Tadas Vidmantas treibt das Absurde des Reichtums auf die Spitze. Foto: UAB Vabalo Filmai
Tadas Vidmantas treibt das Absurde des Reichtums auf die Spitze. Foto: UAB Vabalo Filmai

Einmal im Lotto gewinnen – aber was dann? Der Film „Three Million Euros“ stellt die Zuschauer vor die Frage, wie sie sich in dieser Situation verhalten würden. Die Antwort von Regisseur Tadas Vidmantas fällt extrem komisch aus – und macht nachdenklich.

Eimer voller Euroscheine trägt der stämmige Mittvierziger Julius in sein Haus mit dem kaputten Dach und der abbröckelnden Farbe. Am Tag zuvor hat er drei Millionen im Lotto gewonnen. Nun trägt er seinen Gewinn gemeinsam mit seiner schlanken Partnerin Zivile aus dem, mit Bargeld vollgepackten, aber völlig heruntergekommenen Auto ins Haus. Nachdem das Nachbarsehepaar Julius am Auto überrascht und ihm 4.000 Euro dafür abgepresst hat, den Lottogewinn nicht auszuplaudern, begutachten Zivile und Julius im Wohnzimmer ihre verstauten Geldstapel. Julius betont, dass er das Versteck für gut gewählt hält – und schließt die Flügeltüren des aus durchsichtigem Glas bestehenden Wohnzimmerschrankes.

In der Komödie “Three Million Euros” des litauischen Regisseurs Tadas Vidmantas wirbelt ein Lottogewinn das Leben des von Giedrius Savickas und Inga Jankauskaitê gespielten Dorfpärchens gehörig durcheinander. Der Euro wurde zwar erst 2014 in Litauen eingeführt, aber im Film dreht sich alles um genau diesen und ob man ihn hat oder nicht hat: Julius ist arm und spielsüchtig und Zivile, die ihm treu zur Seite steht, versucht stets das Schlimmste zu verhindern und ihr Leben trotz Armut besser zu gestalten. Erst als ihr Sofa und ihr Fernseher von Pfandleihern mitgenommen werden und Julius Vater anruft, um ihnen zu sagen, dass die Ärzte ihm wegen seiner Herzkrankheit nur noch zwei Monate zu Leben geben, gerät auch Zivile zunehmend in Panik.

Stupidität des Landlebens

Die beiden rasen – mit Startschwierigkeiten – zu Julius Vater, der erstarrt auf seinem Sofa liegt. Julius bricht in Tränen aus und schlägt mit der Faust gegen die Wand, worauf der Vater plötzlich wieder zum Leben erwacht und um Luft ringt. Sofort boxt Julius ihm heftig auf die Brust, worauf der Vater nach einigen Atemzügen lachend und entspannt auf das Sofa zurück sinkt. Vater und Sohn nicken sich wissend zu und erklären Zivile, dass die schon verstorbene Mutter von Julius diesen Trick immer anwandte, wenn ihr Mann wieder eine Herzattacke hatte – scheinbar ein bekanntes Problem.

Vidmantas gelingt mit seinen Charakteren die Stumpfheit des Landlebens und die dort herrschende Armut auf den Punkt zu bringen. Durch imposante Bilder und rasante Perspektivwechsel fängt er das sich im Niedergang befindliche ländliche Litauen ein. Gleichzeitig wirft er raffinierte Schlaglichter auf die Entwicklung der litauischen Großstädte: Beispielsweise erzählt Julius Vater, dass es die Möglichkeit gäbe, ihn zu behandeln, aber die Ärzte ihm erst in sechs Monaten einen Termin dafür geben wollen.

