Im Repair Café werden gebrauchte Sachen neu verteilet und defekte Geräte repariert. Sowohl gelernte als auch Hobbyhandwerker*innen arbeiten ehrenamtlich im Projekt.

Über dem Schaufenster spannt eine Leine, an ihr baumeln Lampen an Kabeln herab. Darunter ist ein Bügelbrett platziert, ein rostendes Fahrrad lehnt daran. Auf der Fensterbank: ein Eierkocher, eine Dartscheibe und Leselampen. Ein Toaster ist auf einen kleinen Elektrogrill gelandet, ein zweiter auf einer Bassbox. Auf einem DVD-Player liegt ein Bügeleisen. Eine Matratze lehnt an einem Wandregal. Ein Sonnenschirm klemmt dazwischen. Über dem Regal führt ein Riss im Beton zu einer Wanduhr. Der Zeiger bewegt sich, doch die Uhrzeit stimmt nicht. Der Geruch von Staub und Holz liegt in der Lagerhaus-Luft.

Das Chaos gehört zum Repair Café wie das Klacken der Werkzeuge und das Klirren der Kaffeetassen. Ab und an heult eine Kreissäge kurz auf. Ansonsten: konzentrierte Stille.

Ein Schaufenster mit Toastern, Lampen und anderen Küchengeräte.
Auch Fahrräder, die auf der Straße liegen bleiben werden hier wieder repariert.

Der Laden, der in einem Altbau mit hohen Decken in der Bodenstedtstraße 16 untergebracht ist, ist eines der Projekte, die vom Arbeitskreis lokale Ökonomie (AK Lök) betrieben werden. Als Schwerpunkte hat sich der Verein gesetzt, gebrauchte Sachen neu zu verteilen und defekte Geräte zu reparieren. Zudem organisiert er Bildungs- und Kulturangebote. Damit will er einen Gegenpol zu fremdbestimmten, kapitalistischen Gesellschaften darstellen. Die Projekte stehen hierbei allen Menschen offen, ob Vereinsmitglied oder Besucher*in. Das Repair Café gibt es schon seit 18 Jahren. Finanziert wird es durch Mitgliedsbeiträge des Vereins, aber vor allem durch Nutzerspenden.

Weniger Umweltbelastung durch Reparaturen

Das Repair Café ist Teil einer Bewegung: Nicht schnell konsumieren und wegwerfen, sondern Dinge wieder zum Leben erwecken. Ihnen Dauer verleihen. Und dadurch auch die Umwelt weniger belasten. Diese Idee eint alle, die hier arbeiten. Jeden Dienstag hat das Repair Café zwischen 10 und 13:45 Uhr geöffnet. Kunden stöbern, nehmen Ausrangiertes mit oder bringen ihre defekten Gegenstände vorbei, die zusammen mit einem Profi repariert werden.

„Das Repair Café will Menschen vermitteln, dass sie mehr können als sie denken.“

Einer davon ist Arne Beer. Der 51-Jährige ist gelernter Elektroinstallateur und bastelt schon immer gerne an allen möglichen Gegenständen. „Hier geht es nicht darum, dass wir die billigste Werkstadt der Stadt sind“, sagt er. „Das Repair Café will Menschen vermitteln, dass sie mehr können als sie denken. Wir schalten uns erst ein, wenn jemand nicht mehr weiterweiß.“ Hilfe zur Selbsthilfe – das ist das Motto. Man könne alle Gegenstände vorbeibringen, sagt Beer. „Wir haben noch keinen nach Hause geschickt. Bisher haben wir alles wieder hingekriegt, was an uns herangetragen wurde.“

Das Türglöckchen bimmelt. An diesem Dienstag lautet einer von Beers Aufträgen: einen Ghettoblaster reparieren. Eine Kundin hat ihn vorbeigebracht. Das Gerät erkenne keine CDs mehr, erklärt sie. Beer steht vor dem Esstisch. Er schiebt Geschirr zur Seite und stapelt Kisten voll Nägel und Schrauben aufeinander. Dann öffnet er die CD-Klappe und holt ein Wattestäbchen und reinen Alkohol aus der Schublade. Der Hobbybastler kneift die Augen zusammen und reinigt die Leserlinse. “Verstaubte Linsen sind meist das Problem“, sagt er. Dann der Test: Musik klingt aus dem Lautsprecher. Beer klatscht sich auf den Oberschenkel. Die Kundin lächelt. „Im Geschäft hätten sie dir da mindestens 50 Euro abgenommen“, sagt Beer. „Wir sind Idealisten, die das aus Spaß an der Freude machen. Der Vollständigkeit halber machen wir dir gleich noch eine neue Antenne ran.“

Mann repariert an einem alten Radio.
Arne Beer ist ehrenamtlicher Mitarbeiter im Repair Cafe.

