Heute gibt es selbstgemachte vegane Burger zum Mittag. Foto: Luisa Höppner

Der Mädchentreff Kirchdorf Süd ist für Mädchen aus benachteiligten Familien wie ein zweites Zuhause. Hier essen sie gemeinsam Mittag, tanzen Hip-Hop und finden Ansprechpartnerinnen für persönliche Themen. 

Es riecht es nach gerösteten Zwiebeln. Aus dem rechten Flügel der Erdgeschosswohnung eines 13-stöckigen Sozialwohnbaus dröhnt laute Hip-Hop-Musik, aus einem weiteren Zimmer der Wohnung klingen Mädchenstimmen und lautes Gelächter.

Das 13-stöckige Hochhaus, in dem sich der Treff befindet. Foto: Luisa Höppner

Seit 14 Uhr ist im Mädchentreff Kirchdorf Süd Alltag eingekehrt. Drei Mädchen rennen aus dem hinteren Teil der Wohnung auf Nihada Moric zu. Die 38-Jährige ist Sozialpädagogin und Leiterin des Treffs. „Das Essen ist jetzt fertig. Es gibt vegane Burger. Kommst du?“, ruft die elf-jährige Ava*. Moric begleitet die Mädchen in die große Küche. Auf einem langen Tisch steht alles, was man zum Belegen eines veganen Burgers braucht: Gemüse-Patties, viel Rohkost, Ketchup und vegane Mayonnaise. „Das haben wir alles selbst gemacht“, sagt Hamza* (15) stolz. Als alle am Tisch sitzen, beißen die ersten Mädchen genüsslich in ihre Burger. „Besser als bei Mama“, sagt Ava mit Ketchup-verschmiertem Mund.

Chancengleichheit für Mädchen

Seit etwa 30 Jahren setzt sich der Mädchentreff Kirchdorf Süd für die Chancengleichheit junger Frauen ein. Mädchen sollen ein Bewusstsein für die Vielfalt an Möglichkeiten entwickeln, die das Leben für sie bereithält und an Selbstvertrauen gewinnen. Vor allem sollen sie auch Berufsfelder kennenlernen, die, wie sie glauben, typisch für Jungs sind.

Nihada Moric – Sozialpädagogin und Leiterin des Mädchentreffs. Foto: Luisa Höppner

Viele Mädchen leben in dem Glauben, dass sie später als Kassiererinnen in Drogerien und Discountern ihren Unterhalt verdienen werden. „Deshalb zeigen wir ihnen im Rahmen von praktischen Projekten mit Schulen und Unternehmen, wie eine Bauingenieurin Gebäude plant oder wie eine KFZ-Mechatronikerin ein Auto in seine Einzelteile zerlegt“, erklärt Nihada Moric.
Dass auch Frauen Großes bewirken können, verdeutlichen die Bilderrahmen an den Wänden im Flur des Mädchentreffs. Hier liest man Geschichten von der ersten weiblichen Bundeskanzlerin Angela Merkel oder von feministischen Bewegungen des letzten Jahrhunderts.

Der Mädchentreff Kirchdorf Süd ist wie ein zweites Zuhause

Täglich verbringen bis zu 50 Mädchen im Alter zwischen zehn und 27 Jahren ihren Nachmittag in der Freizeit-, Bildungs- und Beratungseinrichtung. Hier kochen und essen sie gemeinsam, besuchen Tanzkurse, erledigen ihre Hausaufgaben, treffen Freundinnen und Freunde oder ziehen sich zurück. All diese Dinge wären für die meisten der Mädchen ohne den Treff nicht möglich. „Unsere Mädchen finden in ihren Familien keine Ansprechpartnerinnen oder Ansprechpartner für sensible oder intime Angelegenheiten“, sagt Moric.

Die Mädchen im Mädchentreff Kirchdorf Süd haben die Möglichkeit an Tanzstunden teilzunehmen. Foto: Luisa Höppner
Hip-Hop-Tanzstunde im Mädchentreff. Foto: Luisa Höppner

„Unsere Mädchen finden in ihren Familien keine AnsprechpartnerInnen oder ANsprechpartner für persönliche Themen.“

Den meisten Eltern fehle es außerdem an Bildung oder sogar an Ambitionen, um ihre Kinder in persönlichen Dingen oder bei den Hausaufgaben zu unterstützen. Auch die finanziellen Möglichkeiten seien begrenzt, so Moric: „Mal eben ein Eis am Nachmittag ist einfach nicht drin.“
Der Treff ist für die Mädchen wie ein zweites Zuhause. Die Räumlichkeiten sind einer richtigen Wohnung nachempfunden: es gibt eine gemeinsame Küche, ein Wohnzimmer, ein Arbeitszimmer mit Rechnern und einen Kreativ-Raum. Aber genauso bietet der Mädchentreff Rückzugsmöglichkeiten und Platz für persönliche Gespräche.

