Nur wenige junge Arbeitnehmer*innen engagieren sich in Gewerkschaften. In Start-ups gibt es oft sowieso keinen Betriebsrat. Sind Gewerkschaften noch zeitgemäß? Und welche gibt es? Ein Überblick.

Gewerkschaften vertreten die Interessen von Arbeitnehmer*innen. Knapp sechs Millionen Menschen sind in Deutschland Mitglied einer Gewerkschaft. Die Zahlen sind in den vergangenen Jahren etwas gesunken.

Unter jungen Menschen ist der Anteil an Gewerkschaftsmitgliedern gering. Laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft Köln sind bis 30-Jährige lediglich zu 12 Prozent in einer Gewerkschaft organisiert. In Betrieben mit weniger als 50 Mitarbeiter*innen liegt der Anteil sogar unter zehn Prozent.

Gerade in Start-ups sind Arbeitnehmer*innen oft nicht gewerkschaftlich organisiert, einen Betriebsrat gibt es häufig nicht. Daraus ergibt sich die Frage, ob Gewerkschaften überhaupt noch notwendig sind? Und wie funktionieren sie überhaupt? An wen junge Arbeitnehmer*innen sich wenden können, haben wir hier zusammengefasst.

Gewerkschaften in Zahlen

Junge Menschen sind in Gewerkschaften unterrepräsentiert:

Junge Menschen sind in Gewerkschaften unterrepräsentiert

Gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer*innen in Hamburg in den beiden großen Gewerkschaften Ver. di und der IG Metall:

ver.di Mitglieder in Hamburg
Grafik: Bennet Möller, Stand: 2019
IG Metall Mitglieder in Hamburg
Grafik: Bennet Möller, Stand: 2019

Gewerkschaften: Wie funktionieren sie?

Für quasi jeden Beruf gibt es die passende Gewerkschaft über 60 sind es in Deutschland. Die acht größten bilden gemeinsam den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Ihre Arbeitsweisen und Ziele sind ähnlich. Grundsätzlich gilt: Gewerkschaften vertreten Arbeitnehmer*innen in Unternehmen, aber auch gegenüber der Politik und vor Gericht.

Gemeinsam mit Arbeitgeber*innen und Betriebsräten handeln Gewerkschaften Tarifverträge aus, die für gesamte Branchen und Regionen gültig sind. Lohnerhöhungen, Arbeitsschutz, bessere Arbeitszeiten oder mehr Urlaubstage kommen nach einem Abschluss dann allen Arbeitnehmer*innen zugute, auch wenn diese keine Gewerkschafter*innen sind und damit keinen rechtlichen Anspruch auf die Konditionen der ausgehandelten Tarifverträge haben. So zumindest die Theorie.

Viele junge Menschen arbeiten jedoch in der Gastro, in Start-ups oder in Agenturen in diesen Branchen oder Unternehmensstrukturen sind Betriebsräte und Gewerkschaften selten ein Thema.

Sind Gewerkschaften noch zeitgemäß?

Der klassische Konflikt zwischen Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen hat an Bedeutung verloren. Wo es früher um Kapital und Arbeit ging, streitet man heute eher um Vor- und Nachteile der Globalisierung. Während die großen Gewerkschaften vor allem auf große Unternehmen abzielen, passen sie offenbar nicht zur individuellen Arbeitskultur junger Unternehmen. Berliner Start-ups haben sich etwa gegen Betriebsräte positioniert. Gewerkschaften kämpfen um ihren Einfluss.

Die Mitgliedschaft kann sich trotzdem auszahlen. Denn der Einfluss der Gewerkschaften hängt von ihrer Größe ab: Je mehr Menschen sich engagieren, desto mehr Druck kann ausgeübt werden. Von den ausgehandelten Tarifverträgen können auch Unternehmen ohne Tarifvertrag profitieren. Das zeigt beispielsweise der Mindestlohn, den es seit 2015 für alle Angestellten in Deutschland gibt; außer bei Pflicht- und Orientierungspraktika. Gewerkschaften hatten den Mindestlohn schon vor den Parteien gefordert. Seit diesem Jahr beträgt er übrigens 9,35 Euro Brutto in der Stunde.

Es gibt jedoch auch Vorteile, die einzig Mitglieder haben. Wer streiken will oder vor das Arbeitsgericht muss, ist von seiner Gewerkschaft rechtlich abgesichert. Wenn du beitreten willst, solltest du wissen, wer dich und deine Kolleg*innen vertritt.

