Die Deutschlandflaggen sind gehisst, das Bier ist kaltgestellt: Alle Augen sind in diesen Tagen auf Russland gerichtet, den Austragungsort der WM. Unsere Autorin Lisa Kretz schreibt, warum sie den ganzen Trubel gar nicht nervig findet.

Es ist wieder soweit: Wir können wieder mitfiebern, jubeln und uns in den Armen liegen. Des einen Freud ist hierbei aber des Anderen Leid. Grölende Menschen mit Alibi-Fußballverstand, bekleidet und ausgestattet mit peinlichen Fanartikeln, bringen viele Menschen auf die Palme. Aber Hand aufs Herz – und das nicht nur für die Nationalhymne: Ist es nicht etwas Schönes, dass wir unsere Emotionen in dieser Zeit öffentlich teilen können? Fühlt sich der Durchschnittsdeutsche, kleinbürgerlich und ein wenig verklemmt, vielleicht einfach nicht wohl in dieser Rolle?

Auf einmal gehören alle zusammen

Bereits seit den Olympischen Sommerspielen 1936 werden große Sportevents gemeinschaftlich verfolgt. In Berlin traf man sich in sogenannten Fernsehstuben, um die Wettkämpfe auf winzigen Bildschirmen zu verfolgen. Heute unvorstellbar, wenn man, wie beim Sommermärchen 2006, zwischen einer Million anderer Fußballfans am Brandenburger Tor in Berlin steht. Auch in diesem Jahr werden die Fanmeilen des Landes wieder proppenvoll sein. Nicht zu vergessen die zahlreichen Wirte und Gastronomen, die ihr Lokal mit aufgestellten Fernsehern zum Miniaturstadion ausbauen werden.

Genau das sind die Orte, die diese Fußballfest zu etwas Besonderem machen. Der eingefleischte Fußball-Fan mit Deutschlandflaggen auf den Wangen fällt hier dem tätowierten Rocker in Lederkutte in die Arme. Studenten feiern ausgelassen mit den Senioren vom Nachbartisch und wildfremde Kinder bestaunen gegenseitig ihre Fußballtrikots. Das ist der Glanz einer WM. Wie kommen diese Phänomene zustande? Nach Auffassung von Sozialwissenschaftlern kann der Mensch beim Public Viewing seine Emotionen im Kollektiv teilen. Die Freude über den Sieg des Favoritenteams wie auch die Trauer bei einer Niederlage. Die Stimmung überträgt sich von den großen, oftmals weit entfernten Sportstätten auf die Straßen und in Kneipen hierzulande.

Das macht die Fußall-WM aus. Menschen kommen friedlich zusammen, um gemeinsam zu feiern. Dabei ist es – anders als bei einem Bundesligaspiel – vollkommen egal, ob man für die gleiche Mannschaft mitfiebert. Auseinandersetzungen oder Fanaufstände gibt es kaum. Das Phänomenale: Scheidet das eigene Team aus, hat man in der Regel auch für ein anderes Land Sympathie entwickelt, für das man den Rest der WM mitfiebern kann.

Vier Wochen Ausnahmezustand – und danach?

Monatelang bereitet man sich auf die Weltmeisterschaft vor. Tippgemeinschaften und ein Ansturm auf Fanshops prägen die Zeit vor dem Event. Nach einem Monat WM ist dann alles schon wieder vorbei. Lasst den Menschen einen Monat Freude, danach kehrt wieder für zwei Jahre der Alltag ein. Was von diesen Wochen letztlich bleibt, ist die Erinnerung an besondere Momente mit Freunden und mit Fremden. Und die Vorfreude auf das nächste große Event. Wieso sollte man das verteufeln?

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Einen Fischkutter in Franken? Den gibt’s – und zwar als Bar. Lisa Kretz, Jahrgang 1991, hat dort gelernt, unfallfrei Silvaner zu servieren. Fast ein Wunder, sagt sie doch über sich selbst, dass sie sogar über Hindernisse falle, die gar nicht vorhanden sind. Beruflich hat sie keine Schwierigkeiten, einer klaren Linie zu folgen. In Würzburg studierte Lisa BWL mit dem Schwerpunkt Medien. Für eine Boutique baute sie die Social-Media-Kanäle auf, fotografierte Outfits für Instagram und schrieb Blogbeiträge. Nach einem Praktikum in einer Münchner Werbeagentur entwickelt sie Social-Media-Kampagnen für ein Hamburger Tech-Startup – samt Videoproduktion. Und sie zeigt den Followern wie man einen Gastronomiebetrieb mit dem iPad organisiert.