Michaels WG ist gleichzeitig sein Nebenjob: Als Alltagsbegleiter unterstützt er seinen Mitbewohner Joshua. Die beiden erzählen von ihrer inklusiven WG, in der Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben.

Joshua schaut auf den Boden. Er sieht nachdenklich aus. Der 20-Jährige sitzt auf dem Sofa in der großen und barrierefreien WG-Küche. „Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll“, sagt er. Seine Behinderung fällt nicht sofort auf. Deswegen versucht er sie in Worte zu fassen: „Meine Einschränkung ist eher im Kopf, würde ich sagen. Also ich bin zum Beispiel in Mathe und Rechtschreibung nicht gut.“

Joshua ist kürzlich bei seinen Eltern ausgezogen. Er mag den Fußball-Zweitligisten HSV und er ist politisch interessiert. „Ich bin Fan von der SPD. Also von Karl Lauterbach“, sagt er.  Er versucht täglich Nachrichten zu gucken. Freitags läuft bei ihm die „Heute Show“, der satirische Wochenrückblick. In seiner Freizeit fotografiert Joshua mit seinem Smartphone seine Wohngegend. Gerade macht er eine Ausbildung im Dialogmarketing im Berufsbildungswerk Hamburg.

Ein weiter Weg in die WG

„Ich hatte sehr, sehr viel Glück“, sagt Joshua darüber, dass er in die inklusive WG einziehen durfte. „Meine Mutter hat zufällig von dem Projekt im Radio gehört. Und dann wurde ich im WG-Casting genommen.“ Seit Juni wohnt er hier in der Hafencity. Zufällig ist dort zur richtigen Zeit ein passendes Zimmer frei geworden. „Aber es war ein weiter Weg“, erinnert er sich. „Da geht’s um Behörden. Die Eingliederungshilfe muss rausfinden: Was passt zu meiner Behinderung – und das dauert einfach.“

Mit seinem Mitbewohner Michael versteht sich Joshua gut. Noch ein Glücksfall, denn Michael ist nicht nur Joshuas Mitbewohner, sondern auch sein Alltagsbegleiter. Er kümmert sich also mehr um seinen Zimmernachbarn, als es in anderen WGs üblich wäre. Das ist Michaels Nebenjob, mit seinen Mitbewohner*innen Zeit zu verbringen. Dafür verdient er etwa 430 Euro im Monat und zahlt ungefähr 500 Euro Miete. Sein WG-Zimmer ist groß, mit vielen Fenstern, einer kleinen Küchenzeile und einem eigenen Badezimmer. Joshuas Zimmer ist direkt nebenan und genauso groß, nur ohne Küchenzeile.

Nebenjob: Mitbewohner

Michael (links) und Joshua (rechts) erzählen von ihrem Alltag in der inklusiven WG.

Michael ist 24 Jahre alt und studiert Sozialökonomie an der Uni Hamburg. „Man ist eben nicht nur Mitbewohner, sondern auch Angestellter“, sagt er. „Deswegen gab es auch mehrere Gespräche. Und es hat gedauert, bis ich hier reingekommen bin“, sagt Michael. In der Wohnung leben zwei Menschen mit Behinderung und zwei Alltagsbegleitende. Seine „Kollegin“ ist berufstätig, seine andere Mitbewohnerin macht derzeit ein Praktikum. Sie sitzt im Rollstuhl: Unter dem Herd ist deswegen zum Beispiel kein Backofen, der steht separat.

Wenn Michael mit Bekannten über sein WG-Leben spricht, reagieren die oft damit, dass sie sich nicht vorstellen könnten, selbst mit Menschen mit Behinderungen zusammenzuwohnen. „Ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen, weil ich einfach schon so lange hier lebe.“ Und zwar seit Beginn des Projektes im Jahre 2016. „Wie in normalen WGs tauschen die Mitbewohner alle zwei, drei Jahre durch“, sagt Michael. Er habe von dem Projekt durch einen Kumpel in der Uni erfahren. Auf seinen Platz in der WG musste er nach seiner Bewerbung etwa ein halbes Jahr warten.

„Man muss niemandem auf die Toilette helfen“

Alltagsbegleitende sollen keine pflegerischen Aufgaben erfüllen: „Man muss jetzt niemandem auf die Toilette helfen oder so“, sagt Michael. Für Pflege- und pädagogische Aufgaben gebe es Fachkräfte: Die Bewohner*innen mit Assistenzbedarf buchen Einzelstunden bei Pflegekräften oder Pädagog*innen. Die kümmern sich zum Beispiel um das Ausfüllen von Dokumenten oder helfen hin und wieder beim Saubermachen.

Joshua hat mit seinem Pfleger in der vergangen Einzelstunde gemeinsam gekocht. „Man soll eben ein ganz normaler Mitbewohner sein“, so Michael. „Es geht um Freizeitaktivitäten, dass man was zusammen macht“, sagt Joshua. Ansonsten sei er relativ selbstständig. Er habe zwar kein Heimweh, aber alleine wohnen wäre gerade auch nichts für ihn. „Ich fühle mich total wohl hier.“

Laut Arbeitsvertrag verpflichten sich die Alltagsbegleitenden dazu, zehn Stunden in der Woche mit ihren Mitbewohner*innen mit Assistenzbedarf zu verbringen. „Ich will da keine genauen Vorgaben machen“, sagt Frank Köhler, Projektleiter der Hausgemeinschaft. „Jede WG soll selbst entscheiden, was sie unternimmt.“ Die Alltagsbegleitenden sind normalerweise auch mit Bewohner*innen aus den anderen WGs der Hausgemeinschaft zusammen. Das sei derzeit jedoch wegen der Corona-Beschränkungen nicht möglich.