Einige Gewerkschaften stellen wir hier vor:

Wer für wen?

Ver.di  Die Allrounderin 

  • Zielgruppe: Richtet sich an die meisten Dienstleister*innen, Gesundheit oder Medien sind genauso dabei wie Bildung oder Handel.
  • Besonderheit: Mit 13 Bereichen ist Ver.di breiter aufgestellt als alle anderen.
  • Mitgliedschaft: Berufstätige bezahlen ein Prozent des Bruttolohns. Studierende, Schüler*innen oder Erwerbslose bezahlen monatlich 2,50 Euro.
  • Kontakt vor Ort: Ver.di Jugendteam, 040 890615-330, jugend.hamburg@verdi.de

IG Metall Schwergewicht der Industrie

  • Zielgruppe: Mobilitätsbranche, Maschinen- und Anlagenbau, Elektro- und Stahlindustrie, Textilbranche, Handwerk: Die IG Metall deckt mehr Branchen ab als nur Metall- und Stahlarbeiter. 
  • Besonderheit: Die IG ist die größte Einzelgewerkschaft der Welt.
  • Mitgliedschaft: Berufstätige zahlen ein Prozent des monatlichen Bruttolohns. Studierende zahlen 2,05 Euro im Monat. Erwerbslose, Mitglieder in Elternzeit und Insolvenz zahlen 1,53 Euro.
  • Kontakt Vor Ort: IG Metall Jugend, +49 40 284086-284, bjarne.wiedemann@igmetall.de

NGG Einsatz für die Gastro

  • Zielgruppe: Zuständig für Gastro und Lebensmittelindustrie, also klassische Nebenjobs, etwa in der Bar oder im Supermarkt.
  • Besonderheit: Die NGG ist die älteste deutsche Gewerkschaft.
  • Mitgliedschaft: Berufstätige zahlen ein Prozent des monatlichen Bruttolohns. Erwerbslose, Mitglieder in Elternzeit und Privatinsolvenz zahlen 2,60 Euro pro Monat. Studierende  
  • Kontakt Vor Ort: NGG Jugend Nord, 040 38013120-23, lbz.jugend-nord@ngg.net

Weitere Gewerkschaften:

Bei Wikipedia findest du eine ausführliche Auflistung der meisten Gewerkschaften in Deutschland. Zudem hat der Politologe Samuel Graf eine Liste erstellt – Stand 2013.

Foto: Christophe Gateau/dpa

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Bennet Möller, Jahrgang 1995, stand schon mal im Finale einer Deutschen Meisterschaft – im Futsal, einer besonders schnellen Form des Hallenfußballs. Das war 2019, als Bennet noch mit dem Studium der Politikwissenschaft an der Universität Hamburg beschäftigt war. Beim Unternehmen Jungheinrich, berühmt für seine Lagertechnik, arbeitete er in der Kommunikationsabteilung – er saß auch schon mal selbst auf einem Gabelstapler. Für das politische Bildungsforum der Konrad-Adenauer-Stiftung organisierte er Veranstaltungen mit Politikern, Wissenschaftlern und Wirtschaftsleuten. Yuval Noah Hararis „Kurze Geschichte der Menschheit“ ist sein Lieblingssachbuch, und überhaupt liest er lieber, als Fernzusehen. Auch Fußball spielt er lieber selbst, als es auf einem Bildschirm zu verfolgen. Kürzel: bem
Freudenstadt behauptet von sich, den größten Marktplatz Deutschlands zu haben, genau wie Stade. Was Stade definitiv fehlt: Es war nicht seit 1997 das Zuhause von Lorenz Jeric. Er liebt die Ćevapčići seines slowenischen Großvaters, kocht selbst aber am liebsten Käsespätzle. Nach 13 Jahren Waldorfschule zog er nach Hamburg, um einen Bachelor in Medien- und Kommunikationswissenschaft zu machen. Dabei lernte er, dass er es nicht leiden kann, Filme wissenschaftlich zu betrachten, obwohl er sie liebt. Wenn er nicht grade für eine kleine Kommunikationsagentur textet, spielt er gerne am Grindelhof Tischtennis oder fährt mit seinem Campervan Richtung Norden, möglichst ans Wasser. Zusammen mit Freunden produziert er schon seit 2017 den Podcast „Unfertig“, in dem wenig über Gott und viel über die Welt gesprochen wird. Kürzel: loc