Markus Haase sitzt im Rollstuhl und ist auf Assistenz angewiesen. Deswegen lebt er in einer betreuten Wohngruppe. Er erzählt von seiner Sozialphobie, seiner Angst, dass sie im Lockdown schlimmer wird und was er nach Corona als erstes machen will.

„Dieser ganze Stillstand ist mir unheimlich“, sagt Markus Haase. „Wenn man rausguckt, sieht man kaum Leute. Alle gehen auf Distanz.“ Markus sitzt im Rollstuhl. Er lebt in einer Wohngruppe des Trägers Leben mit Behinderung Hamburg. Dort erhält er Unterstützung im Alltag. Montags ist immer Matthias Weingard da. Er ist Assistenzkraft und hilft Markus zum Beispiel bei seiner Morgenhygiene oder reicht ihm sein Essen an. Matthias ist seit 2014 bei Leben mit Behinderung Hamburg und seitdem auch bei der Hausgemeinschaft „Selbst und Sicher“.

Die Angst, unter Leuten zu sein

In einer Behindertenwerkstatt kann Markus nicht arbeiten. Trotzdem schränkt die Corona-Pandemie seinen Alltag stark ein. „Ich muss lernen, unter Leuten zu sein“, sagt der 35-Jährige. „Das ist gerade nicht möglich.“ Markus leidet unter einer Sozialphobie. Das heißt, er fühlt sich an öffentlichen Orten mit vielen fremden Menschen unwohl. So sehr, dass er Panik bekommt.

Um diese Sozialphobie in den Griff zu kriegen, müsste er täglich trainieren: Alleine mit dem Bus zu seiner Psychologin fahren zum Beispiel. Das fällt im Lockdown weg. „Ich habe gerade keine Erfolgserlebnisse. Ich kann nicht sagen: Hurra, jetzt bin ich alleine Bus gefahren“, sagt er. Markus hat Angst, dass sich seine Sozialphobie verschlimmert, wenn der normale Alltag nach Corona zurückkehrt.

Wie genau sich seine Sozialphobie äußert, beschreibt er so: „Ich kann nicht mal eben alleine eine Bratwurst essen gehen. Ich denke immer: Wenn was schiefgeht, dann lachen die Leute. Ich habe dann Stimmen im Kopf, die sagen: Lass das bleiben, das geht schief.“

Matthias (links) und Markus vor der Hausgemeinschaft "Selbst und Sicher".
Markus (rechts) fühlt sich draußen sicherer, wenn sein Betreuer Matthias dabei ist. Foto: privat

„Manchmal sind die Stimmen stärker“

Bevor Markus die Wohnung verlässt, bereitet er sich gut vor. Er muss den Weg genau kennen. „Es braucht nur eine Kleinigkeit schieflaufen und ich bin total in Panik“, sagt der 35-Jährige. Den Weg zu seiner Psychologin schafft Markus meistens alleine. „Manchmal sind aber die Stimmen stärker“, sagt er.

Seit 2016 lebt Markus in Hamburg. Seitdem weiß er auch erst von seiner Sozialphobie. Vorher habe er davon nichts mitbekommen, weil er auf dem Dorf aufgewachsen ist. „Da waren keine Menschen. Nur ein paar alte Leute“, sagt er. „Wenn ich mal unter Jüngeren war, haben alle auf mich geachtet.“

Jetzt in der Großstadt könne ihn jeder angucken. „Und in Zeiten von Youtube, wo alles dort landet, bin ich noch unsicherer.“ Obwohl hier noch niemand über ihn gelacht habe: „Es sind alle freundlich und helfen, wenn ich Probleme habe.“ Trotzdem könne er seine Angst nicht abstellen.

Corona: Die Behinderung ist nicht das Risiko

„Für Menschen mit Behinderung gelten die gleichen Risikofaktoren wie für alle anderen“, erklärt Stephan Peiffer, ehemaliger Geschäftsführer von Leben mit Behinderung Hamburg. Allerdings können Personen mit bestehenden Beeinträchtigungen weitere gesundheitliche Probleme bekommen. „Zum Beispiel gibt es bei Menschen mit Downsyndrom eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass sie an Demenz erkranken oder Herzprobleme bekommen. Sie gehören dann aber nicht zur Risikogruppe, weil sie eine Behinderung haben, sondern weil sie eine Herzerkrankung haben“, stellt Peiffer klar. Ihm sei es wichtig, dass Menschen mit Behinderungen nicht in eine Schublade gesteckt werden.

Wohngruppen erhöhen Infektionsrisiko

Die Wohngruppen des Trägers sind eher klein: Meistens wohnen drei bis vier Menschen zusammen. „Wir haben viel dafür getan, dass die Menschen hier unter normalen Wohnbedingungen leben können, da sie dauerhaft hier wohnen“, sagt Peiffer. Trotzdem bestehe in diesem Zusammenleben ein Risiko. „Diese Menschen sind auf körperliche Hilfestellung durch Assistenten angewiesen, Abstandhalten ist da da nicht drin“, erklärt Peiffer.

Die niedrigen Fallzahlen seien vor allem auf die kleinteiligen Wohnformen zurückzuführen. Und auf das verantwortungsvolle Handeln der Mitarbeiter, sagt Peiffer. In der Hausgemeinschaft „Selbst und Sicher“ hat es laut Matthias noch keinen Verdachts- oder Coronafall gegeben.

