Die Videoleinwände im Eingang.
Die Videoleinwände im Eingang. Foto: Eric Recke

Was haben der Wegbereiter der modernen Malerei, ein sowjetischer Ausnahmefilmer und ein reicher US-Künstler gemeinsam? Sie beschäftigen sich mit Politik und werden unter dem Titel „Proof“ noch bis zum 27. Mai in den Deichtorhallen ausgestellt. 

Francisco de Goya (1746–1828) hat mit seinen gesellschaftskritischen Druckgrafiken die moderne Malerei geprägt. Sergei Eisenstein (1898–1948) war mit seinen sowjetischen Filmen einer der Pioniere des modernen Videos. Und Robert Longo (*1953)? Der verkauft nach wie vor riesige Bilder für gut Betuchte. Mit der Ausstellung „Proof“ versuchen die Deichtorhallen die drei politischen Künstler zusammenzubringen. Die Werke sind sehr beeindruckend, ihre Zusammenstellung wirkt aber etwas konstruiert.

Künstlerische Dreifaltigkeit

Drei Videoleinwände hängen nebeneinander im ersten Raum. Auf ihnen werden jeweils drei Bilder der drei Künstler gezeigt und in Bezug zueinander gesetzt: Goyas „Die Erschießung der Aufständischen“ zu einer Szene aus Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“, in der die zaristische Armee auf die Aufständischen in Odessa schießt. Daneben hängt ein lichtdurchflutetes Bild eines Waldes von Longo.

Die Bilderreihen wechseln alle zehn Sekunden und zeigen, wo es hier in der Komposition hakt: Longos Bilder haben, außer dass sie in schwarz-weiß gehalten sind, inhaltlich wenig Bezug zu den Werken der beiden anderen Künstler. Während bei Goya und Eisenstein monarchistisch-militärische Gewalt gegen wehrlose Menschen thematisiert wird, ist Longos Bild des Waldes in dem Zusammenhang schwer zu deuten.

Eingreifende Kunst

Wer weiter durch die Deichtorhallen schlendert, trifft auf riesengroße Werke von Longo: Mit bis zu 7,5 Metern Breite wirken die Bilder von weitem wie dunkle Fotografien. Tatsächlich handelt es sich um Kohlezeichnungen, die hinter Glas einander gegenüber an den Wänden hängen. Betrachtet man eines, spiegelt sich ein anderes im Glas. Longo sagt in einem Video der Deichtorhallen, dass das ein bewusster Effekt ist. Dadurch entstehe ein Dialog in der Welt. Und so kommuniziert ein Weißkopfseeadler mit einer gezeichneten Satellitenaufnahme eines Luftbombardements in Syrien.

Das Video verrät noch mehr über den Künstler: Longo wollte als Zeichenvorlage für den Adler ein zerzaustes Exemplar finden, um seine Sicht auf die aktuelle USA zu zeigen. Sein Konzept geht auf: Er kann so über die Kombination aus US-Wappentier und den bekanntlich ineffektiven US-Luftbombardements in Syrien die erlahmende Kraft der Weltmacht darstellen. Da er die Satellitenaufnahme aber unkritisch nachzeichnet, nimmt er zur US-Politik keinen eigenständigen künstlerischen Standpunkt ein, der über den des Chronisten hinausgeht. Goya und Eisenstein stellen hingegen den Krieg als Gräuel dar und als abzuschaffendes Übel. Ihre Kunst griff in die Politik ein, Longos betrachtet sie bloß.

Kunst für die Masse

Sechs fünf mal fünf Meter große Leinwände zeigen Eisensteins Filme an der Rückwand des hintersten Raumes – in tausendfacher Verlangsamung. Davor sind 40 handgezeichnete Skizzen Eisensteins zu seinen Filmen ausgestellt, Leihgaben vom russischen Staatsarchiv für Literatur und Kunst. Eine gute Idee: Szene für Szene lassen sich die Bildkompositionen durch die Verlangsamung betrachten und durch die Skizzen eröffnet sich der Blick auf den künstlerischen Geist Eisensteins bei der Arbeit.

Eisenstein gilt als sowjetischer Ausnahmefilmer. Er kämpfte erst bei der Roten Armee, bevor er zum Chronisten der Oktoberrevolution und der jungen Sowjetunion wurde. Er prägte die heutige Schnitttechnik maßgeblich durch harte Schnitte mit starken emotionalen Kontrasten, um die Zuschauer aufzuwühlen und sie in das Geschehen hineinzuziehen. Seine Vorgehensweise, eher große Menschenmassen statt Einzelschicksale in den Fokus zu rücken, wurde oft zitiert. Die besagte Szene aus „Panzerkreuzer Potemkin“ ist eine der bekanntesten der Filmgeschichte. Auch hier zeigt sich ein großer Unterschied zwischen Longo und Eisenstein: Eisenstein drehte seine Filme für die breite Masse. Longos Werke brauchen dagegen sehr große Räume, um sie aufzuhängen und sehr viel Geld, um sie zu erstehen.

Kritik an Adel, Kirche und Krieg

Goyas Werke werden in einem kleinen rautenförmigen Raum im hinteren Gebäudeteil ausgestellt. Die vier Bildzyklen „Caprichos“ (Einfälle), „Los Desastres de la Guerra“ (Die Schrecken des Krieges), „La Tauromaquia“ (Stierkampf) und „Proverbios“ (Sprichwörter) hängen dort dicht gedrängt. Goya schuf sie, nachdem er als spanischer Hofmaler mehrere Nervenkrisen erlitt und sein Gehör verlor. Alle Bilder sind Aquatinta-Radierungen, bei denen mittels eines komplexen Verfahrens eine hohe Auflage hochwertiger Werke erstellt werden konnte – Ende des 18. Jahrhunderts eine Revolution in der Grafik, da so die kritischen Aussagen über Adel, Kirche und Krieg viele Menschen erreichten. Die meisten konnten damals weder lesen noch schreiben.

Es lohnt sich, die reichhaltige Sammlung an Goya- und Eisenstein-Werken zu besuchen, auch wenn der Versuch, die beiden Künstler zusammen mit Longo in eine Reihe zu stellen, Fragezeichen hinterlässt.

Ausstellung noch bis zum 27. Mai
Di-So, 11-18 Uhr
Deichtorhallen Hamburg
Deichtorstraße 1-2

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Eric Recke, Jahrgang 1987, nimmt jeden Morgen drei Gramm Vitamin C und ist überzeugt, dass er deshalb 120 Jahre alt werden wird. Als Sohn zweier DDR-Schwimmstars sah es zunächst so aus, als stehe auch ihm eine Karriere als Leistungssportler bevor, später wollte er sogar einmal Polizist werden. Am Ende studierte Eriс dann aber Soziale Arbeit. Es gibt an der HAW Hamburg kaum ein studentisches Gremium, dem er noch nicht angehört hat. Die Studierendenzeitung „IMPULS“ hat er mitgegründet und ein Buch über die Geschichte der Olympischen Spiele geschrieben. Trotz seines anstrengenden Lebenswandels verzichtet Eric morgens auf Kaffee: das dauert ihm einfach zu lange. Kürzel: er