Im Juni wurde in Hamburg zum zweiten Mal ein Forschungspreis für Alternativen zu Tierversuchen verliehen. Nach wie vor jedoch sind die Argumente gegen Tierversuche im medizinischen Bereich nicht überzeugend.

Alle elf Sekunden stirbt laut der Tierschutzorganisation Peta ein Tier in einem deutschen Versuchslabor. Europaweit ist es demnach sogar alle drei Sekunden ein Tier. Die Bilder, die Peta liefert, um diese Zahlen zu illustrieren, zeigen gequälte Tiere – unter anderem einen Affen, der an eine Apparatur angeschlossen ist und sich unter Schmerzen windet. Die Botschaft des Videos ist klar: Tiere sollten diese Qualen nicht durchleben müssen.

Auch aus der medizinischen Fachwelt kommen Argumente gegen Tieversuche, beispielsweise von „Ärzte gegen Tierversuche e.V.“. In dem Verein organisieren sich 2.000 Menschen, die aus den Bereichen Medizin, Naturwissenschaften und Psychologie stammen. Sie engagieren sich unter dem Motto „Medizinischer Fortschritt ist wichtig – Tierversuche sind der falsche Weg!“. Dem Verein zufolge bergen Tierversuche Gefahren, da Menschen und Tiere physiologisch unterschiedlich seien. Die Erkenntnisse, die aus diesen Experimenten gewonnen werden, ließen sich deshalb nicht hundertprozentig auf den Menschen übertragen. Medikamente, die dem Tier helfen, seien so mitunter gefährlich für den Menschen.

Dieses Argument lässt außer Acht, dass vor allem an Tieren geforscht wird, deren Genom sehr genau untersucht ist – wie bei Mäusen, deren Genom zu 99 Prozent mit dem des Menschen übereinstimmt. Das heißt, dass man in den meisten Fällen sehr genau weiß, welche Substanzen wie viel Einfluss auf die Physiologie des Menschen beziehungsweise des Tieres nehmen. Darüber hinaus ist der Versuch am Tier immer nur eine Stufe innerhalb einer Medikamentenstudie.

Die ethische Frage

Gegen Tierversuche werden aber ohnehin vor allem ethische Gründe angeführt. Die Grundlage dieser Argumente bildet die Annahme, dass Mensch und Tier gleich seien. Vor diesem Hintergrund seien Versuche am Tier verwerflich, da sie in diesen Versuchen leiden und getötet würden. Tiere und Menschen seien gleichwertig, weil es beiden möglich ist zu fühlen und zu kommunizieren, so die Argumentation.

Aber ist das nicht auch bei Pflanzen so? Fühlen sie nicht auch? So argumentiert jedenfalls der Biologe Peter Wohlleben in „Das geheime Leben der Bäume“. Demnach dürfte man auch keine Pflanzen leiden lassen. Denn: Denkt man die Logik des ethischen Arguments gegen Tierversuche zu Ende, dürfte man aus ethischen Gründen weder Versuche an Pflanzen und Tieren durchführen, noch sie essen. Nach dieser Logik wäre jedweder Konsum von Nahrung Kannibalismus mit vorangegangenem Mord.

Eine Zukunft ohne Versuche am Tier?

Alexander Fleming, Ernst Chain und Howard Florey haben 1946 durch Zufall das Penizillin entdeckt. Allerdings fand man erst durch Versuche an tierischen Zellen heraus, welche Bakterien der Pilz genau abtötete. Ohne die Versuche am Tier hätten die Forscher nie die volle Wirkmächtigkeit des Penizillins entdeckt und für den Menschen nutzbar gemacht. Ohne Tierversuche wären bakterielle Infektionen heute um ein Vielfaches gefährlicher.

Zugunsten von Tierversuchen argumentiert auch die Euopean Animal Research Association, eine Organisation, deren Ziel es ist, „das europaweite Interesse an Entwicklungen in der Biomedizin und im Gesundheitswesen aufrecht zu erhalten“.

„Tierversuche haben eine entscheidende Rolle in fast allen medizinischen Durchbrüchen im letzten Jahrzehnt gespielt“, heißt es auf der Website der Organisation, „fast jeder Nobelpreisträger in Physiologie oder in der Medizin seit 1901 war auf Daten aus Tierversuchen für deren Forschung angewiesen“.

Wie wichtig sind Tierversuche für die Forschung?
Wie wichtig sind Tierversuche für die Forschung? Quelle: Tierversuche verstehen

Bis in der Forschung auf Tierversuche verzichtet werden kann, würden noch Jahrzehnte vergehen, sagt der stellvertretende Leiter des Helmholtz-Zentrums München, Johannes Beckers, in einem Interview mit der „Augsburger Allgemeinen“. Der Grund: Es sei aktuell noch nicht möglich, etwas so Komplexes wie einen gesamten Organismus künstlich nachzubauen. Um eine Krankheit verstehen zu können, müsse die Wirkung auf den gesamten Körper betrachtet werden.

Sollte es gelingen, komplexe Organismen zu simulieren, könnte vielleicht schon in den nächsten Jahrzehnten auf Tierversuche verzichtet werden. Zum aktuellen Zeitpunkt werden sie aber gebraucht, um das Leben von Menschen zu retten.

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Carl Lukas Gebhard, geboren 1993, ist gebürtiger Hamburger, also fast – er kommt aus Harburg. Seinen Bachelor und Master hat er in Göttingen in Gender Studies gemacht. In Zusammenarbeit mit dem Gleichstellungsbüro Northeim und Einbeck hat er mit Schülerinnen und Schülern Erklärvideos gedreht, zum Beispiel zu Transsexualität und Mobbing. Auch im Newsroom von FINK.HAMBURG setzt er sich für das Thema Gleichstellung ein. Seine Kühlschranktür ist voll mit Magneten aus der ganzen Welt. In Vietnam trank Lukas in sechs Stunden hundert Bier mit einheimischen Senioren – deren Sprache er danach auch etwas verstand. Ein Jahr jobbte er an der Rezeption der einzigen Jugendherberge in Sankt Moritz. Dreimal in der Woche ist er in Hamburg bouldern. Sein Ziel: krass werden. lg

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