Umweltbewusstsein in der Filmbranche: Wer einen Film nachhaltig produziert, wird mit dem Grünen Drehpass ausgezeichnet. Und so schwierig ist es gar nicht.

Viele Menschen versuchen immer mehr auf Plastik zu verzichten oder nicht zu fliegen, Kinder demonstrieren jeden Freitag für eine bessere Klimapolitik und auch die Filmbranche versucht immer umweltfreundlicher zu produzieren. Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH) hatte das Thema schon 2011 auf dem Plan und vergibt seit 2012 den Grünen Drehpass. Dieser zeichnet Filmproduktionen aus, die ökologisch und nachhaltig Filme drehen.

„Das ist eine schöne Initiative, um die Filmemacher zu motivieren und für nachhaltige Filmproduktionen zu sensibilisieren“, sagt Christiane Dopp von der Film Commission der FFHSH. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Alexandra Luetkens entwickelte sie 2011 den Grünen Drehpass, damals war Hamburg Europas Umwelthauptstadt. Green Producing und Green Filming gab es zu der Zeit vor allem in Belgien, Frankreich und England, sagt Dopp. „Wir wollten mit der Initiative ein Bewusstsein dafür schaffen, was für ein Impact von der Filmbranche ausgeht, wie viel CO2 jeden Tag bei den Dreharbeiten emitiert wird und Tipps an die Hand geben, mit denen umweltfreundliche Maßnahmen umgesetzt werden können.“

Christiane Dopp von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein vor dem Abaton.
Christiane Dopp von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein. Foto: Lisa Sophie Kropp

Wie wird grün gedreht?

Wenn eine Produktion mit dem Grünen Drehpass ausgezeichnet werden will, muss sie mindestens vier von sechs sogenannten Handlungsfelder umsetzen. „Bei der Vorbereitung, in der Durchführung und in der Postproduktion kommen unglaublich viele Gewerke zusammen. Deshalb haben wir sechs Handlungsfelder beschlossen“, sagt Dopp. Dazu gehören: Ausstattung, Catering, Transport und Mobilität, Produktionsbüro, Licht und Technik sowie Erstellung einer CO2-Bilanz.

Die FFHSH bietet Workshops und Beratungstermine an, um Filmproduktionen von Anfang an zu unterstützen. Die einfachsten Maßnahmen sind die gleichen wie im privaten Alltag: zum Beispiel Verzicht von Plastik und Einwegprodukten, Mülltrennung, Verwendung saisonaler Produkte, Ökostrom und Vermeidung von Flugreisen. „Schwieriger ist es immer noch bei den technischen Dienstleistern, weil da einfach noch nicht genug in den Regalen steht“, sagt Christiane Dopp. Diese tauschen ihre ältere Technik aber auch immer mehr gegen umweltfreundliche aus.

„Es ist einfach der Zeitgeist. 2019 haben wir mit Abstand die meisten Anfragen für den Grünen Drehpass erhalten.“

Um alle Bereiche einer Filmproduktion im Blick zu haben, empfiehlt die Film Commission der FFHSH eine*n Mitarbeiter*in mit grünen Aufgaben zu beauftragen. Dafür entwickeln sie gerade eine Express-Ausbildung zum Green Consultant, welche die Produktionen von Anfang bis Ende nachhaltig gestalten können.

Der grüne Hamburger Tatort

Oft neigen Menschen dazu, sich außerhalb ihres privaten Umfelds anders zu verhalten. „Uns ist es wichtig, den Nachhaltigkeitsgedanken auch am Filmset ins Bewusstsein zu holen“, sagt Uwe Kolbe, Produzent von der Hamburger Produktionsgesellschaft Wüste Film. „Unsere Aufnahmeleiter agieren meist gleichzeitig als Green Consultants. Sie kümmern sich um die nachhaltige Umsetzungen während einer Prdouktion.“

Der Hamburger Tatort „Die goldene Zeit“, produziert von Wüste Film, feierte auf dem Filmfest Hamburg Premiere und wurde mit dem Grünen Drehpass ausgezeichnet. „Die Produktion war überhaupt nicht anstrengend, weil die Wüste die nachhaltigen Maßnahmen schon total in ihren Abläufen inne hat“, sagt die Regisseurin Mia Spengler.

