Für obdachlose Jugendliche spielt das Internet eine immer größere Rolle, vor allem in Corona-Zeiten. FINK.HAMBURG hat mit einer Hamburger Streetworkerin über junge Menschen auf der Straße und die digitale Streetwork-Station „Sofahopper“ gesprochen. 

Stell dir vor, du landest auf der Straße. Was ist deine erste Anlaufstation? Erst einmal ein Kumpel oder eine Freundin, Bekannte oder Verwandte, wo du ein paar Nächte auf der Couch schlafen kannst. Und wenn das nicht mehr geht?

Die Corona-Pandemie erschwert ein Weiterziehen von Sofa zu Sofa. „Manche haben Angst, während Corona jemanden bei sich aufzunehmen“, sagt Benthe Müller-Nickel, Hamburger Stationsleiterin der Hilfsorganisation Offroad Kids. Sie arbeitet seit 15 Jahren als Straßensozialarbeiterin.

Für viele mag es kein großes Problem sein, dass sich der Alltag aktuell hauptsächlich zu Hause abspielt. Umso schwieriger ist es für Jugendliche, die dort Streit und Gewalt bishin zum Rausschmiss fürchten. Die Straße als letzter Ausweg ist gerade in den kalten Wintermonaten und während einer Pandemie verheerend. Die digitale Streetwork-Station von Offroad Kids „Sofahopper“ will Jugendliche davor bewahren.

Ein paar Klicks von der Straße entfernt

Wenn Jugendliche heute obdachlos werden, landen sie meist nicht direkt auf der Straße, sondern kommen bei Freunden oder Bekannten unter, so Müller-Nickel. An diese „Sofahopper“ richtet sich das gleichnamige Online-Projekt. Jugendliche und junge Erwachsene werden von ihrer ungewissen und zeitlich beschränkten Unterkunft in ein stabiles Umfeld begleitet, um Obdachlosigkeit zu umgehen. Es handelt sich um präventive Straßensozialarbeit.

Jugendliche und junge Erwachsene unter 27 Jahren können über die Webseite anonym mit erfahrenen Straßensozialarbeiter*innen chatten. Mit weiteren Telefongesprächen oder persönlichen Treffen in den Streetwork-Stationen Berlin, Dortmund, Hamburg und Köln sollen Betroffene individuell unterstützt werden. So begleiten die Sozialarbeiter*innen die Betroffenen zum Beispiel zu Behörden und Ämtern oder helfen bei der Wohnungssuche. Obwohl die Stationen von Offroad-Kids nur in einigen deutschen Großstädten vertreten sind, können sich Jugendliche aus ganz Deutschland über „Sofahopper“ melden: „Wir sind gut vernetzt und schauen nach einer individuellen Lösung vor Ort“, so die Sozialarbeiterin.

Eine App für Straßenkinder

Die App „Mokli“ soll Jugendliche, die bereits obdachlos sind, als Begleiter auf der Straße dienen. Der Name ist angelehnt an den Jungen Mogli aus dem „Dschungelbuch“, der nicht bei seiner Familie aufwächst, sondern im Dschungel lebt. Über die App oder die Webseite finden Straßenkinder und obdachlose Jugendliche Hilfe für ihren Alltag auf der Straße. Auf einer Karte werden ihnen Beratungsstellen, Essensausgaben, Übernachtungsplätze, Duschgelegenheiten und kostenlose Ärzte angezeigt.

Die Idee stammt von einer Gruppe junger Menschen, die ebenfalls einmal obdachlos waren. Gemeinsam mit dem Verein für Jugendhilfe Karuna und MOMO – The Voice of Disconnected Youth aus Berlin und weiteren technischen Partner*innen konnte die Idee digital verwirklicht werden.

Aus dem Schutz der Öffentlichkeit ins versteckte Internet

„Heute ist die Obdachlosigkeit stärker verdeckt“, sagt Müller-Nickel. „Die Straße ist jetzt woanders.“ Deswegen habe sich die Straßensozialarbeit ebenso verändert. Wer früher obdachlose Jugendliche gesucht hat, musste auf die Straße gehen. Die Treffpunkte waren in der Szene bekannt.

„Die STraße ist jetzt woanders“
Müller-Nickel, Streetworkerin

Jugendliche verschwinden heute also eher in den Tiefen des Internets, ganz ohne Schutz der Öffentlichkeit. „Das ist noch gefährlicher“, so die Sozialarbeiterin. „In der Öffentlichkeit können Menschen helfen. Im Internet geraten junge Leute an dubiose Kontakte und niemand sieht das, niemand kann einschreiten.“

Von Ausreißer-Kids zu praktischen Problemen

„Früher waren das Ausreißer-Kids, die wir zurück zu ihren Eltern gebracht haben“, so die Streetworkerin. Heute seien es häufiger praktische Probleme, die es früher so nicht gegeben habe: Was muss man tun, wenn der Verlust von Job oder Wohnung droht? Wie werden Hilfsgelder beantragt? Welches Amt ist für was zuständig? Demnach seien es viel weniger Minderjährige, die die Berater*innen von Offroad Kids aufsuchen, sondern 18 bis 27-Jährige. Die meisten von ihnen finden sich nicht zum ersten Mal in dieser Situation wieder.

