Stripclubs und Kanzel, DJs und Gebete – mitten im Amüsierviertel steht seit mehr als 300 Jahren die katholische St.-Joseph-Kirche. Hier kämpft Pfarrer Schultz für mehr Menschlichkeit und gibt den Menschen das zurück, was sie oft verloren, haben: Den Glauben an sich selbst.

Text von Gwen Brendel, Lilli Hamer, Fynn Schimmelpfennig

Kiez, die berühmte Große Freiheit auf St. Pauli. Sex- und Musikklubs, Touri-Fallen und Absturzkneipen. Es ist Abend, der Bass dröhnt, flackerndes Neonlicht spiegelt sich in den Pfützen, irgendwo in der Nähe läuft „Toxic“ von Britney Spears. Kurz vor der Kreuzung zur Simon-von-Utrecht-Straße sammelt sich eine kleine Menschentraube vor hohen verschlossenen Holztüren. Die Uhr schlägt neun, vier dunkel gekleidete Männer öffnen die Türen. Scheinwerfer beleuchten den Kirchgang. Kontrabass, Violine und Klavier sind vor dem Altar im Licht platziert, Neonlicht scheint auf das deckenhohe Jesus Gemälde. Pfarrer Karl Schultz übertönt mit sanfter Stimme den dumpfen Bass der Straße. Er begrüßt die Menschen, die sich in der Kirche eingefunden haben, willkommen bei „St. Joseph By Night“.

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Bachelorseminars “Digitale Kommunikation” an der HAW Hamburg entstanden und wurde ausgewählt, um auf FINK.HAMBURG veröffentlicht zu werden.

Ein Pfarrer zwischen Seelsorge, Clubs und Gemeinde

Der Einlass ist superschnell und unproblematisch. Im ältesten Club des Kiezes ist jede*r willkommen. So bezeichnete Pfarrer Schultz seine Kirche einst, als die Club-Nachbarschaft vergaß, St. Joseph in ein Straßenfest mit einzubeziehen: „Wir sind hier der älteste Club, wenn so etwas stattfindet, dann müssen wir dabei sein.“

Die St.-Joseph-Kirche ist seit über 300 Jahren fester Bestandteil der Reeperbahn, Schultz seit 2010. Auf die Frage, ob er unfreiwillig auf dem Kiez gelandet ist, lächelt er und schüttelt mit dem Kopf. Ganz im Gegenteil, ihm gefällt sogar die Atmosphäre und Kultur rund um den Kiez.

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Pfarrer Karl Schultz am Eingang zur St.-Joseph-Kirche, Hamburg St. Pauli

Während Pfarrer Schultz seine Ansprache in der Kirche beginnt, füllen sich nach und nach die Kirchenbänke. Die Instrumente werden angestimmt und langsam übertönt die Musik das laute Gelächter von außen. In der ersten Reihe eine junge Familie, in der zweiten ein Paar. Teenager auf dem Weg zum Club schauen durch die geöffneten Türen. Aus der hintersten Reihe hört man das Zischen einer vorsichtig geöffneten Dose und ein Mann ohne Obdach legt sich zur Musik in eine leere Reihe.

Ich habe den Rhythmus hier beobachtet und da ist mir schnell klar geworden: Hier werden die Messen in der Nacht gesungen. Pfarrer Schultz

Auf dem Kiez wird der Tag zur Nacht. Wenn in manchen Kirchen das Licht ausgeht, geht es in der St.-Joseph-Kirche erst an. Zeitgleich mit den Clubs die Türen zu öffnen, ist aber nicht das einzig ungewöhnliche an der Kirche. Seit langem gibt es das „Pastorat der offenen Tür“. Schultz erklärt: „Das heißt, dass die Leute nicht nur zu uns kommen. Wir gehen auch zu ihnen“.

Es bietet vor allem denen Hilfe, die in Not geraten sind und Zuflucht vor Gewalt suchen, so Schultz. Aber auch Club-Hopper- und Alltagskirchgänger*innen machen davon Gebrauch: reden, ohne verurteilt zu werden. Denn hinter lauter Musik und bunten Lichtern verbergen sich Schatten und oft schwere Schicksale. Die St.-Joseph-Kirche ist nicht nur einfach auf St. Pauli, sondern sie weiß um ihren Standort, seine Not und Bedürfnisse.

