Vorraum gehen zwei Röhren ab. In den Röhren durften jeweils nur 50 Personen während eines Bombenalarms warten. „Der Bunkerwart musste immer genau gucken, wie viele Leute schon drinnen waren. Sie hatten ja auch Kinder, Koffer und andere Habseligkeiten dabei.“

Die Luft im Bunker ist feuchtkalt. Die Lampen an den niedrigen Decken leuchten die kargen Röhren aus. Niedrige Decken lassen den Bunker noch kleiner wirken. Die Vorstellung, mehrere Stunden mit hundert Menschen auf diesem kleinen Raum zu verbringen, löst ein beklemmendes Gefühl aus. Während oben Bomben einschlugen und der Strom ausfiel, durften die Menschen nur im äußerten Notfall die Röhren verlassen. Leuchtstreifen an den Wänden sorgten für ein wenig Licht und Orientierung. Toiletten gab es nicht, nur eine Art Plumpsklo am Ende der Röhre.

Der Luftschutzbunker wurde im Sommer 1940 gebaut und noch im Oktober desselben Jahres eröffnet. Die Röhren, in denen die Menschen während eines Bombenalarms Schutz suchten, liegen parallel nebeneinander und sind aus Beton. Zum Sitzen standen in beiden Röhren einfache Holzbänke. Strom gab es auch, aber durch die Bomben war die Versorgung damit nicht sehr zuverlässig. Zum Übernachten war der Bunker nicht vorgesehen: „Bei längerem Bombenalarm haben die Menschen die Nächte in ihren Kellern verbracht. Der Röhrenbunker war für Passanten gedacht, die sich bei Alarm in der Nähe aufgehielten“, sagt Sabine Maurer. Da die Altbauhäuser in Eppendorf sehr stabil sind und die Keller mit Eisentüren gesichert waren, hätten Anwohner die Nächte bei Bombengefahr in den eigenen Schutzräumen verbracht.

Vom „Plünnhöker“ bis zum Jazzkeller

Damit Besucher ein authentisches Bunkererlebnis haben, hat das Stadtteilarchiv Eppendorf den Orginialzustand bewahrt. Am Tag des offenen Denkmals (7.-9. September 2018) oder am Tag der Geschichtswerkstätten (Oktober 2018) ist der Bunker geöffnet und kostenlos zu besichtigen. Das Staddteilarchiv, seit 1995 Träger, bietet auch Führungen an. Bevor der Verein aus Eppendorf die Trägerschaft für den Bunker übernahm, wurde das Eppendorfer Mahnmal unterschiedlich genutzt. Nach dem Krieg diente der Röhrenbunker als „Plünnhöker“: Es wurden Waren getauscht. Von Kohle über Klamotten bis Geld gab es alles. Der Altwarenhändler benutzte bis ca. 1956 beide Röhren als Lager und Verkaufsfläche. Vier Jahre später wurde aus dem Plünnhöker ein Jazzkeller. Eine Jazztruppe entdeckte den Bunker und nutzte ihn als Übungs- und Partyraum.

Tapetenreste aus der Zeit des Jazzkellers. Foto: Catalina Langer
Tapetenreste aus der Zeit des Jazzkellers. Foto: Catalina Langer

Ein paar Elemente im Bunker erinnern noch an die Zeit des Jazzkellers. Blaue Tapetenreste hängen am Eingang zur linken Röhre. Im Vorraum sind an den Wänden noch ein paar silberfarbene Tapeten zu sehen. Es gab mehrere Musikbunker in Hamburg, die von der Stadt nicht genehmigt waren. 1962 mussten die Musiker den Bunker verlassen, da er als Reserve für Zivilschutzzwecke im Kalten Krieg bereitstehen sollte. Mehrere Jahre wurde der Röhrenbunker von Bund und Stadt nicht beachtet: Erst 1990 wurde der Stadt Hamburg die Anlage zur Verfügung gestellt. Über die Jahre war viel Wasser in den Bunker gedrungen und der Zustand hatte sich verschlechtert. Um den Bunker vor einer Schließung zu retten, initierten der Hamburger Autor Michael Batz und der Hamburger Künstler Gerd Strange das Projekt „Subbühne“. Der unterirdische Röhrenbunker ist dem Hamburger Dichter Wolfgang Borchert gewidmet, da sein Geburtshaus nur wenige Meter entfernt in der Tarpenbekstraße 82 liegt. Den Bunker hat er aber nie betreten, da er während des Krieges an der Front war. Nachdem das Projekt „Subbühne“ beendet war, übernahm das Stadtteilarchiv Eppendorf die Trägerschaft.

„Mahnmal für den Gebrauch“

Der Gedanke „Mahnmal für den Gebrauch“ ist bis heute der Leitsatz für den Röhrenbunker. Am Tag der Geschichtswerkstätten 2017 machte Borzilla, der Künstler aus dem Bunker an der Feldstraße, eine Austellung im Röhrenbunker. Viele Besucher kamen nach Eppendorf, um sich die unterirdische Kunstinstallationen anzugucken. „Die Installation hat sich auch auf den Krieg bezogen, aber sie war sehr modern. Es war eine sehr kreative und spannende Austellung in beiden Röhren.“ In den kahlen Räumen wirken Kunstwerke besonders: Nichts lenkt ab, die Atmosphäre ist ruhig und konzentriert. „Wir versuchen den Bunker umzuwidmen. Wir wollen nicht nur das dramatische Bunkererlebnis haben, sondern auch Kunstaustellungen.“ Kreativität soll im Bunker gelebt werden.

Der Weg aus dem circa 80 Quadratmeter großen Röhrenbunker ans Tageslicht dauert nur ein paar Sekunden. Schon auf der Treppe sind die Geräusche der Autos und dem Treiben auf Eppendorfs Straßen zu hören. Sabine Maurer rollt die schwere Metalltür über die Treppen. Die Stufen zum Bunker verschwinden hinter der Tür. Dass hier unter der Erde ein spannender Ort der Hamburger Geschichte liegt, erkennt man nur auf den zweiten Blick.

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Catalina Langer, Jahrgang 1994, hat den damaligen Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau schon einmal in die Nase gekniffen – mit drei Jahren. Nach ihrem Bachelor im Fach Europäische Studien aus Osnabrück kehrte sie wieder in ihre Heimat- und Lieblingsstadt zurück. Ihr Interesse für Politik führte sie bis in die Vereinigten Staaten, wo sie im US-Büro des „Stern“ arbeitete und im Rahmen von Hillary Clintons Wahlkampfveranstaltungen interessante Einblicke in die politische Kultur der USA bekam. Schon direkt nach dem Abitur reiste sie einmal um die Welt und bloggte von unterwegs über internationale Gärten. Catalina weiß aber auch, wie man den perfekten Milchschaum herstellt und sucht immer nach spannenden Restaurants.