Ernst Prigge unterhält sich mit einem Kunden an seinem Obst- und Gemüsestand auf dem Isemarkt
Ernst Prigge verkauft seit 28 Jahren Obst und Gemüse auf dem Isemarkt unter der U3. Foto: Melanie Weimann

Die Familientradition ist schon mehr als 110 Jahre alt. Seit bereits 28 Jahren verkaufen nun auch Ernst und Ute Prigge frisches Obst und Gemüse. Jeden Dienstag und Freitag öffnen sie ihren Stand auf dem Isemarkt – unter der U3.

Das dumpfe Geräusch von Kisten, die aufeinandergestapelt werden, und ein süßlich-fruchtiger Geruch, schweben durch die kalte Nachtluft. Grelles Licht wirft die Schatten von tonnenweise Ananas und Wirsing auf den grauen Betonboden, die sich zwischen feingittrigen Metallkäfigen türmen – aktuell aus Italien. Mit Schritten, so lang wie Paletten, sprintet Ernst Prigge durch das Lebensmittellabyrinth. In der rechten Hand ein Messer, um Pappkartons zu öffnen, in der linken Hand einen Einkaufszettel, der in den nächsten 90 Minuten kaum Aufmerksamkeit erhalten wird.

Prigges Arbeitstag beginnt um vier Uhr morgens auf dem Hamburger Großmarkt. Vier Mal die Woche sind er und seine Frau hier. Zu dieser Uhrzeit herrscht reger Betrieb, den man sonst eher von Supermarktkassen nach Feierabend kennt. Der Großmarkt hat bereits seit vier Stunden geöffnet, um Händler auf insgesamt 27,3 Hektar mit frischem Obst und Gemüse, Gewürzen und Pflanzen aus aller Welt zu versorgen. 1962 eröffnete der Großmarkt in Hammerbrook. Etwa 400 Marktfirmen vertreiben hier täglich als Zwischenhändler Produkte – aus der Region oder aus Übersee.

“Ich steh‘ wie immer vorm Theater”

Die Routen des Ehepaars Prigge sind genau gesteckt, eingekauft wird immer getrennt. Ernst Prigge schwebt mit Hubwagen, Palette und schnellen Schritten durch die knapp 100.000 Quadratmeter große Obst- und Gemüsehalle, unangestrengt und fokussiert. Mit scharfem Blick erkennt er innerhalb von Sekunden, ob die Ware seinen Ansprüchen entspricht – und die seiner Kunden. Tomaten müssen grün-glasig schimmern, Mangos rotgelb glänzen. Letztere tun es nicht, sie bleiben heute hier.

Sobald eine Palette voll ist, wird diese am Wegrand abgestellt. “Ich steh‘ wie immer vorm Theater”, ruft Prigge und verschwindet schon ums Eck. Nächster Hubwagen, nächste Ware: Brokkoli auf Eis. Der kann das nämlich ab. Ananas und Wirsing aus Italien. Der von letzter Woche kam noch aus Deutschland. Prigge ist enttäuscht, die Händler sind froh: Der deutsche Wirsing sei viel zu klein gewesen.

Seit 70 Jahren unter der U3

Auf 600 Metern, zwischen den U-Bahn-Stationen Hohe Luft und Eppendorfer Baum, erstreckt sich jeden Dienstag und Freitag der Isemarkt. Etwa 200 Händler finden auf insgesamt 12.000 Quadratmetern Platz. Laut Bezirksamt Eimsbüttel kommen bis zu 6.000 Besucher pro Tag. Schon im Mai 1949 soll der erste Probelauf stattgefunden haben, bevor der Isemarkt im August gleichen Jahres offiziell startete. Der Markt wird also in diesen Tagen 70 Jahre alt. Händler wie Bonbon Pingel waren damals schon dabei und sind es heute noch.

Pünktlich um 6 Uhr parkt Ernst Prigge seinen fahrenden Marktstand auf Höhe der Isestraße 59, seit 28 Jahren ihr fester Platz. Durch die geöffnete Lkw-Tür steigt ein typisch Hamburger Geruch in die Nase: Obwohl der Isemarkt noch kaum besetzt ist, füllen die Besitzer des Fischstands gegenüber bereits zügig die Auslage mit Fisch und Meeresfrüchten. Die Prigges haben etwa zwei Stunden Zeit, bevor die ersten Käufer kommen.

