Homosexuelle Männer dürfen in Deutschland nur Blut spenden, wenn sie zwölf Monate enthaltsam gelebt haben. Tobias Kahrmann ist schwul – und kämpft gegen diese „längst überholte Vorschrift“.

„Ich bin frustriert, enttäuscht, ohnmächtig. Fällt mir ein bisschen schwer in Worte zu fassen.“ So startete Tobias Kahrmann am 14. Juni seine Instagram Story. An diesem Tag ging er zur Blutspende – und wurde abgewiesen. Der Grund: Kahrmann ist homosexuell. Und Homosexuelle dürfen in Deutschland kein Blut spenden, wenn sie in den vergangenen zwölf Monaten Sex mit einem anderen Mann hatten. So besagt es die sogenannte  Hämotherapie-Richtlinie, die 2017 vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und der Bundesärztekammer beschlossen wurde.

Homo- und bisexuelle Männer würden dadurch „pauschal verurteilt“, findet Kahrmann.  „Letztendlich heißt das für mich nichts anderes als: ‚Wir wollen dein verseuchtes Blut nicht, außer du bist deiner abnormalen Neigung zwölf Monate nicht nachgegangen.'“ Mit der Kritik steht er nicht alleine dar. Nach seiner öffentlichen Stellungnahme auf Facebook und Instagram erreichten ihn etliche bestärkende Zuschriften.

Vier Millionen Spenden pro Jahr

Weltweit werden pro Jahr laut dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) 112 Millionen Vollblutspenden benötigt. Eine Spende umfasst einen halben Liter Blut, der über die Armvene entnommen wird. Vier Millionen dieser Spenden werden in Deutschland entnommen. Das Blut wird in die Bestandteile Erythrozyten (rote Blutkörperchen), Blutplasma und nach Bedarf in Blutplättchen (Thrombozyten) aufgeteilt. So kann mit einer Blutspende laut DRK bis zu drei Schwerkranken oder Verletzten geholfen werden.

Doch heutzutage gibt es immer weniger Spender*innen, während die Zahl der bedürftigen Personen stetig wächst. Grund dafür ist der demografische Wandel: Die Geburtenrate, also die Zahl potenzieller Spender*innen, sinkt kontinuierlich. Im Gegensatz dazu steigt der Blutbedarf durch den wachsenden Anteil älterer Menschen. Besonders in den Sommermonaten kommt es aufgrund des guten Wetters häufig zu Engpässen. Denn dann fahren viele Deutsche in den Urlaub.

Grafik zu Einsatzgebieten für Blut und Blutpräparate im Jahr 2018.
Erstellt von Nina Maurer mit Piktochart / Quelle: Deutsches Rotes Kreuz

Tobias Kahrmann ist 29 Jahre alt und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HAW Hamburg. Er würde sein Blut gerne spenden. „Ich weiß, dass es zu wenig Blutkonserven in Deutschland gibt und ich möchte diejenigen unterstützen, die gesundheitlich in Not sind“, sagt Kahrmann gegenüber FINK.HAMBURG. In Deutschland ist ihm das Blutspenden allerdings untersagt. Denn Kahrmann liebt einen anderen Mann. Seit über acht Jahren lebt er in einer stabilen Beziehung. 2016 hat das Paar geheiratet.

„Eine enttäuschende Erfahrung“

Diskriminierung habe er seit seinem Outing mit 16 Jahren kaum erfahren, erzählt er. Zwar werde er oftmals angestarrt, wenn er mit seinem Mann Hand in Hand die Straße entlangläuft, ansonsten sei er aber vor Unangenehmen und Übergriffen verschont geblieben. Kahrmann begründet dies auch mit der Stadt, in der er lebt: „In Hamburg leben wir in einer Blase. Hier herrscht insgesamt eine sehr große Toleranz.“

Doch am 14. Juni änderte sich dies für ihn. Anlässlich des Weltblutspendetags rief die HAW Hamburg zur Blutspendeaktion am Campus Berliner Tor auf. Kahrmann kennt zwar die deutsche Richtlinie und weiß, dass er von der Spende ausgeschlossen ist, dennoch folgte er der Einladung des Personalrats. „Ich dachte, ich lasse es mal darauf ankommen, obwohl ich ziemlich aufgeregt war und Angst hatte. Ich wusste ja nicht was mich erwartet.“