Vidmantas zeigt, dass Geld verändert

Julius und Zivile planen kurzerhand, die Ärzte zu bestechen. Zunächst versuchen sie, sich mit Hilfe eines Nachbarkindes bei einer Kreditvergabefirma für Minderjährige das benötigte Geld zu leihen, doch der Versuch scheitert: Ein anderer plötzlich auftauchender Gläubiger zieht das frisch geliehene Geld sofort wieder ein. Als nächstes wenden sich die beiden hoffnungsvoll an den Dorfpfarrer. Sie hätten ja früher auch der Kirche Geld gespendet, um deren Not zu lindern, nun könne die Kirche dies doch erwidern. Der abgebrühte Pfarrer will nichts davon hören, lässt sich aber im Angesicht des todkranken Vaters erwärmen, dem Pärchen einen frisch gesegneten Lottoschein zu überlassen. Nachdem dieser den erhofften Gewinn erbringt, kommt der Film erst so richtig in Fahrt.

Julius und Zivile erfüllen sich allerhand lang gehegte Wünsche – vom vergoldeten Hausdach über die pompöse Luxussuite mit Ziviles Lieblingsschlagersänger als Überraschungsliveauftritt zum Frühstück bis zum teuren SUV. Das Auto kaufen sie kurzerhand Julius altem Schulfeind ab, wobei sich ärgerlicherweise Julius ehemalige Angebetete an seine Fersen und seinen neuen Reichtum hängt.

Der Reichtum beginnt die beiden zu verändern: Während Zivile weiter die ländlichen Fleischkartoffeltaschen im Restaurant bestellt, greift Julius zu den Austern, welche er, kaum dass sie ihm serviert wurden, mit 200 Euro Überzeugungsgeld gegen das deftige Fleischgericht seines Tischnachbarn eintauscht. Die beiden erleben, dass einfach jeder in der Stadt käuflich ist, egal wofür, wenn nur der Preis stimmt. Julius beginnt schnell diesen Umstand dafür zu nutzen, um zu bekommen, was er will und entfremdet sich dadurch immer mehr von Zivile und von seinen ehemaligen Freunden und Verwandten.

Kultur der Solidarität

Erst als Julius Bruder ihn nachts in einen Whirlpool lockt und Julius ehemalige Angebetete dazu holt, wovon ein engagierter Detektiv Fotos schießt und sie Zivile zeigt und kurz darauf auch noch das restliche Geld samt neuem Wagen gestohlen wird, kommt Julius zur Besinnung. Den Detektiv hat der wütende Pfarrer, der den Lottogewinn lieber für die Kirche hätte, engagiert, um Zivile von Julius wegzutreiben. Nun ist das Geld weg, und Julius erlebt überrascht, wie hilfsbereit die Menschen sind, die er – meist auf Ziviles Drängen hin – zuvor mit etwas Geld aus den gewonnenen Millionen unterstützt hat.

Diese Kultur der Solidarität mag zwar mit aus der Not der wirtschaftlich niedergehenden Sowjetstaaten heraus tradiert sein, aber dennoch erzählt Vidmantas in „Three Million Euros“ einiges über Wichtigkeit und Unwichtigkeit von Reichtum als Voraussetzung für Lebensgenuss und Beziehungen.

„Three Million Euros“ wird am 3.10. um 16.45 Uhr im Cinemaxx gezeigt.

Vorheriger ArtikelDiese Filme empfiehlt die Filmfest-Crew
Nächster ArtikelEinmal den Tisch (auf-)decken, bitte!
Eric Recke, Jahrgang 1987, nimmt jeden Morgen drei Gramm Vitamin C und ist überzeugt, dass er deshalb 120 Jahre alt werden wird. Als Sohn zweier DDR-Schwimmstars sah es zunächst so aus, als stehe auch ihm eine Karriere als Leistungssportler bevor, später wollte er sogar einmal Polizist werden. Am Ende studierte Eriс dann aber Sozialpädagogik. Es gibt an der HAW Hamburg kaum ein studentisches Gremium, dem er noch nicht angehört hat. Die Studierendenzeitung „IMPULS“ hat er mitgegründet und ein Buch über die Geschichte der Olympischen Spiele geschrieben. Trotz seines anstrengenden Lebenswandels verzichtet Eric morgens auf Kaffee: das dauert ihm einfach zu lange. Kürzel: er