WG-Leben im Lockdown: „Man ist nie allein“

In seiner WG wohnt Markus mit drei Personen zusammen. „Die geben sich alle Mühe“, sagt er. „Aber wir sind eher für uns. Wir machen keine Spieleabende oder so.“ Bald zieht Markus in eine Einzelwohnung, darauf freut er sich schon. „Weil man hier nie alleine ist und die Wände sind sehr dünn“, sagt er. „Ich würde gerne auch mal sagen: Geh aus dem Weg oder sei mal ruhig. Aber das mache ich nicht. Ich behandele Menschen immer so, wie ich selbst behandelt werden will.“ Trotzdem gibt der 35-Jährige zu, auch mal genervt zu sein. Vor allem, wenn die Mitbewohnenden über Corona diskutieren.

Markus und Matthias in der WG-Küche.
Markus und Matthias in der WG-Küche. Foto: privat

Was passiert bei einer Infektion?

Bei einem Verdachtsfall versuchen die Mitarbeiter*innen laut Peiffer eine häusliche Isolation zu ermöglichen. „Das ist dann wie im Studentenwohnheim: Die Bewohner essen auf dem Zimmer und es gibt bestimmte Zeiten im Bad“, so Peiffer. „Wenn jemand das nicht verstehen kann, würden wir versuchen, die Wohngruppe in Quarantäne zu setzen.“

Sobald ein Verdachtsfall auftritt, also ein Bewohner oder eine Bewohnerin Symptome zeigt oder länger als 15 Minuten mit einer infizierten Person Kontakt hatte, wird der- oder diejenige getestet, so Peiffer. Dann werde sofort in Schutzkleidung gearbeitet. „Sodass die Mitarbeiter die Infektion nicht weitertragen“, erklärt Peiffer. „Die Menschen, die hier wohnen, werden natürlich nicht in Schutzkleidung gesteckt, das ist ja ihr zu Hause.“ Bei einem positiven Testergebnis werden laut Peiffer zunächst Mitarbeiter*innen und Klienten der Hausgemeinschaft getestet, dann entscheide das Gesundheitsamt über weitere Maßnahmen.

Nicht alle können Corona-Maßnahmen nachvollziehen

Peiffer erklärt, dass nicht jede*r Bewohner*in Maßnahmen wie die Quarantäne auf dem eigenen Zimmer nachvollziehen kann: „Wenn ein Mann mit Alzheimerkrankung infiziert ist, wird man ihm sagen, dass er sich mit sozialen Kontakten zurückhalten soll. Aber man kann ihn nicht daran hindern, in die Küche zu gehen.“

Generell sei Peiffer und sein Team auf Konflikte vorbereitet. „Wenn jemand das mit dem Ansteckungsrisiko nicht versteht und keinen Abstand hält oder andere anfasst und dann gegen seinen Willen von Kontakten abgehalten werden muss, entscheidet das ein Richter“, so Peiffer. „Aber wir sind froh, dass so etwas noch nicht eingetreten ist.“

Aus dem ersten Lockdown lernen

Man wolle auch diesmal anders vorgehen als bei der ersten Welle, sagt Peiffer. „Da stand sozusagen über den Einrichtungen: ‚Betreten verboten‘. Und viele haben sich nicht mehr raus getraut. Die Eltern sind nicht mehr zu Besuch gekommen.“

Im ersten Lockdown musste sich jede WG auf eine Kontaktperson einigen. Jetzt darf jede*r Besuch bekommen, nur nicht zur gleichen Zeit. Allerdings müssen die Bewohner*innen Gäst*innen vorher anmelden und diese müssen Maske tragen und Abstand halten. Bei Markus schaut hin und wieder sein Bruder vorbei. „Aber selten, weil mir das Anmelden zu kompliziert ist. Ich habe Angst, da was falsch zu machen.“

Auch für das Personal war der erste Lockdown schwierig zu stemmen: „Damals durften weniger Dienste arbeiten, die hatten dann viel mehr zu tun. Jetzt läuft alles wie vorher, eben mit höheren Sicherheitsvorkehrungen“, sagt Matthias. „Wir Mitarbeiter machen jetzt zwei Mal in der Woche einen Schnelltest.“

Werkstätten sind geöffnet

„Für viele ist die Arbeit in der Werkstatt oder der Tagesförderung etwas sehr sehr Wichtiges, weil sie in der Regel nicht so viele private Freunde haben“, sagt Peiffer. Derzeit arbeiten die Bewohner*innen laut Peiffer eine Woche und bleiben die folgende Woche zu Hause. So könne der Abstand in den Werkstätten eingehalten werden. Markus‘ Mitbewohner arbeitet ebenfalls im Zweiwochentakt und ist in seiner freien Woche meistens bei seiner Mutter. Bevor er zurück in die Wohngruppe kommt, muss er sich testen lassen.

Auch Markus würde seine Mutter gerne besuchen. Doch er habe Angst, sie und sich selbst anzustecken, erzählt er. Trotzdem mache er sich große Sorgen, weil sie alleine ist. An Weihnachten habe er sie das letzte Mal gesehen. Auf die Frage, was er machen würde, wenn Corona morgen vorbei wäre, antwortet Markus mit einem breiten Grinsen: „In den Zug steigen und zu meiner Mutter fahren.“

Das Interview mit Stephan Peiffer wurde geführt, bevor dieser Ende Januar 2021 in den Ruhestand ging.

Dieser Artikel ist der dritte Teil der Miniserie „Corona-Alltag in Wohngruppen“

Im ersten Teil hat FINK-Redakteurin Caterina über die aktuelle Situation in der Jugendhilfe berichtet und mit zwei Leiter*innen von Einrichtungen über Herausforderungen und Hoffnungen im Lockdown gesprochen. Zwei Studenten erzählen im zweiten Stück von ihrem Alltag im Studiwohnheim, wo sie sich mit vielen Mitbewohner*innen Küche, Bade- und Wohnzimmer teilen.

Illustration: Wiedeking/ Klaeden