Wenn Menschen unter Depressionen leiden, leiden Angehörige auch. Foto: Abbie Bernet/Unsplash
Wenn Menschen unter Depressionen leiden, leiden Angehörige auch. Foto: Abbie Bernet/Unsplash

Unter einer Depression leiden nicht nur Betroffene, sondern auch ihre Angehörigen. Eine 23-jährige Studentin trifft es besonders hart: Mutter und Schwester leiden unter der Krankheit. Kurzerhand zieht sie wieder zu Hause ein.

Sina* ist 23 Jahre alt und studiert in Hamburg. Sie lebt schon lange nicht mehr mit ihrer Mutter und ihrer 14-jährigen Schwester zusammen. Im Sommer 2017 geht sie jedoch für einige Zeit zurück nach Berlin, ihre Familie braucht sie. Ihre Schwester geht seit Wochen nicht zur Schule. Sie kann morgens nicht aufstehen. Ihre Mutter auch nicht. Sie sind beide krank, leiden unter Depressionen.

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Frühjahr 2016

Sinas Mutter beginnt im Frühjahr 2016 eine Therapie. Sie wird krankgeschrieben und arbeitet nicht mehr. Sina vermutet, dass sie schon viel länger depressiv ist. Anfangs war es für Sina nicht einfach die Situation anzunehmen: „Ich war skeptisch und fand es nicht gut, dass sie sich gleich so langfristig krankschreiben lässt. Da habe ich noch gedacht, das kann doch gar nicht so ernst sein.“ Später wird ihr klar, dass ihre Mutter lange versucht hat ihre Krankheit zu ignorieren, die Symptome zu verbergen:

„Wirklich bewusst wurde ihr erst in der Therapie, dass sie Depressionen hat.“

Der Weg bis zur klaren Diagnose durch einen Arzt kann lang sein. Es gibt Hauptkriterien die bei der Einordnung helfen: Antriebsmangel, niedergedrückte Stimmung und Interessenverlust gehören dazu. Hinzu kommen Nebenkriterien, wie die Veränderung des Schlafrhythmus, Verlust des Selbstvertrauen oder auch Suizidgedanken. Taucht eines dieser Symptome über einen Zeitraum von über zwei Wochen auf, könnte man depressiv erkrankt sein, so Anne Runde, Psychotherapeutin am UKE in Hamburg.

In Deutschland leiden rund acht Prozent der über 18-Jährigen an einer Depression. Das sind über vier Millionen Menschen.Einmal betroffen, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Krankheit häufiger auftrete, sagt Dr. phil. Anne Runde, Psychotherapeutin am UKE in Hamburg: „Wir gehen davon aus, dass etwa ein Drittel der Betroffenen nur einmal im Leben an einer Depression erkrankt.“

„Die Kriterien klingen vielleicht vage, das sind sie aber nicht wirklich“, sagt Anne Runde. Tatsächlich sei eine Diagnose relativ eindeutig gestellt. Die Trefferquote der Hausärzte bei einer Depression sei heute viel höher sei als vor 15 Jahren. Das Thema ist heute in der Gesellschaft präsenter. Die Übergänge von einem schlichten Stimmungstief bis zu einer Depression können jedoch fließend sein, Faktoren die das Gesundheitsbild beeinflussen, seien vielfältig und Symptome auch nicht immer ganz trennscharf. „Das ist übrigens nicht nur bei psychischen Erkrankungen so“, so die Expertin.

Therapieplätze sind schwer zu bekommen

Oktober 2016

Im Oktober 2016 geht es auch Sinas kleiner Schwester schlecht. Am Telefon erzählt ihre Mutter, die Schwester ist häufig müde, will nicht zur Schule gehen. Sie bittet früh um professionelle Hilfe. Die Familie sucht gemeinsam nach einem Therapieplatz. Etwas zu finden, kann Wochen dauern. In Deutschland werden drei von vier Patienten nicht angemessen therapiert. Mehr als die Hälfte der schwer Depressiven werden unzureichend, 18 Prozent sogar gar nicht behandelt.

