Unsere Kleidung ist ein Spiegel unseres Selbst. Sie kann befreien, aber auch einschränken. Mit dem Projekt „Manly“ setzt sich Julian Wörndl für genderfluide Mode ein. Ein Gespräch über rosa Kleider und eine bessere Welt.

Du bist, was du trägst: Mode ist Ausdruck des Seins und somit eng mit dem Selbstverständnis verknüpft. Das hat zur Folge, dass auch Kleidung „weiblich“ oder „männlich“ gelesen wird, was Menschen wiederum daran hindert, das zu tragen, was sie eigentlich wollen. Bedeutet: Männer tragen keinen Schmuck, keinen Nagellack und schon gar keine Kleider… oder?

Genderfluide Mode: Harry Styles macht’s vor

Im Dezember 2020 schmückte Harry Styles das Cover des renommierten Vogue-Magazins. Keine Überraschung, schließlich ist der britische Sänger ein internationaler Popstar. Die Besonderheit: Er trägt dabei ein babyblaues Rüschenkleid. Grund genug, den Instagram-Beitrag des Covers (siehe unten) auf Patz zwei der meistgelikten Vogue-Posts des Jahres 2020 zu katapultieren – nur der frischgekürte US-Präsident Joe Biden erhielt mehr virtuelle Herzen.

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Das digitale Feedback macht deutlich: Das Aufbrechen modischer Stereotype, in diesem Fall männlicher Stereotype, ist noch weit von einer Normalisierung entfernt. Aber das Thema genderfluide Mode trifft den Zeitgeist.

Genderflu…was?

Der Begriff „Genderfluidität“ kommt aus der Identitätsforschung. Er beschreibt eine Form der Geschlechtsidentifikation, die sich mal weiblich, mal männlich oder auch einer anderen Geschlechtsform zugehörig lesen lässt und sich nicht in die binäre Ordnung des Geschlechtersystems einfügt. Häufig spielt der situative Kontext eine wichtige Rolle.

Im Modekontext bedeutet genderfluid also, dass Kleidung kein Geschlecht kennt und auch hier die Grenzen zwischen männlich und weiblich zunehmend verschwimmen. Einfach gesagt: Dass jede Person das anziehen kann, wonach sie sich gerade fühlt – losgelöst von der Geschlechtszuweisung. Dieser fließende, fluide Übergang ist das wichtigste Merkmal der modischen Ausrichtung.

In diesem Sinne kann genderfluide Mode als Gegenentwurf zu Geschlechts-Stereotypen fungieren, Mode von Schranken befreien und zu dem machen, was sie eigentlich sein soll: die Erweiterung der eigenen Identität.

Genderfluide Mode oder „Fuck being manly“

Mit ihrem Projekt „Manly“ setzen sich auch Julian Wörndl und Kilian Löderbusch dafür ein, modische Stereotypen aufzubrechen und Mode von toxischer Männlichkeit zu entkoppeln.

Im Gespräch hat uns Julian erklärt, wie die beiden Aspekte eigentlich genau zusammenhängen: „In der Männermode soll Mode immer sehr hart, sehr aggressiv, sehr kantig, sehr kernig sein. Auf keinen Fall weich oder gefühlsbetont oder auch körperbetont. Am besten soll man dieser klischeehaft große, starke, wilde Mann sein.“ Und genau das sei das Problem, findet Julian:

Wir bekommen von außen quasi aufgedrückt, dass wir hart sein sollen, dass wir aggressiv sein sollen, aber innerlich sind wir eigentlich gar nicht so. Deswegen unterdrückt Mode die wirkliche Männlichkeit, oder die Männlichkeit, die uns viel besser tun würde.

Von der Corona-Schnapsidee zum Herzensprojekt

Das Projekt der beiden Freunde war eine klassische Schnapsidee, entstanden aus Langeweile im ersten Corona-Lockdown, erzählt Julian.