Psychologische Beratung für Geflüchtete

Seit zwei Jahren bietet der Mädchentreff insbesondere für geflüchtete Mädchen psychologische Beratung. „Geflüchtete erleben in Deutschland unfassbare Dinge“, so Moric. Ein elfjähriges afghanisches Flüchtlingsmädchen aus Wilhelmsburg durchlebte zum Beispiel vor einiger Zeit einen Albtraum: Beinahe wäre sie mit einer befreundeten albanischen Flüchtlings-Familie abgeschoben worden, bei der sie einen Nachmittag verbrachte. Aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse konnten weder die albanische Familie noch das betroffene Mädchen der Polizei vermitteln, dass sie kein Mitglied der Familie sei. Die Beamten brachten die weinende Elfjährige mit ihren vermeintlichen Angehörigen zum Hamburger Flughafen, um von dort aus nach Albanien zu fliegen. In letzter Sekunde schafften es aber Sozialarbeiterinnen der entsprechenden Flüchtlingsunterkunft, das afghanische Mädchen zurückzuholen, das inzwischen von seiner Mutter vermisst wurde.
Um mit den Ängsten und Folgen solcher Erlebnisse klarzukommen, gibt es im Mädchentreff eine Psychologin, die sich mit den Geflüchteten Zeit für die Aufarbeitung nimmt.

Integration, Toleranz und Akzeptanz

„Du Flüchtling!“, ruft die türkischstämmige Ayla* einer neuen nordafrikanischen Besucherin des Mädchentreffs zu, die kaum Deutsch spricht. Nilab Wardak nimmt Ayla zur Seite und erklärt ihr, warum es diskriminierend sei, jemanden so zu beschimpfen, zumal sie doch selbst als Kleinkind mit ihrer Familie nach Deutschland flüchtete. Neben psychologischer Betreuung bringt Wardak im Rahmen von kleinen Workshops den Mädchen gesellschaftliche Themen wie beispielsweise Homosexualität näher. Die Mädchen sollen schon früh ein Bewusstsein für Toleranz und Akzeptanz entwickeln und Vorurteilen und Diskriminierung keinen Raum lassen.

„Jungs verstehen uns Mädchen nicht“

Am Ende fragt man sich aber: Warum gibt es weder männliche Besucher noch Betreuer im Mädchentreff, wenn gerade Diskriminierung kein Thema sein sollte?

Auf dem Bild sieht man eine Besucherin des Mädchentreff Kirchdorf Süd. Sie lernt für eine Klausur. Foto: Luisa Höppner
Bildung ist der Schlüssel für eine bessere Zukunft. Foto: Luisa Höppner

Dazu sagt die 15-jährige Selin*: „Nein, Jungs würden hier nicht herpassen. Die verstehen uns Mädchen nicht. So sind wir unter uns und wer trotzdem Jungs in seiner Freizeit treffen möchte, macht das einfach.“
Im Mädchentreff Kirchdorf Süd herrscht ein faires und demokratisches Miteinander, indem jeder mal die Küche putzt, die Blumen gießt und genauso mal die Füße hochlegen darf. Veraltete Rollenbilder haben hier laut Moric keinen Platz. Mädchen gehören nicht nur an den Herd und haben genauso Anspruch auf Bildung wie Jungs.

Während Moric mit den Mädchen den Tisch abräumt, sagt sie abschließend: „Für die Zukunft wünsche ich mir, dass unsere Mädchen selbstständige, junge Frauen werden. Wir unterstützen sie darin, einen Bildungsabschluss zu erreichen und optimistisch nach vorne zu blicken. Denn Bildung ist der Schlüssel für eine bessere Zukunft.“

Dolle Deerns – Trägerverein des Mädchentreffs Kirchdorf Süd

Dolle Deerns e.V. ist ein Verein zur Förderung feministischer Mädchenarbeit. Gegründet wurde er im Jahr 1983 mit dem Ziel Mädchen und junge Frauen hinsichtlich Bildung und sozialer Benachteiligung zu unterstützen. Neben dem Mädchentreff in Wilhelmsburg gibt es in Hamburg fünf weitere Standorte, die unter dem Trägerverein Dolle Deerns, Mädchen fördern. Selbstbestimmtheit, Toleranz und die Entfaltung der Identität gehören zu den Kernpunkten der Arbeit mit den Mädchen.

*Namen geändert 

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Luisa Höppner, Jahrgang 1994, ist eine Frau, die zu ihrem Wort steht. Einmal meldete sie sich nach einigen Flaschen Bier für einen Marathon am Folgetag an und legte die 42 Kilometer zwölf Stunden später tatsächlich erfolgreich zurück. Luisa hat ihren Bachelor in Kommunikationswissenschaften gemacht und bringt Expertise in den Bereichen Lokaljournalismus, Social Media und Fotografie mit. An einem perfekten Tag erklimmt die geborene Münsteranerin mit einer Kamera um den Hals Berge in Südostasien und kocht danach mit einer Truppe von Leuten ein leckeres Curry. Seit März 2018 wohnt Luisa in einer WG in St. Georg, wo sich ihre vier Mitbewohner an ihrer neuesten Leidenschaft erfreuen: elektronische Musik auflegen. Kürzel: lh