Im Gefängnis ist Weihnachten die schlimmste Zeit des Jahres. Volkert Ruhe hat sie in all ihrer Trostlosigkeit erlebt. Seit einigen Jahren bringt er Jugendliche hinter Gitter – um sie abzuschrecken.

Über zwanzig Jahre ist es her, dass Volkert Ruhe im Gefängnis saß. An die Feiertage hinter Gittern erinnert er sich dennoch gut: „Alle tanzen um den Weihnachtsbaum und jeder bekommt einen Kasten Bier: Weihnachten ist eine super Party im Knast“, sagt Ruhe. Alkoholkonsum im Strafvollzug? „Das war ein Scherz.“ In Gefängnissen wie in der Hamburger Strafvollzugsanstalt Fuhlsbüttel, genannt Santa Fu, gibt es über die Feiertage wenig zu feiern.

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Auf dem Flur der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel . Foto: Jörn Daberkow.

Kein Braten, nur ein bisschen frische Luft

Drei Euro – oder sogar mehr – geben manche Menschen für einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt aus. Der gleiche Betrag steht jedem Häftling für die Lebensmittelversorgung zur Verfügung, und das pro Tag. Weihnachten ist da keine Ausnahme: „Es gibt das trostlose Essen, das es das ganze Jahr über gibt. Kein Gänsebraten, kein Kartoffelsalat mit Bockwurst“, sagt Ruhe.

Heiligabend hinter Gefängnisgittern verläuft routinemäßig: „Die meiste Zeit sitzen die Gefangenen in ihren Zellen. Für zwei Stunden haben sie die Möglichkeit aus den Zellen rauszukommen. Dann können sie auf den Hof gehen und ein bisschen frische Luft schnappen. Oder joggen. Mehr passiert nicht“. Ruhe sagt, für die Insassen sei Weihnachten ein Tag wie jeder andere. Gefeiert wird im Gefängnis nicht. Im Gefängnis wird auch nicht weihnachtlich dekoriert. Einzige Außnahme: Der Besucherraum in der Gefängniskirche von Santa Fu. Dort steht zur Weihnachtszeit eine geschmückte Tanne.

Wer noch Kontakt zu seiner Familie hält, darf zu Weihnachten auf Besuch hoffen. Im Kirchen- und Besucherraum stehen Tische, an denen sich Häftlinge und Besucher gegenübersitzen können.

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Die Gefängniskirche ist gleichzeitig der Besucherraum in Santa Fu. Foto: Jörn Daberkow.

Im Besucherraum haben die Häftlinge zu Weihnachten eine Stunde Zeit, um mit der Ehefrau, den Kindern oder den Eltern zu sprechen. Eine kurze Umarmung ist die einzige körperliche Zärtlichkeit, die erlaubt ist. Man sieht auch viele traurige Kindergesichter. „Die Kinder fragen, warum der Papa nicht mit nach Hause kommt. Warum es keine Geschenke gibt. Und der Papa erfindet dann irgendwelche Ausreden, er wäre Heiligabend im Krankenhaus oder auf Montage“, sagt Ruhe. „Wenn die Gefangenen abends in ihren Zellen sitzen, fließt schon auch mal die ein oder andere Träne, weil sie an die Familie zu Hause denken.“

Aufeinandertreffen von Gefangenen und Jugendlichen?

Volkert Ruhe wurde wegen Drogenschmuggels zu dreizehn Jahren Haft verurteilt, davon saß er acht Jahre im Gefängnis, die meiste Zeit im Santa Fu. Im Jahr 2001 gründete er den Verein Gefangene Helfen Jugendlichen. Dieser setzt sich für die Wiedereingliederung von ehemalig inhaftieren Straftätern in die Gesellschaft ein. Gleichzeitig wollen die Mitglieder verhindern, dass Jugendliche eine kriminelle Karriere einschlagen, indem sie sie mit dem Gefängnisalltag und Biografien der ehemaligen Inhaftieren konfrontieren.

Die Idee für den Verein „Gefangene helfen Jugendlichen“ hatte Ruhe nach seiner Freilassung:“ Ich habe reflektiert: Warum sitze ich, wer hat die Schuld daran? Viele Gefangene sind nicht in der Lage dazu, zu reflektieren. Sie denken, der Richter wäre Schuld oder der Polizist, der sie verhaftet hat. Aber wenn man in der Lage ist zu reflektieren, erkennt man irgendwann, dass man selbst die Schuld an seiner Situation trägt.“

Volkert Ruhe gründete nach seiner Freilassung den Verein Gefangene helfen Jugendlichen, um zu verhindern, dass junge Menschen in die Kriminalität abrutschen und irgendwann selbst im Knast landen. In Deutschland befinden sich über 50.000 Menschen im Strafvollzug. In Hamburger Gefängnissen sitzen 1.187 Personen ein, zehn Prozent davon sind jünger als 25 Jahre. Die Rückfallquote von Jugendlichen beträgt über 50 Prozent. Die ungewöhnliche Methode von Ruhe, dem entgegenzuwirken: Er organisiert Gefängnisbesuche, bei denen Jugendliche und Straftäter aufeinandertreffen – innerhalb der Gefängnismauern.