Tatsächlich schlägt die Entstehungsgeschichte von „Manly“ den Bogen zurück zu Harry Styles – und zur US-Politikerin Candace Owens, die ihrem Ärger über das Cover online Luft machte: „Die (Anm. d. Redaktion: Gemeint ist Candace Owens) hat auf Twitter Videos von sich hochgeladen, in denen sie Männer in femininer Kleidung als pervers bezeichne. Oder sagt, sie würde, falls es mal zum Dritten Weltkrieg kommen sollte, diesen Männern nicht ihr Land anvertrauen“, sagt Julian. Die beiden haben sich die Videos angeschaut und gedacht:

Was passiert hier gerade? Wir sind im 21. Jahrhundert, sollten wir da nicht langsam an dem Punkt sein, dass wir das anziehen können, was wir eigentlich wirklich wollen?

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Die beiden hatten das Gefühl, sie müssten provozieren, eine Diskussion lostreten und entwarfen spontan bunte Sticker: Vor einem neonfarbenem Hintergrund prangt ein Foto von Kilian im Minikleid, mit erhobenem Mittelfinger, betitelt mit dem Schriftzug MANLY – in Großbuchstaben.

Aus dieser ersten Aktion wuchs schnell etwas viel Größeres: „Uns haben auch echt viele Leute geschrieben: Boah ihr drückt das aus, was ich gerade denke“, erinnert sich Julian.  „Oder: Ja, ich will mich eigentlich schon viel länger ein bisschen femininer zeigen oder kleiden, welche Tipps habt ihr oder was macht ihr denn?“

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 „Jeder sollte ein Comingout haben“

Doch Julian und Kilian verbinden mit „Manly“ von Anfang an mehr als textile Freiheit: „Wenn man als queere Person aufgewachsen ist, hat man eigentlich zweimal ein Comingout: Einmal mit sich selbst und dann nochmal, wenn man es dem Umfeld zeigt. Und dieses erste Comingout ist so ein bisschen der Punkt: Ok, was möchte ich persönlich? Und macht einem klar: Ich bin vielleicht anders, als die Gesellschaft mich haben möchte.“ Ein innerer Prozess, den Julian zufolge jeder Mensch durchlaufen sollte:

Warum haben Heteros kein Comingout? Das würde unserer Meinung nach, den ganzen Menschen mal gut tun. Einfach mal zu überlege: Ok, wer möchte ich wirklich sein? Ist es vielleicht doch nicht der harte Kerl, den alle haben wollen?

Diesen Fragen trauen Julian und Kilian einen großen Effekt zu: „Wenn man an diesem Punkt war, dann gesteht man anderen auch irgendwie doch eher die Freiheit zu, zu sein, wer sie sein wollen“, so Julian. „Es ist ok, wenn jemand anders gekleidet sein will oder anders drauf sein will. Weil ich bin mir mit meiner Person sicherer und kann anderen zugestehen, was sie sein wollen.“

Mit den Stickern der „Manly“-Bewegung wollen Julian und Kilian ein Zeichen setzen. Und sie wollen die Welt verändern – zumindest ein bisschen:

Wenn wir Männern in Kleidern ein bisschen mehr zuhören würden, würde das alles viel schneller gehen und wir würden irgendwann mal viel schneller an einem Punkt, an dem wir sein könnnen, wer wir überhaupt wollen.

Mehr zu „Manly“ erzählt Julian im folgenden Radiobeitrag. Ein Gespräch über rosa Kleider und eine bessere Welt.

Disclaimer: Dieser Audiobeitrag ist als Teil eines übergeordneten Sendungskonzepts zum Thema Männlichkeit entstanden. Weitere Beiträge befassen sich mit den Themen Suizid, männlicher Sexualität und Sexismus in der Sprache. Die Umsetzung erfolgte in Kooperation mit dem Tübinger Campusfunk Radio Micro-Europa.

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