Haben gute Stimmung verbreitet: die Frauen des Vereins „Speziell Normal“. Foto: Luisa Höppner

Kolonialismus aufarbeiten, die eigene Geschichte erzählen, ausgegrenzten Menschen helfen: Besucher und Initiatoren haben den Africa Day in Wandsbek genutzt, um über die eigenen Wünsche zu sprechen. 

Misstrauen, Skepsis und Ernüchterung. Diese drei Begriffe prägen am Nachmittag die Diskussion bei den Africa Days auf dem Wandsbeker Marktplatz. Auf einer großen Bühne sprechen VertreterInnen der Rosa-Luxemburg-Stiftung und des Arbeiterkreises Quo Vadis über die Aufarbeitung der Hamburger Kolonialgeschichte. Die drei Begriffe scheinen die Gefühle vieler in Hamburg lebenden Afrikaner gut zu beschreiben.

Africa Day Hamburg

Anlässlich des 55. Gründungstages der Afrikanischen Union fand am letzten Maiwochenende zum 6. Mal der Africa Day auf dem Wandsbeker Marktplatz statt. Das Programm bestand aus Musik- und Tanzauftritten, Podiumsdiskussionen, Lesungen, bunten Kleidungsständen und afrikanischen Speisen.

Fehlende Aufarbeitung des Kolonialismus

„Erst im vergangenen Monat hat Kultursenator Carsten Brosda vor breitem Publikum um Vergebung gebeten“, sagt Jonas Prinzleve vom Arbeiterkreis Quo Vadis. Er sehe zwar, dass Hamburg sich um die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte bemühe. Trotzdem: „Ich bin skeptisch.“ Entstanden ist dieses Misstrauen, weil die Stadt Hamburg seit 2014 im Rahmen eines Runden Tisches immer wieder Hoffnungen auf gezielte Aufarbeitung mit der Geschichte gegeben habe – vergebens. Bisher sei rein gar nichts passiert. Es gäbe immer noch enorm viele Orte in Hamburg, die an diese grausame Zeit erinnern wie zum Beispiel das Askari-Relief im Tansania-Park oder das Afrikahaus in der Nähe des Kontorhausviertels. Und dabei handle es sich kaum um Gedenkstätten für die Opfer.  „Aber die Hoffnung stirbt zuletzt“, fügt er hinzu.

Ziegenfleisch verbindet über Grenzen hinweg

Die koloniale Vergangenheit Hamburgs ist an diesem Nachmittag aber nicht das einzige Thema. Ein paar Schritte von der Bühne entfernt, verkauft Lucy Wanjiku mit ihren Freundinnen afrikanische Speisen wie Pilau oder Samosas. Als die aus Kenia stammende Frau die Deckel von den Töpfen hebt, duftet es nach Petersilie und Curry – aber auch ein leicht strenger Geruch strömt einem entgegen: Ziegenfleisch. „Es verbindet die afrikanische Bevölkerung über Staatsgrenzen hinweg“, sagt Wanjiku. Ziegen haben in der Dürrezeit eine bessere Überlebenschance als Rinder. Die Tiere gelten als wichtiges Symbol für das Leben, vor allem auf Festen.

Ziegenfleisch hat eine symbolische Bedeutung. Foto: Luisa Höppner

Engagement für Menschen mit Handicap

Wanjiku und ihre Freundinnen initiierten vor einiger Zeit das Projekt „Speziell Normal“, über das sie sich für Menschen mit Handicap und deren Familien in Deutschland und Afrika einsetzen. „Menschen mit Behinderung werden in Afrika abgelehnt. Die Gesellschaft verachtet nicht nur sie, sondern auch ihre Eltern als Verursacher“, sagt Wanjiku. Unter dem Trägerverein Tumiani e.V. beraten und betreuen die Frauen Betroffene, insbesondere Migrantinnen und Migranten. Dabei wollen sie neue Sichtweisen auf das Thema eröffnen. Das passiert zum Beispiel im Rahmen des Workshops „Mein Kind will spielen – nur wie?“. Menschen mit Behinderung sind „speziell“ aber „normal“, so Wajinku.

Lucy Wajinku (r.) erzählt von dem Projekt „Speziell Normal“. Neben ihr steht Priscilla Mukira. Foto: Luisa Höppner

„Man muss seine Geschichte erzählen“

Im Gespräch mit vielen Besuchern geht es immer wieder um das Bild, das in Europa von Menschen aus Afrika vorherrscht. Für den in Nigeria geborenen Sir Eze Franklin Mosir ist deshalb der kulturelle Austausch so wichtig. „Wenn man seine Geschichte nicht selbst erzählt, dann tun es andere“, sagt er. Mosir will zeigen, wie lebensfroh und engagiert viele seiner Landsleute sind. Das gehe häufig unter. „Nicht alle Afrikaner sind aggressive Vergewaltiger, die sich nicht benehmen können“, sagt er. „In den Medien gibt es ständig negative Schlagzeilen über uns, wodurch Vorurteile und Ängste entstehen.“

„Man muss seine Geschichte selbst erzählen.“ Foto: Luisa Höppner

Transkultureller Austausch

Der Africa Day hat eine Idee davon gegeben, was viele Hamburger mit afrikanischen Wurzeln beschäftigt. Einmal im Jahr erinnert man sich so an den Gründungstag der Afrikanischen Union und nutzt den Tag für kulturellen Austausch. In vielen Gesprächen ging es um Selbstverwirklichung, politisches Engagement und den Willen, sich für Minderheiten einzusetzen. Das erfuhr man als Besucher allerdings erst, wenn man sich selbst bewegt hat – zu den beteiligten Akteuren hin, das Gespräch suchend.

Die Afrikanische Union

Die Afrikanische Union (AU) wurde im Jahr 2002 gegründet und umfasst seitdem alle 55 Staaten des afrikanischen Kontinents. Sie löste in ihrem Gründungsjahr die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) ab, welche seit 1963 existierte. Kernziele der Union sind die wirtschaftliche und politische Integration, die Gewährleistung von Sicherheit und Frieden, der Erhalt und die Achtung der Menschenrechte sowie der Demokratie. Trotzdem steht die Effektivität der Union häufig in Kritik. Der Menschenrechtler Ulrich Delius wies kürzlich im Gespräch mit der „entwicklungspolitikonline“ auf das Versagen des Staatenbündnisses im Kampf gegen Straflosigkeit in Menschenrechtskrisen hin. Im Südsudan zum Beispiel starben seit Beginn des Bürgerkrieges 2013 über 50.000 widerrechtlich. So lange derartige Menschenrechtsverletzungen stattfinden, könne laut Delius nicht die Rede von einem stabilen Rechtsstaat sein.

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