Bis zu 900 klinische Tests an mindestens 50.000 Personen – jahrelang verkaufte die DDR unwissende Bürger*innen als Proband*innen an westdeutsche Pharmaunternehmen. Der Film „Kranke Geschäfte“ arbeitet dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte auf. 

Eine Frau in weißem Kittel streicht mit schnellen Bewegungen Gel auf einen Defibrillator. Sie steht neben einem Krankenbett. Dort liegt ein Mann. Er bewegt sich nicht. „Eins, zwei, drei“, schallt es durch den Raum. Die Ärztin drückt die Elektroden rechts und links auf die Brust des Patienten. Sein Brustkorb bäumt sich auf, ein dumpfes Geräusch ertönt. Keine Reaktion. „Eins, zwei, drei“, ruft die Ärztin erneut. Wieder schnellt Strom durch den Körper. Keine Reaktion. Dann ein langgezogenes Piepen. Schnitt.

„Bereits der vierte Exitus in der Studie“, sagt die Ärztin. Sie steht in einem Zimmer mit anderen Personen in weißen Kitteln. Ob es doch an dem Medikament liegen könne, fragt sie.

Pharmaunternehmen testeten an Unwissenden

Die Aufträge kamen laut Informationen des Spiegel vor allem aus Westdeutschland, aber auch die Schweiz, Frankreich, die USA und Großbritannien haben Medikamente in der DDR testen lassen.

„Kranke Geschäfte“ beleuchtet in 105 Minuten ein kaum beachtetes Kapitel deutscher Geschichte: Jahrelang wurden in der DDR neu entwickelte Medikamente von westdeutschen Pharmaunternehmen an unwissenden DDR-Patient*innen getestet. Insgesamt sollen nach Informationen des Spiegel Hinweise auf bis zu 900 klinische Tests mit mindestens 50.000 Proband*innen im Zeitraum von 1961 bis 1990 vorliegen. Viele von ihnen starben.

Auf realen Begebenheiten beruhend, erzählt der Film die Geschichte der Familie Glaser. Tochter Kathi, gespielt von Lena Urzendowski, leidet an einer aggressiven Form von Multiple Sklerose, einer chronischen Nervenkrankheit bei der sich Bereiche in Gehirn und Rückenmark entzünden. Sie kann nur noch wenig sehen und schlecht laufen. Durch die Kontakte ihres Vaters (Florian Stetter), der Oberleutnant der Stasi ist, wird sie im Bezirkskrankenhaus bevorzugt behandelt. Kathi erhält einen früheren MRT-Termin sowie die Möglichkeit mit einer neuartigen Behandlungsmethode therapiert zu werden.

Was die Familie nicht weiß: Kathi wird unwissentlich Probandin einer Doppel-Blind-Studie. An ihr werden westdeutsche Medikamente getestet, ohne dass ihre behandelnde Ärztin weiß, ob Kathi das Medikament oder lediglich ein Placebo bekommt. Als ihr Vater davon erfährt, ermittelt er eigenständig gegen die BRD – mit schwerwiegenden Folgen für ihn und seine Familie.

Bei Risiken und Nebenwirkungen …

Durch das Beruhigungsmedikament Contergan, das speziell Schwangeren gegen die morgendliche Übelkeit empfohlen wurde, kamen von Oktober 1957 bis November 1961 weltweit etwa 5.000 bis 10.000 geschädigte Kinder und viele Totgeburten auf die Welt.

Nachdem in den Jahren 1961 und 1962 der Contergan-Skandal, einer der aufsehenerregendsten Arzneimittelskandale in der BRD, aufgedeckt wurde, fanden sich immer weniger Proband*innen in Westdeutschland, die freiwillig an Studien teilnahmen. Zu groß war die Angst vor möglichen Nebenwirkungen.

Folglich wurden westdeutsche Studien vermehrt außerhalb der BRD durchgeführt – gegen Bezahlung. 150.000 DM wurden in dem Film „Kranke Geschäfte“ von einem westdeutschen Pharmaunternehmen an die überschuldete DDR gezahlt. Im Gegenzug führte diese eine Studie an Patient*innen mit Multiple Sklerose durch. Mit dem Geld wurden Operationssäle modernisiert.

Mehr als nur ein Film

„Kranke Geschäfte“ ist nach „Der Bankraub“ (2015) bereits der zweite Film von Regisseur Urs Eggers, der im Auftrag des ZDF entstanden ist und Rahmen des Filmfest Hamburg vorgestellt wurde. Er spielt im Jahr 1988 in der damaligen Karl-Marx-Stadt, die am 1. Juni 1990 in Chemnitz umbenannt wurde. Teilweise wurde der Film in der tschechischen Hauptstadt Prag gedreht, da die Straßen dort laut der Filmproduzentin Franziska An Der Gassen so aussähen, wie im Jahr 1988 in der DDR.