Eigentlich kann jede*r als Alltagsbegleiter*in in der Shanghaiallee einziehen, der oder die die Zeit aufbringen kann und will. Die meisten seien Studierende, einige Auszubildende, wenige Berufstätige. „Ich achte möglichst darauf, dass die Menschen keine soziale Ausbildung machen“, erklärt Köhler dazu, wie er Mitarbeiter*innen auswählt. „Sonst ist die Versuchung da, dass man als Fachkraft auf den Mitbewohner guckt und auch so reagiert.“ Für die Bewerber*innen mit Assistenzbedarf gelte die Voraussetzung einer diagnostizierten geistigen oder Lern-Behinderung.

Warum ausgerechnet die Hafencity?

Dass die WG in einem der teuersten Stadtteile Hamburgs liegt, hat mit Stadtentwicklungspolitik zu tun, so Köhler. Der Gebäudekomplex in der Shanghaillee wurde im Zusammenschluss von der gemeinnützigen Baugenossenschaft Bergedorf-Bille eG, der KOS Wulff Immobilien GmbH und der Otto Wulff Projektentwicklung GmbH errichtet. Bei jedem Neubauprojekt müssen in Hamburg etwa ein Drittel der Wohnungen gefördert werden. „Deshalb war unser Bauträger sehr daran interessiert, uns in dem Häuserblock miteinzuplanen“, sagt Köhler. So hat der Verein Leben mit Behinderung Hamburg (lmbhh) dort einen Platz bekommen.

Vermieter der inklusiven Hausgemeinschaft ist die Otto Wulff Immobilienmanagement GmbH. Die Hausgemeinschaft in der Shanghaiallee soll zum Ziel einer vielfältigen sozialen Nachbarschaft beitragen. Zwischen 1500 und 2000 der insgesamt rund 7000 Wohnungen in der Hafencity sind öffentlich gefördert.

Für die Mieten der Bewohner*innen mit Assistenzbedarf kommt laut Köhler das Fachamt für Grundsicherung und Soziales der Finanzbehörde auf. Das Fachamt für Eingliederungshilfe finanziere das Pflegepersonal. Eine maximale Mietdauer gebe es nicht. Alter und Geschlecht spielen ebenfalls keine Rolle: „Unsere Erfahrung ist aber, dass eher junge Leute in einer WG leben“, sagt Köhler. Niemand bliebe bisher das ganze Leben in einer inklusiven Wohngemeinschaft, wie es in anderen Einrichtungen der Behindertenhilfe der Fall sei.

„Der Ansturm ist groß. Besonders bei Studenten“, so Köhler. Und wenn ein Zimmer für Assistenzbedürftige kurz frei bleibe, dann nur, weil sich Behörden um die Kostenbewilligung und die Zuständigkeit streiten.

Tschüss, WG-Partys?

Michael weiß, dass es manchmal ein anderes Zusammenleben ist: „Man muss sich mehr um Harmonie bemühen, feinfühliger sein und immer ein offenes Ohr haben.“ Der größte Unterschied liege für ihn in der Verantwortung, dass Inklusion tatsächlich stattfinde.

Sind WG-Partys, wie sie für Studierende typisch sind, überhaupt noch möglich, wenn Wohnen gleichzeitig der Nebenjob ist? „Hauspartys sind hier genauso drin, wie woanders auch“, sagt Michael. „Natürlich nicht jetzt, in der Corona-Zeit. Ansonsten können alle integriert werden.“ Unterm Strich sei es eben doch eine normale WG.

„Dieses Projekt bietet Studierenden günstigeren Wohnraum und Menschen mit Behinderungen eine Schnittstelle zum normalen Leben“, sagt Michael. Außerdem sehe er solche Projekte als Augenöffner: „Was bedeutet es eigentlich, in einem Rollstuhl zu sitzen und nicht mal eben mit der U-Bahn irgendwo hinzufahren?“

Wenn Joshua sein WG-Leben mit einem Wort beschreiben soll, muss er nicht lange überlegen: „Gemeinsamkeit. Wir machen alle einfach sehr viel zusammen. Wir waren mal klettern und am Wochenende haben wir einen Mariokart-Abend gemacht.“ Streit gab es seit seinem Einzug noch nicht. Er wüsste auch nicht warum, schließlich habe ja jeder sein eigenes Badezimmer.

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Mit Barockfrisur und prunkvollem Reifrock: So konnte man Caterina Klaeden, Jahrgang 1995, in der Innenstadt von Passau bewundern. Neben ihrem Medien- und Kommunikations-Studium zeigte sie dort bei mittelalterlichen Schauspielführungen zum Beispiel das Pesthaus oder den Pranger. Beim Yoga kann sie den Kopfstand, am Handstand arbeitet sie noch. Gebürtig kommt Caterina aus dem Harz, dort entdeckte sie ihre Liebe zum Journalismus. Bei der „Goslarschen Zeitung“ leitete sie das Ressort „Junge Szene“. Für die Miniserie „Harz Attack“ berichtete sie unter anderem über ein Survival Camp. Dabei machte sie Feuer mit Feuersteinen, lernte Kräuterkunde und war mit Schlittenhunden unterwegs. Als kleines Kind wollte sie Delfin-Dompteurin werden. Heute bringt sie in ihrem Podcast „Late Night Hate mit Caty“ Leute zum Lachen und greift darin all das auf, was in ihrem verrückten Leben passiert oder sie ärgert, etwa das unterirdische W-Lan an der Uni Passau. Kürzel: cat

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