Eine Depression kann tödlich verlaufen

Die Chance auf die schnelle Vermittlung eines ambulanten Psychotherapieplatzes hängt vom Wohnort ab, davon, ob man auf dem Land oder in der Stadt lebt. In Hamburg liegt die Wartezeit laut Anne Runde aktuell bei ca. einem halben Jahr. „Im besten Fall ist die Depression dann schon vorbei, im schlechtesten Fall ist der Mensch dann tot“, sagt die Psychotherapeutin. Depressionen sind eine lebensbedrohliche Krankheit, das mache die Situation so dramatisch.

Ob Betroffene auf professionelle Hilfe angewiesen sind, hängt auch mit der Schwere ihrer Depression zusammen. Häufig ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner und nimmt eine Einstufung vor. Bei leichten Symptomen bestelle er den Patienten nach zwei bis vier Wochen wieder ein. Geht es ihm nicht besser, verschreibe er eventuell ein Antidepressivum oder rät zu einer Psychotherapie. Bei schweren Depressionen bleibe laut Anne Runde häufig nur der Krankenhausaufenthalt.

Januar 2017

Sinas Schwester beginnt im Januar 2017 mit einer Therapie. Zu der Zeit geht sie noch unregelmäßig zur Schule. Ab März schafft sie es gar nicht mehr. Sie ist zu müde. Ihre Mutter auch. Sina bricht ihr Praktikum ab und kommt im März zurück nach Berlin. Sie zieht wieder bei ihrer Familie ein. Anfangs fühlt sie sich machtlos und ist von der Situation überfordert: „Wenn du alleine zu Hause mit zwei depressiven Menschen wohnst, die sich gegenseitig irgendwie nur weiter runterziehen, ist es schwer, positiv zu bleiben“, sagt sie.

Sina sucht Hilfe in einer Selbsthilfegruppe für Angehörige. Es tut ihr gut, mit anderen Angehörigen zu reden. Die Gespräche zeigen ihr aber auch, wie gefährlich Depressionen sein können: „Die Geschichten haben mich runtergezogen. Ich habe realisiert, dass Depressionen eine Krankheit sind, die nie wirklich weggeht. Also werden ich wohl mein ganzes Leben damit beschäftigt sein“.

Für Angehörige sei es besonders schwierig, zu ertragen, dass sich erkrankte Menschen oft völlig verändern. „Man sieht dann, dass die Mutter nicht mehr die Person ist, die sie vor der Krankheit mal war. Sie hat nicht mehr den Zugriff auf ihre Ressourcen und Kompetenzen, wie man das als Kind gewohnt ist“, erklärt Anne Runde. Die Angehörigen übernehmen ihre alltäglichen Aufgaben, sind irgendwann selbst völlig erschöpft.

Für Sina ist es vor allem schwer, geduldig zu sein. Irgendwann geht es ihr selbst nicht mehr gut: „Ich war überhaupt nicht mehr glücklich. Durch meinen Umzug von Hamburg nach Berlin hatte ich irgendwie das Gefühl, aus meinem Leben rausgerissen worden zu sein, mein glückliches Leben für die beiden aufgegeben zu haben“.

Jeden Montag von 14 bis 15 Uhr findet in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (UKE) in der Martinstraße 52, 20246 Hamburg eine offene Sprechstunde für Angehörige statt. Jeden ersten Tag im Monat trifft sich von 17:30 bis 19:00, ebenfalls im UKE ,eine offene Angehörigengruppe. Weitere Informationen findet ihr hier: 

In der Klinik hilft den Patienten der regelmäßige Tagesablauf

August 2017

Im August 2017 beginnt für Sinas Schwester nach langer Wartezeit ihr Klinikaufenthalt. Parallel geht es für Sina ins Auslandssemester. Sie darf ihre Schwester vorher noch einmal in der Klinik besuchen. Die Einrichtung ist spezialisiert auf psychische Beschwerden bei Kindern und Jugendlichen. Untergebracht ist Sinas Schwester in einem Teil der Klinik für Patienten mit ADHS, Depressionen oder Übergewicht. „Die Therapiegruppen sind meist gemischt und die Zimmer auch. Meine Schwester war mit einem Mädchen mit Übergewicht und einem depressiven Mädchen auf einem Zimmer“.