Dort angekommen, schickte man ihn weg. Für Kahrmann eine enttäuschende Erfahrung. „Ich wusste es eigentlich schon zuvor. Aber dann war es so real, dass man rausgebeten wird“, sagt er. „Wäre ich krank oder müsste Medikamente nehmen, könnte ich es wenigstens nachvollziehen.“

„Ausschluss dient dem Patientenschutz“

Die Gefahr, Infektionen über das Blut homosexueller Männer auf Infusions-Empfänger*innen zu übertragen, sei zu groß, erklärt Susanne von Rabenau, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim DRK in Hamburg und Schleswig-Holstein gegenüber FINK.HAMBURG. „Es ist belegt, dass Sexualverkehr unter Männern mit einem besonders hohen Risiko einer HIV-Übertragung behaftet ist“, sagt sie. Der Ausschluss homosexueller Männer von der Blutspende diene daher dem Schutz der Patient*innen.

Grafik der HIV-infizierten Personengruppen in Deutschland.
Erstellt von Nina Maurer mit Piktochart / Quelle: Robert-Koch-Institut

Früher waren homosexuelle Männer lebenslang von der Blutspende ausgeschlossen. Im August 2017 wurde diese Regelung gelockert. Das PEI und die Bundesärztekammer beschlossen besagte Hämotherapie-Richtlinie. „Das ist bereits ein Fortschritt gegenüber einem lebenslangen Ausschluss“, sagt Dr. Susanne Stöcker, Pressesprecherin des PEI gegenüber FINK.HAMBURG.

Für Kahrmann ist diese Änderung allerdings lediglich kosmetischer Natur: „So kommt man dem Urteil des Europäischen Gerichtshof nach, das besagt, dass ein Ausschluss von homo- und bisexuellen Männern diskriminierend sei. Aber die Neuregelung ist trotzdem entfernt von jeglicher Realität“, sagt er. „Kein schwuler Mann wird ein Jahr auf Sex verzichten, damit er Blut spenden kann. Das macht keinen Sinn.“

Diskussion um Diskriminierung

In einem Spenderfragebogen wird vor der Blutspende das sexuelle Risikoverhalten von Spender*innen abgefragt. „Hatten Sie schon einmal Sexualverkehr mit einem anderen Mann?“, steht dort. Für Kahrmann ist allein die Frage diskriminierend. „Pauschal eine ganze Gruppe auszuschließen, finde ich ekelhaft“, sagt er. „Heterosexuelle Menschen können genauso ein riskantes Sexualverhalten haben, sprich ungeschützten Verkehr, und auch HIV-positiv sein, ohne es zu wissen. Statistik hin oder her.“

Kahrmann ist bewusst, dass besonders viele homosexuelle Männer mit HIV infiziert sind. Er weist allerdings darauf hin, dass es mit einem Test möglich sei, Infektionen nachzuweisen. „Man kann HIV-Erkrankungen spätestens nach sechs Wochen zuverlässig identifizieren. Das heißt, eigentlich müsste man sich nur die letzten eineinhalb Monate angucken.“ Diese Zeitangabe findet sich auch auf der Website der Deutschen Aidshilfe.

„Es fühlt sich so willkürlich an!“

„Alle Blutspenden in Deutschland werden auf Hinweise für HIV-Infektionen getestet“, sagt DRK-Sprecherin Rabenau. „Die Ergebnisse können allerdings in der Frühphase nach HIV-Infektionen falsch negativ ausfallen.“ Das sei die wesentliche Ursache für HIV-Übertragungen durch Transfusionen. Da die Gruppe der homo- und bisexuellen Männer in Deutschland zwei Drittel der HIV-Infizierten umfasst, sei das Risiko für eine Ansteckung besonders hoch, erklärt PEI-Sprecherin Stöcker. „Wir können die Sicherheit nicht heruntersetzen, weil einzelne Personengruppen sich ausgeschlossen fühlen.“

Tobias Kahrmann steht vor einem Busch und lächelt in die Kamera.
Tobias Kahrmann wollte Blut spenden, durfte aber nicht. Foto: Nina Maurer

Dafür müssten auch saisonale Engpässe bei den Blutkonserven in Kauf genommen werden. „Die Sicherheit der Empfänger von Arzneimitteln aus Blut hat die oberste Priorität“, so Stöcker. Daher werden homosexuelle Männer in dem Spenderfragebogen nach ihrem Sexualverhalten der letzten zwölf Monate befragt, während andere Personen mit einem sogenannten Risikoverhalten lediglich Angaben zu den letzten vier Monaten machen müssen. Dazu zählen zum Beispiel Personen, die Sexualverkehr außerhalb einer festen Beziehung oder mit einer HIV-infizierten Person hatten.