„Ein Mann ohne Knast, ist wie ein Baum ohne Ast“

Viele Jugendliche hätten eine falsche Vorstellung, wie es im Knast wirklich ist. „Sie kennen Gefängnisse nur aus Serien wie Prison Break – und denken, das ist ziemlich cool dort. Die sagen dann auch mal so was wie: Ein Mann ohne Knast, ist wie ein Baum ohne Ast“, sagt Ruhe. Deshalb nimmt er sie mit ins Gefängnis, um ihnen zu zeigen, „wie es wirklich ist“.

Beim Besuch in Santa Fu dürfen, beziehungsweise müssen, die Jugendlichen 15 Minuten in einer Zelle verbringen, die Enge am eigenen Leib spüren. Wie wäre es, hier für 15 Monate oder sogar 15 Jahre eingesperrt zu werden? In der Gefängnisküche gibt es eine Kostprobe vom Gefängnisessen. Im Besucherraum haben sie dann die Möglichkeit, mit ausgewählten und geschulten Gefangenen zu sprechen und ihnen Fragen zu stellen. „Natürlich nicht, wie sie die nächste Bank überfallen“, sagt Ruhe. Wenn sie nach dem Besuch wieder aus dem Gefängnis kommen, sagen viele „Puh, hier will ich nie landen.“

Silvester mit Ohoropax statt Feuerwerk

Der Besuch im Knast soll die jungen Menschen zum Umdenken anregen, sie abschrecken. Das gelingt nicht immer. „In der Regel treffen sich die Jugendlichen dann abends mit ihren Kumpels auf dem Spielplatz oder im Park. Sie sitzen dann dort wieder mit ihrer Gruppe zusammen, konsumieren Alkohol oder Drogen und dann dauert es nicht lange, bis sie auf dumme Ideen kommen“. Deshalb ergänzt eine Vor- und Nachbereitung den gemeinsamen Gefängnisbesuch.

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Bei den Besuchen spricht man auch über das Gefühl, an Feiertagen wie Geburtstag, Weihnachten oder Silvester hinter Gittern zu sein. Ruhe sagt: „An Silvester legen sich die meisten Gefangenenfrüh schlafen und stopfen Ohoropax in die Ohren. Sie haben keine Lust, das Feuerwerk mitzubekommen, oder darauf, zu sehen, wie die anderen feiern.“

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„an Weihnachten verzweifelt der ein oder andere“

„Die Weihnachtszeit ist auch eine Zeit, in der die Gefängnisbeamten besonders wachsam sein müssen,“ sagt Ruhe. Die Suizidrate unter den Gefangenen sei hoch, gerade an Weihnachten verzweifle der ein oder andere. „Viele Gefangene tun so, als würde Weihnachten sie nicht jucken. Sie verkriechen sich in ihren Zellen. Vielleicht auch nur, weil sie den Schmerz, nicht bei ihrer Familie sein zu können, nicht ertragen können“.

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Talika Öztürk, Jahrgang 1995, hasst nichts mehr als Käse, außer Rassismus - und der ist ja auch Käse. Snapchat steht bei der Berlinerin irgendwo kurz vor gutem Essen und Trinken. Sie liebt (viele!) Sneaker, gute Laune und Lakritz. Den Bachelor in Publizistik und Politik im Gepäck, sammelte Talika berufliche Erfahrung in einer Werbeagentur und im Theater. Ansonsten setzt die Älteste von drei Schwestern ihre journalistischen Schwerpunkte in den Bereichen Kultur und Politik. Die ersten vier Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Istanbul, aber ihr Türkisch ist etwas eingerostet.
Agata Strausa, Jahrgang 1989, ist gebürtige Lettin, Spitzensportlerin und denkt dreisprachig: Deutsch, Englisch und Lettisch. Täglich läuft sie im Stadtpark oder um die Alster und kommt schnell mal auf 100 Kilometer in der Woche. Sie ist über die 5000 Meter die schnellste aller Lettinnen und hat schon in diversen Disziplinen an Europameisterschaften teilgenommen. In Florida hat Agata ihren Bachelor in Kunstgeschichte und BWL gemacht. Zurück in Hamburg entdeckte sie als Social-Media-Managerin in der Sportbranche die Freude an der Kommunikation. Außerdem gefällt ihr minimalistisches Design. Visuelle Ästhetik spielt selbst dann eine große Rolle, wenn sie To-do-Listen schreibt.