Die Klinik erinnert Sina an eine Jugendherberge. Neben Angeboten wie Yoga, Zeichnen, Sport oder Massage gibt es regelmäßig Therapiesitzungen, an denen man einzeln oder in der Gruppe teilnimmt. Sina hat das Gefühl, dass es ihrer Schwester dort besser geht. Vor allem der geregelte Tagesablauf hilft neben den Therapieeinheiten enorm, so Anne Runde.

September 2017

Nach sechs Wochen kommt Sinas Schwester wieder nach Hause. Es geht ihr besser, sie besucht wieder die Schule und feiert sogar mit Freunden ihren Geburtstag. „Das wäre im Sommer nicht denkbar gewesen“, sagt Sina. Ihre Schwester findet ihren eigenen Weg, um mit der Depression umzugehen. Sie veröffentlicht bei Instagram selbst gezeichnete Bilder, erzählt über ihre Reha und spricht über die Krankheit.

Instagram-Community als Therapiegruppe?

Tatsächlich wird die Wirkung Sozialer Netzwerke im Zusammenhang mit psychischen Krankheiten stark diskutiert. Während einige kritisieren, die Portale begünstigen Depressionen, argumentieren andere, sie bieten Betroffenen einen Raum, um sich auszutauschen. Die Community ist groß: Accounts wie „psychotic.angels“ haben über 10.000 Follower. Unter dem Hashtag #depression findet man über zehn Millionen Beiträge. Wer den Hashtag ins Suchfeld eingibt, wird seit Herbst 2016 automatisch gefragt, ob er Hilfe bracht. Die Funktion soll Nutzer schützen.

Screenshot der Instagram-Seite "psychotic.angels". Die Seite hat über 10.000 Abonnenten . Screenshot: Talika Öztürk (Datum: 12.12.17, 15:30 Uhr)
Screenshot der Instagram-Seite „psychotic.angels“. Die Seite hat über 10.000 Abonnenten . Screenshot: Talika Öztürk (Datum: 12.12.17, 15:30 Uhr)
Warnung auf Instagram, wenn man nach #depression sucht. Screenshot: Talika Öztürk
Warnung auf Instagram, wenn man nach #depression sucht. Screenshot: Talika Öztürk

Heute 

Sinas Mutter geht es leider nicht besser. Sina denkt, dass sie nie weider arbeiten kann. Auch kann sie, anders als bei ihrer Schwester, mit der Mutter nicht gut über die Krankheit sprechen. „Ich weiß nicht, ob sie vielleicht selbst die Hoffnung aufgegeben hat, je wieder gesund zu sein“.

Die Psychotherapeutin Anne Runde macht Betroffenen trotzdem Mut: „Es ist falsch zu denken, alle Menschen die an einer Depression leiden, bleiben für immer depressiv“. Es gebe oft gute Chancen auf eine Heilung oder zumindest eine Besserung des Gesundheitszustandes. „Egal wie viele schwierige Jahre hinter den Patienten liegen, ich gehe immer davon aus, dass es ihnen besser gehen kann. Das ist meine feste Überzeugung“.

Habt ihr Angst, selbst an ein Depression zu leiden oder Probleme über die ihr mit niemandem sprechen könnt? Erste Hilfe kann der Selbsttest der Depressionshilfe sein. Bitte ruft unter der Nummer 0800 / 33 44 533 bei der Deutschen Depressions Hilfe an oder sucht euren Hausarzt auf. Auch bei uns an der HAW findet ihr Hilfe. 

*Name von der Redaktion geändert.