Ute Prigge überreicht Obst- und Gemüse an einen Kunden
Ute und Ernst Prigge sind ein eingespieltes Team. Foto: Melanie Weimann

Markthändler seit vier Generationen

1909 begann Ernst Prigge, Urgroßvater und Namensgeber aller nachfolgenden männlichen Prigges, Obst und Gemüse aus Eigenanbau auf dem Großmarkt am Hamburger Hopfenmarkt zu verkaufen. Sein Sohn, Großvater Ernst Prigge, half beim Verkauf. 1963 übernahm Vater Ernst Prigge gemeinsam mit seiner Frau Margrit die Tradition. Sie verkauften Platten, Böcke und Schirme, unter anderem in Barmbek am Osterbekkanal. Ihr Sohn Ernst Prigge übernahm 1991 gemeinsam mit seiner Frau Ute die Marktgeschäfte seiner Eltern, nachdem seine Mutter schwer erkrankt war. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er in einem ganz anderen Feld gearbeitet – als gelernter Tischler.

Während Ernst und Ute Prigge synchron, fast wie choreografiert, mit schwingenden Armbewegungen den Anhänger des Lkws herablassen, klopft eine kräftige Hand auf den weißen Container. Raju Shukh, Mitarbeiter der Prigges, unterstützt seit fünf Jahren den Verkauf auf den Wochenmärkten. Dienstags sind sie zu dritt, am Wochenende mindestens zu viert. Beim Einräumen der Auslage hat jeder seine festen Aufgaben: Während sich Ute Prigge um die Ware vor dem Stand kümmert, sortiert Raju Shukh Salat. Ernst Prigge schneidet Fenchel zurecht.

„In den 90ern war es schwieriger auf dem Markt zu verkaufen“

In den 28 Jahren, in denen Ernst Prigge vier Mal pro Woche auf dem Markt steht, hat sich einiges verändert. „Seit zehn, fünfzehn Jahren ist es wieder einfacher geworden. Die Menschen wollen wieder bewusster und frischer einkaufen“, sagt Prigge. Neben einem großen regionalen und saisonalen Angebot kommt Prigges Ware größtenteils auch ohne Plastik aus. Nur Empfindliches, wie Feldsalat oder Pak Choi, sind mit Folie abgedeckt.

Auch weggeworfen wird kaum etwas. „Wir kaufen nur das ein, was wir aus Erfahrungswerten auch verkaufen können. Was weg ist, ist weg. Was übrig bleibt, nutzen wir privat“, sagt Ernst Prigge. Höchstens zwei Prozent sollen im Müll landen, das läge dann an schlechter Ware oder anderen, nicht beeinflussbaren Faktore, wie beispielsweise dem Wetter.

Große Auswahl an Obst und Gemüse auf dem Stand der Prigges am Isemarkt
Bei Prigges wird nur das verkauft, was auch mit gutem Gewissen auf dem eigenen Tisch landen würde. Foto: Melanie Weimann

Ob die Markttradition fortgeführt wird, ließ das Ehepaar ihren Kindern stets offen. „Wer weiß, was in ein paar Jahren ist“, sagt Ernst Prigge. Die Tochter ist Physiotherapeutin, Sohn Oliver Ernst gelernter Landschaftsgärtner. Seitdem er seine Ausbildung beendet hat, kümmert er sich um den Eigenanbau auf dem Hof in Fliegenberg. Gerade wachsen dort auf zwei Hektar Land unter anderem Flower Sprouts, eine Rosenkohl-Grünkohl-Kreuzung. Und Tomaten, bestenfalls grün-glasig.

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Melanie Weimann, Jahrgang 1992, ist in ihrem Leben zwölf Mal umgezogen – einmal davon mit dem Flixbus. In Ansbach studierte die gebürtige Fränkin Ressortjournalismus mit Schwerpunkt Medizin und Biowissenschaften. Im Anatomiekurs hielt sie sogar einmal ein menschliches Herz in den Händen. Ihr Studium schloss sie allerdings in der Medienethik ab: mit einer Analyse über Jan Böhmermanns Schmähgedicht und vermutlich dem Weltrekord von Schimpfwörtern in einer wissenschaftlichen Arbeit. Später zog sie von München über Nürnberg nach Berlin, wo sie in einer Agentur und in Startups in der PR und Unternehmenskommunikation arbeitete. Unter anderem betreute sie einen Hersteller von Luxus-Hundebetten, eine Plattform für Smart Home und organisierte Events für die Dating-App Tinder: Mate, Calls und Pitches inklusive. Kürzel: mew

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