Jeder kann im Werkstattteam des Repair Cafés mitwirken. Besonders die Unterstützung durch gelernte Radio-/Fernsehtechniker*innen, Elektriker*innen und IT-Expert*innen ist gefragt. Aber auch engagierte Hobbyhandwerker*innen und Tüftler sind willkommen. Dabei arbeiten die Menschen im Repair Café ehrenamtlich und unentgeltlich.

Das Repair Café wird wöchentlich von bis zu zehn Kunden besucht. Das Publikum ist vielfältig. Jeder kann vorbeikommen. Es sind Menschen aller Altersklassen mit dem einen Gedanken, der sie eint: Sie möchten ihrem mitgebrachten Gegenstand ein zweites Leben schenken. Die Motivation der Besucher*innen jedoch unterscheidet sich mitunter. Die einen möchten beispielsweise nicht verschwenderisch sein und die Umwelt nicht unnötig belasten. Andere müssen schlichtweg sparen.

Wöchentlich für Besucher geöffnet

Das Besondere am Repair Café des AK Lök: Anders als manch andere derartige Einrichtung hat es nicht nur zu bestimmten Tagen im Jahr offen, sondern regelmäßig jeden Dienstag von 10 bis circa 14 Uhr. Jeden ersten Dienstag im Monat sind die Mitarbeiter sogar von 10 bis 18 Uhr vor Ort. In Hamburg gibt es auch noch weitere Repair Cafés. Meist sind sie ehrenamtlich organisiert und verfolgen die gleichen Ziele: die Umwelt schützen, einen nachhaltigen Lebensstil fördern und Menschen miteinander in Kontakt bringen. 

Holzkisten stehten in einem schwarzen Metallregal. In den Kisten sind schrauben und Nägel.
Schnell griffbereit sind die Nägel und Schrauben.

„Von dem Projekt habe ich im Vorbeigehen erfahren. Ich habe die Schaufenster gesehen und bin dann mal rein“, sagt Vera Hansen, 64 Jahre alt. Töpfe und Pfannen hat sie mitgebracht. Früher habe sie nicht viel besessen, erzählt die Rentnerin und auch heute muss sie noch sparen. Aber warum auch Neues kaufen, wenn sich Altes reparieren lässt? Besonders gefällt ihr, dass hier jeder vorbeikommen kann. Hansen unterstützt das Projekt auch selbst, indem sie Wiederverwertbares sammelt und vorbeibringt. 

„Ich bin immer wieder erstaunt darüber was die Leute alles wegschmeißen“, sagt Hobbybastler Beer. So habe er erst kürzlich ein Notebook aus dem Müll gerettet. „Das war komplett in Ordnung“, sagt er. „Es gibt viele Menschen, die nur das Allernötigste haben und sich so einen Luxus gar nicht leisten können.“ Und andere würden es achtlos wegwerfen. Sein Hobby macht Beer Spaß. Mehr noch: „Ich möchte abends das Gefühl haben, irgendwas Sinnvolles getan zu haben. Etwas, das ich für wichtig halte.“

Repair Café in Altona, Bodenstedtstraße 16, 22765 Hamburg. Öffnungszeiten: dienstags 10 bis 13.45 Uhr, am ersten Dienstag im Monat 10 bis 18 Uhr. Internetseite: www.ak-loek.de, Kontakt: Tel.: 040 – 22 85 93 41, E-Mail: werkstatt@ak-loek.de

Vorheriger ArtikelSportspaß-Petition gescheitert
Nächster ArtikelEhemaliger KZ-Wachmann: „Ich habe viele Leichen gesehen“
Daniel Grodzki, Jahrgang 1994, lernte bereits früh, sich auf mehr als nur sein Augenlicht zu verlassen: Er hat eine degenerative Erkrankung namens Retinitis pigmentosa. So entwickelte er schnell eine Affinität für Audiovisuelles und Technik. Selbst wenn in seinem Bekanntenkreis jemand einen neuen Kühlschrank braucht, lässt er sich von Daniel beraten. Mit Gitarren, diversen weiteren Instrumenten und seiner Stimme macht er Musik, die er im Wohnzimmerstudio selbst aufnimmt und produziert. Seit 2015 kommt die Aufnahmetechnik auch fürs Podcasten zum Einsatz: In “#Reallife” spricht Daniel mit seinem Schulfreund Flo über die Belanglosigkeiten des Alltags, die Karriere als Mikro-Influencer ist in vollem Gang. An der Uni Hamburg studierte er Medien- und Kommunikationswissenschaften, seinen ursprünglichen Berufswunsch “Pokémon-Meister” hat er mittlerweile aufgegeben. Kürzel: dag