Zuhören statt predigen – Seelsorge für alle

Einmal im Monat traf man Pfarrer Schultz auch in der Bar „Sünde“ an, welche während der Corona-Pandemie allerdings schließen musste. Doch nicht nur dort konnte man seine Sorgen über ein Getränk teilen, auch in der Herbertstraße können die Frauen mit ihm regelmäßig über ihre Probleme sprechen.

Auch Nikolai, der sich als eine Art „Störfaktor Minimierer” auf dem Kiez bezeichnet, weiß ihn zu schätzen. Denn Nikolai sorgt dafür, dass die Prostituierten „ungestört“ ihrer Arbeit nachgehen können. „Ein Gotteshaus auf der wohl sündigsten Meile Hamburgs” – ein Gegensatz, den er gerade deswegen so wichtig findet. „Durch Pfarrer Schultz ist einfach eine gewisse Objektivität gegeben, niemand muss sich schämen oder Angst haben, was er sagt”. Denn die Frauen suchen gerade in ihren intimsten und emotionalsten Momenten Zuflucht.

Die St.-Joseph-Kirche ist offen für moderne Strömungen. Das passt allerdings nicht allen in der Gemeinde: „Wir haben in unserer Kirche ganz viele Strömungen und darunter gibt es natürlich auch die Traditionsbewahrer”, berichtet der Kiez-Pfarrer, „Das gefällt nicht allen, aber wir tun auch Dinge nicht um Menschen zu gefallen, sondern weil ich finde, dass sie richtig sind”.

Die St.-Joseph-Kirche wird im Volksmund auch die ‚polnische Kirche‘ genannt. Das liegt daran, dass die polnische Gemeinde von den Besucherzahlen auch den deutlich höheren Anteil aufweist. Die polnische Gemeinde habe zwar ein traditionelleres Verständnis der katholischen Kirche, die Zusammenarbeit mit der deutschsprachigen Gemeinde funktioniere allerdings gut, so Pastoralreferent Daniel Deman.

Modern aber trotzdem traditionell – Gottesdienste in der St Joseph Kirche

Es ist Donnerstag, der 28. Dezember. Zwei Menschen knien auf Holzbalken und beten. Die restlichen Gottesdienstbesucher*innen hängen Pfarrer Schultz an den Lippen. Ohne Aufforderung stehen sie auf, nach und nach füllt Pfarrer Schultz Wein in einen Kelch und bricht Oblaten entzwei. „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen“.

„Ich finde es schön”, sagt eine treue Kirchenbesucherin, „diese Kirche ist immer noch ein idyllischer, behüteter Ort, trotz ihrer Lage. Gerade deswegen ist sie so besonders und schützenswert”. Auch ein anderer Kirchgänger berichtet, dass ihm in seiner Stammkirche die Gottesdienste am Sonntag zu wenig sind. Er ist Protestant – kein Katholik. Und trotzdem fühlt er sich in der katholischen Kirche auf dem Kiez zu Hause.

Die St.-Joseph-Kirche – Verbindung zwischen “Himmel und Erde”

Pastoralreferent Daniel Deman am Schreibtisch in seinem Büro
Pastoralreferent Daniel Damen, Foto: Lilli Hamer

„Menschen mit Gott in Verbindung zu bringen, sieht sicherlich in einer Kirche in Oberbayern auf dem Land anders aus als hier auf St. Pauli”. Auch Daniel Deman, Pastoralreferent beim Erzbistum Hamburg, spürt die Prägung des Kiezes. „Speziell aufgrund des Standortes,” sagt er, „hat die Kirche schon einen besonderen Status”. Denn gerade hier geht es um die Menschen, ihre Geschichten und Bedürfnisse  – „Frieden und Geborgenheit, gegenseitigen Respekt und die Würde des Menschen. Solange es den Kiez gibt, gibt es also auch die Kirche” – so Schultz.

Der Bass von außen noch genauso laut wie zuvor, die Musik wird langsam leiser. Pfarrer Schultz kniet sich zu einer Familie mit Kind, gibt ihnen die Hand und begleitet sie nach draußen. Die Kirche leert sich, die Türen schließen sich wieder.

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