Für Kahrmann ist diese Regelung unverständlich: „Es fühlt sich so willkürlich an.“ Er findet, dass es bei der Befragung mehr um das individuelle Sexualverhalten der letzten Wochen gehen sollte und nicht generell um die sexuelle Orientierung. Als Vorbild nennt er andere Länder. „In Portugal etwa ist die Blutspende für Schwule erlaubt.“ Das ist laut ihm der richtige Weg: „Obwohl wir so ein modernes Land sind, ist Deutschland bei dieser Regelung eingestaubt und ängstlich.“

Problem: Manche lügen, um spenden zu dürfen

Mit seinem Unverständnis ist Kahrmann in Deutschland nicht allein. Die Folge: Einige homosexuelle Männer machen falsche Angaben im Fragebogen, um ihr Blut spenden zu können. Für DRK-Sprecherin Rabenau ist dies ein großes Problem. „Es gibt in Deutschland jährlich um die 100 Spender, bei denen man durch die Testung feststellt, dass sie HIV-infiziert sind. Von diesen sind rund 50 Prozent Männer, die Sex mit Männern haben und das im Fragebogen aber nicht angegeben haben.“ So wurde laut dem PEI bereits einmal HIV übertragen.

Für Kahrmann kam Lügen bei seinem Besuch in der Blutspendestelle nicht infrage. „Ich habe mich dagegen entschieden, weil ich mich nicht mehr verstecken möchte.“ Vielmehr will er nun aktiv werden. Einen langen Brief an den Personalratvorsitzenden und den Fachschaftsrat der HAW Hamburg, das DRK Hamburg und die Ärztekammer Hamburg hat er bereits geschrieben und auf Facebook veröffentlicht.

Der FSR Wirtschaft HAW Hamburg veranstaltet morgen eine Blutspendeaktion DRK am Campus Berliner Tor (HAW Hamburg). Eine…

Gepostet von Tobias Kahrmann am Donnerstag, 13. Juni 2019

Die Reaktionen waren geteilt: „Bei Facebook habe ich viel Zuspruch von Freunden und Bekannten bekommen“, sagt er. Auch der Personalratsvorsitzende sei entsetzt über die Regelung gewesen, die er bis dato nicht kannte. Er habe sich für die Offenheit bei Kahrmann bedankt, sagt der. Das DRK weist in einer Antwort per E-Mail an Kahrmann den Vorwurf der Diskriminierung zurück und verweist auf die Stellungnahme auf der Website des PEI. Von der Ärztekammer habe er bis heute keine Rückmeldung bekommen, sagt Kahrmann.

Doch davon lässt er sich nicht entmutigen. Sein Ziel: „Ich will die öffentlichen Gremien dazu bringen, sich damit auseinanderzusetzen und sich öffentlich dazu zu äußern“, sagt er. Dabei hofft er auf Unterstützung anderer. „Irgendjemand muss den Stein ins Rollen bringen.“

Titelillustration: Mike Fitzek

2 KOMMENTARE

  1. Der Artikel erwähnt nicht, dass bei (ungeschütztem) Analsex das Übertragungsrisiko höher ist, als beispielsweise bei vaginalem Sex, da der Enddarm nicht für Penetration „gebaut“ sowie recht dünnwändig ist und es leichter zu kleineren Verletzungen kommen kann.
    Als Ausschluß- oder Wachsamkeitskriterium sollte m.E. also nicht die sexuelle Orientierung herangezogen werden, die nichts über die real erfolgten sexuellen Handlungen aussagt, sondern die Praxis „ungeschützter Analsex“ (den ja auch Frauen haben können.)

    • Lieber Leser,
      Vielen Dank für deinen Kommentar. Wir haben die Anmerkung an die Redakteurin weitergeleitet.

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