Gerade weil sich der Alltag haupsächlich im Haushalt abspiele, da Freizeitaktivitäten gerade nicht möglich sind, komme es vermehrt zu Streit. „Vielen ist das gerade sowieso schon zu viel. Dann kommt noch die Enge zu Hause hinzu, man kann sich nicht aus dem Weg gehen“, sagt die Straßensozialarbeiterin. Außerdem sei es nicht nur schwerer bei Bekannten unterzukommen. Manche Essensstellen, wie die Tafel, Aufenthaltsstellen, Behörden und Ämter waren während des ersten Lockdowns geschlossen. Mit der Pandemie sei die Nachfrage an dem Online-Projekt stark gestiegen. Deswegen haben die Streetworker*innen die Beratungszeiten ausgeweitet. Zwischen 10 und 20 Uhr ist der Chat von einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin betreut. Müller-Nickel ist montags im Chat.

Hamburg braucht ein Haus für obdachlose Jugendliche

„Theoretisch gibt es immer eine Unterkunft“, sagt Müller-Nickel. In Hamburg gibt es etwa das Winternotprogramm für Obdachlose. „Das schreckt 18- oder 19-Jährige aber ziemlich ab. Vor allem während Corona. Da sind viele Fremde zusammen, die schon lange obdachlos sind und daher mangelnde Körperhygiene haben.“ Es fehle in Hamburg eine Unterkunft, speziell für junge Leute zwischen 18 und 25 Jahren, die kurzfristig obdachlos sind und sich fragen: Wo kann ich heute Nacht hin?

Mädchen zahlen einen bestimmten Preis

Meistens seien junge Männer betroffen. „Die jungen Mädchen haben es leichter, bei jemandem unterzukommen. Dafür zahlen sie aber einen bestimmten Preis. Einige landen in sehr prekären Partnerschaften“, berichtet Müller-Nickel aus ihrer Erfahrung als Streetworkerin. Das Projekt „Sofahopper“ sei ein weiterer Zugang für obdachlose Jugendliche. Aber nicht der einzige. So gehen die Streetworker*innen weiterhin auf die Straße. Trotz Corona. Oder gerade deswegen.

Weitere Hilfsprojekte in Hamburg

Stress zu Hause oder obdachlos in Hamburg? Hier findest Du Unterstützung:

Die Stadt Hamburg bietet einige Offline-Hilfsprojekte für Obdachlose an, wie das Winternotprogramm oder Tagesanlaufstellen. Außerdem hilft die Stadt ebenfalls mit Straßensozialarbeit. Bei finanziellem oder familiärem Stress findest du Unterstützung auf dem Jugendserver. Der Mitternachtsbus der Diakonie Hamburg ist in der Innenstadt unterwegs und verteilt warme Getränke und Mahlzeiten. Das Café mit Herz hilft mit Lebensmitteln, Kleidung und Schlafsäcken, aber auch bei der Beratung in einem mobilen Büro.

Titelbild: Pixabay

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Mit Barockfrisur und prunkvollem Reifrock: So konnte man Caterina Klaeden, Jahrgang 1995, in der Innenstadt von Passau bewundern. Neben ihrem Medien- und Kommunikations-Studium zeigte sie dort bei mittelalterlichen Schauspielführungen zum Beispiel das Pesthaus oder den Pranger. Beim Yoga kann sie den Kopfstand, am Handstand arbeitet sie noch. Gebürtig kommt Caterina aus dem Harz, dort entdeckte sie ihre Liebe zum Journalismus. Bei der „Goslarschen Zeitung“ leitete sie das Ressort „Junge Szene“. Für die Miniserie „Harz Attack“ berichtete sie unter anderem über ein Survival Camp. Dabei machte sie Feuer mit Feuersteinen, lernte Kräuterkunde und war mit Schlittenhunden unterwegs. Als kleines Kind wollte sie Delfin-Dompteurin werden. Heute bringt sie in ihrem Podcast „Late Night Hate mit Caty“ Leute zum Lachen und greift darin all das auf, was in ihrem verrückten Leben passiert oder sie ärgert, etwa das unterirdische W-Lan an der Uni Passau. Kürzel: cat