Regisseurin Mia Spengler war für ein Interview an der HAW.
Mia Spengler hat beim Tatort „Der goldene Zeit“ Regie geführt. Die Produktion wurde mit dem Grünen Drehpass ausgezeichnet. Foto: Lisa Sophie Kropp

Im Vergleich mit vorigen Produktionen habe sie keinen Unterschied am Set gemerkt. „Ich glaube, das hat einfach viel mit der Grundorganisation am Set zu tun und unsere Aufnahmeleitung hatte da den Überblick.“ Momentan dreht sie die zweite Staffel der Netflix-Serie „How to sell drugs online (fast)“, auch bei dieser Produktion wird auf Nachhaltigkeit geachtet.

Der Nachhaltigkeitsaspekt könne zudem in der Geschichte selbst berücksichtigt werden, sagt Christiane Dopp. Auf Green Storytelling wurde auch bei Mia Spenglers Tatort geachtet: Im ganzen Film wird kein Auto gefahren, alles wird zu Fuß abgelaufen. „Wir haben das Drehbuch danach ausgerichtet und konsequent keine Autofahrten umgesetzt. Mir macht es auch gar keinen Spaß mit Autos zu drehen, man hat immer Spiegelungen“, sagt Spengler.

„Man muss das Umweltbewusstsein auch mit aus der Haustür nehmen.“

Nicht nur im Film, sondern auch bei der Produktion selbst wurde viel von Set zu Set gelaufen. „Bei Produktionen von Wüste Film wollen wir die Fahrzeuge so wenig wie möglich bewegen. Wir bilden Fahrgemeinschaften, versuchen vieles digital zu lösen, um wenig auf Papier zu drucken und benutzen so oft es geht Feststrom anstatt von Diesel-Generatoren“, sagt Uwe Kolbe. Je höher die Nachfrage für umweltbewusste Filmproduktionen sei, desto ökonomischer könne produziert werden. „Ich hoffe, dass der Nachhaltigkeitsgedanke sowohl im Privaten als auch im Gewerblichen zum Standard wird.“

Der Tatort "Die goldene Zeit" spielt auf St. Pauli.
Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) ermitteln im Hamburger Tatort „Die Goldene Zeit“. Foto: Wüste Medien

Die Filmbranche braucht nachhaltige Gewohnheiten

Mit dem Grünen Drehpass hat die FFHSH einen Anfang geschaffen, um umweltfreundliche Produktionen auszuzeichnen, bis heute wurde der Grüne Drehpass an 157 Produktionen vergeben.

Es kam auch schon vor, dass der Grüne Drehpass wieder zurückgezogen wurde, weil die Produktion nicht nachhaltig genug gearbeitet hat. „Ich denke nach wie vor ist eine weitere Aufklärung sehr wichtig. Die Branche benötigt immer noch sehr viel grünes Wissen“, sagt Christiane Dopp von der Film Commission der FFHSH. Aus Erfahrung könne sie sagen, dass grüne Produktionen Geld einsparen, wenn die Maßnahmen konsequent durchgeführt werden.

Die Selbstverständlichkeit für grüne Produktionen sollte ein Standard in der Filmbranche werden. „Ich glaube, dass man den Nachhaltigkeitsgedanken einfach von Anfang in die Organisation einfließen lassen muss“, sagt Mia Spengler. „Dann ist das total machbar.“

Titelillustration: Mike Fitzek

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Lisa Sophie Kropp, Jahrgang 1994, braucht zum Feierabend kein Bier, sondern ein Stück Käse. Für ihren Bachelor in Inklusiver Pädagogik pendelte sie drei Jahre lang von Hamburg nach Bremen und kann seitdem in jeder Bahn schlafen. Nach dem Studium lernte sie in Australien Wein herzustellen, schlürfte Pho in Vietnam und ergriff auch in Thailand Pad Thai für gutes Essen. Zurück in Hamburg stieg sie konsequenterweise als freie Mitarbeiterin des Magazins „Food and Travel“ ins Berufsleben ein. Für das „Hamburger Abendblatt“ schrieb sie über die besten Grillplätze und das Kulturprogramm Harburgs. Neben den Deichtorhallen und dem Deutschen Schauspielhaus findet man Lisa häufig im Abaton. Sie liebt deutsche Filme – aber nicht Matthias Schweighöfer. Der ist ihr zu cheesy. Kürzel: lis

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