Soziale Medien wirken sich negativ auf unser Sozialverhalten aus – so der gängige Vorwurf. Der Medienwissenschaftler Dr. Tobias Dienlin weiß, wie wir so mit Facebook, Instagram und Co umgehen, dass es uns gut tut.

Ein Drittel der Weltbevölkerung geht via Smartphone ins Internet und ist Mitglied in mindestens einem sozialen Netzwerk. Wer ständig auf sein Handy schaut, isoliert sich von seiner Umwelt – so lautet der gängige Vorwurf. Der Medienwissenschaftler Dr. Tobias Dienlin von der Universität Hohenheim sieht soziale Medien indes auch als Chance. Er untersucht, warum Menschen online Informationen austauschen, wie sie ihre Privatsphäre wahrnehmen und wie das alles mit ihrer Persönlichkeit zusammenhängt.

FINK.Hamburg: Glauben Sie, dass uns soziale Medien oberflächlich machen? 

Dr. Tobias Dienlin: Ich würde klar sagen: Nein, soziale Medien machen uns nicht generell oberflächlicher.

Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Die Nutzung von sozialen Medien kann durchaus Einfluss auf die Persönlichkeit haben, und manches impliziert eine Zunahme an Oberflächlichkeit, ja. Aber die meisten Effekte sind sehr klein und es gibt keine grundsätzliche Wirkung – es kommt sehr auf die Art und Intensität der Nutzung an. Ich würde soziale Medien nicht allgemein verteufeln.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang die Aussage „no screen time is created equal“, also dass Medienkonsum nicht immer gleich ist? 

Man kann beispielsweise nicht sagen, dass uns Bücher allgemein schlauer oder dümmer machen. Es kommt ganz darauf an, was man liest. So kommt es also auch darauf an, welche sozialen Medien man konsumiert und wie man damit umgeht. Es zeigt sich allerdings durchaus, dass Arten des Medienkonsums eher positiv oder negativ behaftet sind.

Wie genau ist das gemeint?

Das passive Rezipieren, also das stumpfe Durchscrollen des eigenen Feeds, hat eher negative Folgen, vor allem auf die Stimmung. Denn auf sozialen Medien wird häufig eher die Schokoladenseite dargestellt. Man merkt dann recht häufig, dass das im Alltag einfach nicht so ist. Dabei entsteht ein sozialer Vergleich, in den wir Menschen uns häufig begeben – und darin kann man sich natürlich verlieren.

Gleichzeitig ist es aber auch so, dass Prof. Dr. phil. Nicole Krämer in ihrer Studie herausgefunden hat, dass das passive Rezipieren von Medien eine sogenannte „Ambient Awareness“ hervorruft. Das bedeutet: Ich bin gut über mein Umfeld informiert und kann so durchaus etwas über meine Umgebung lernen. Das ist dann auch nicht unbedingt oberflächlich.

Welche positiven Auswirkungen haben soziale Medien? 

Der bewusste Austausch mit anderen kann einen positiven Impact haben. Soziale Medien bringen Menschen näher zusammen. Dabei ist der Inhalt wichtiger als der Kanal. Wenn ich mich nach Ewigkeiten mal wieder bei einem Freund melde, spielt die Plattform, über die ich Kontakt aufnehme, keine Rolle. Wichtig ist, dass ich es überhaupt tue. Als Gesellschaft lernen wir zu filtern, welcher Kanal sich vielleicht eher anbietet, um Kontakt aufzunehmen. Das heißt aber nicht, dass eine andere Plattform schlecht ist.

Gibt es trotzdem Beispiele, wie soziale Medien oberflächlich machen? 

Ich denke, man sollte einfach beachten, dass man nicht ausschließlich die gleichen Kanäle nutzt. Man sollte zum Beispiel nicht nur auf Instagram seinen bekannten Influencern folgen, weil es dann oft um gleiche Themen geht. Und viele Themen sind dort eher oberflächlicher Natur, wie Aussehen und Fitness.

Wie kann man sich dem entziehen?

Die eigene Mediennutzung hinterfragen. Man sollte sich beispielsweise Zeiten setzen, in denen man das Smartphone beiseite legt. Und die Diversität der eigenen Mediennutzung ist wichtig: Mal ein Buch lesen, das man nicht kennt oder einen Artikel im Internet lesen, den man eigentlich nicht gelesen hätte. Digitale Medien bieten einfach das Potenzial, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, mit denen man sich sonst nicht beschäftigt hätte.

Bevorzugen Sie eine bestimmte Plattform?

Ich nutze gerne Twitter, weil ich da viel lerne. Vor allem im professionellen Kontext: Ich stoße bei Twitter auf neue, spannende Forschungsergebnisse, die ich sonst nicht mitbekommen würde. Und ich kann Menschen kennenlernen, die ich sonst nie getroffen hätte. Twitter ist für mich ein sinnvolles Medium, solange es mich nicht von anderen Dingen abhält.

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Einen Fischkutter in Franken? Den gibt’s – und zwar als Bar. Lisa Kretz, Jahrgang 1991, hat dort gelernt, unfallfrei Silvaner zu servieren. Fast ein Wunder, sagt sie doch über sich selbst, dass sie sogar über Hindernisse falle, die gar nicht vorhanden sind. Beruflich hat sie keine Schwierigkeiten, einer klaren Linie zu folgen. In Würzburg studierte Lisa BWL mit dem Schwerpunkt Medien. Für eine Boutique baute sie die Social-Media-Kanäle auf, fotografierte Outfits für Instagram und schrieb Blogbeiträge. Nach einem Praktikum in einer Münchner Werbeagentur entwickelt sie Social-Media-Kampagnen für ein Hamburger Tech-Startup – samt Videoproduktion. Und sie zeigt den Followern wie man einen Gastronomiebetrieb mit dem iPad organisiert.