Der Fernsehfilm schafft neben abendlicher Unterhaltung vor allem eins: Aufklärung. Er rekonstruiert und reflektiert ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte. Dabei überzeugen vor allem Florian Stetter und Felicitas Woll in den Hauptrollen als besorgte Eltern, die kompromisslos für ihre Tochter einstehen. „Kranke Geschäfte“ wagt sich an ein komplexes Thema und stellt es vereinfacht, dennoch sachlich und glaubwürdig dar, sodass die Thematik noch lange nach dem Abspann im Kopf zurückbleibt.

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2 KOMMENTARE

  1. Die Autorin schreibt „Insgesamt sollen nach Informationen des Spiegel Hinweise auf bis zu 900 klinische Tests mit mindestens 50.000 Proband*innen im Zeitraum von 1961 bis 1990 vorliegen. Viele von ihnen starben.“
    Der verlinkte Spiegel-Artikel spricht aber nur an einer Stelle von Toten: „Bei einem Blutdrucksenker-Test habe es auch Tote gegeben. Ein direkter Zusammenhang zu dem Zusatzpräparat wurde nicht genannt. Die Menschen seien ohnehin schwer krank gewesen. “
    Woher stammen also die Informationen von Frau Maurer, es seien „viele“ Tote gewesen?
    Darüber hinaus erscheint die Kennzeichnung in Frau Maurers Artikel „auf realen Begebenheiten beruhend“ bei einem Kunstwerk, welches weder auch nur eine Geschichte aus den Akten versucht, zur Grundlage zu nehmen, noch versucht, die realen Geschichten in der angemessen Dramatik darzustellen, reichlich unpassend. Beispielsweise wäre im Hinblick auf die angemessen dramatische Darstellung ein interessanter Versuch gewesen, die genauen Umstände der im Spiegel-Artikel genannten Verstobenen, bei denen das Blutdruck-Medikament getestet wurde, zu recherchieren und damit einen Film zu produzieren, der sich deutlicher von den allseits bekannten „Stasi-Typen“ und damit weniger von der DDR-Realität abhebt.
    So drohen einerseits der Film und andererseits Frau Maurers Sichtweise auf den Film zu weiteren Anlässe für Ostdeutsche zu werden, sich von Westdeutschen erklären lassen zu müssen, wie sie ihre „dunkle“ Vergangenheit zu sehen haben – was auch im Angesicht der jahrelangen rassistischen Witze über Ostdeutsche, beispielsweise mit der verächtlich machen sollenden Kennzeichnung „Dunkeldeutschland“, als reichlich geschmacklos erscheint.
    Dass viele Ostdeutsche insbesondere die westdeutsche Presse als „Lügenpresse“ bezeichnen, ist in dieser Verkürztheit sicher zurückzuweisen, aber den von Ostdeutschen inzwischen oft geäußerten Eindruck, von selten zu den Arbeiterkindern gehörenden Westdeutschen – deren Länder-Steuerhaushalte und -Infrastrukturen davon profitiert haben, dass die ostdeutsche Wirtschaft sowie die dazugehörigen Sozialstrukturen von westdeutschen Firmen aus Marktkonkurrenz-Gründen dem Erdboden gleich gemacht wurden – fortgesetzt schlecht recherchierte Aussagen über ihre Vergangenheit vorgesetzt zu bekommen, muss man ja nicht auch noch bestätigen.

    • Sehr geehrter Herr Mithral,

      vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar unter dem Beitrag „Kranke Geschäfte – Medikamentenversuche in der DDR“ auf FINK.HAMBURG.

      Die Artikel des „Spiegel“ mit entsprechenden Informationen können Sie unter folgenden Links finden:
      https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/medikamententests-in-der-ddr-devisen-gegen-patienten-a-1082584.html
      https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-94865584.html
      Hier finden Sie auch die Information dazu, dass mehr als 50.000 Patienten als Testpersonen dienten und viele von ihnen starben. Die Quellenangabe haben wir dahingehend im Text aktualisiert. Vielen Dank für diesen Hinweis.

      Zusätzlich möchten wir gerne darauf hinweisen, dass es sich bei dem Artikel um eine Filmkritik zu einem bereits abgedrehten Film des ZDF handelt und wir keinen Einfluss auf die Inhalte von „Kranke Geschäfte“ hatten. Einen neuen Film zu produzieren war zu keinem Zeitpunkt unsere Absicht und fällt auch nicht in den Aufgabenbereich eines studentischen Onlinemagazins, wie FINK.HAMBURG es ist. Wir möchten Sie daher bitten, sich mit Vorschlägen zu möglichen neuen Produktionen direkt an das ZDF zu wenden.

      Mit freundlichen Grüßen
      Die FINK.HAMBURG Redaktion

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