Dafina Berishas Vater flüchtete als politisch Verfolgter aus dem Kosovo nach Deutschland. Seine Migrationserfahrung beeinflusst ihre Arbeit als Kreisvorsitzende der Jusos Hamburg Eimsbüttel. Die 22-Jährige wünscht sich, dass die Politik jünger wird.

Text und Foto von Laura Gabbert

Es ist 1992. Ein junger Mann flieht aus seinem Herkunftsland, dem Kosovo, weil er sich dort politisch engagiert und Feinde gemacht hat. Er lebt zunächst in der Schweiz, sieben Jahre später zieht es ihn nach Deutschland. Seine Familie steht ab sofort an erster Stelle, die Politik wird zum Teil der Vergangenheit. Er ahnt damals noch nicht, dass seine älteste Tochter in seine Fußstapfen treten wird.

Sie heißt Dafina Berisha und lebt in Hamburg. Die 22-Jährige studiert Jura. Sie ist politisch engagiert – für ihren Bezirk und ihre Stadt, als Kreisvorsitzende der Jusos Hamburg Eimsbüttel. Aufgrund ihrer familiären Vorgeschichte wurde ihr politisches Interesse schon früh geweckt. “Im Kosovo gibt es eine ganz andere Ausgangslage als in Deutschland“, sagt Dafina. Die Bevölkerung ist sehr jung, weshalb es auch deutlich jüngere Abgeordnete gibt als hierzulande. „Deutschland ist sehr viel fortschrittlicher und entwickelter, aber dort gibt es politisch engagierte Leute, die aus viel notwendigeren Gründen aktiv sind.“

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Bachelor-Projektseminars „Digitale Kommunikation“ an der HAW Hamburg entstanden.

In der Republik Kosovo spitzen sich seit den 1980er Jahren politische und auch wirtschaftliche Konflikte zu. Vor allem nach der einseitigen Unabhängigkeitserklärung des Kosovo von Serbien im Jahr 2008 kam es immer wieder zu Unruhen. Die politische Unruhe im Heimatland ihrer Eltern schürten in der jungen Hamburgerin das Bedürfnis, sich für Menschen, ihre Bedürfnisse und Grundrechte einzusetzen.

Absenkung des Wahlalters – eine gute Idee

Dafina sieht auch in Deutschland viel politisches Potenzial, vor allem was die Repräsentation der jungen Bevölkerung im Bundestag angeht. Denn da passiere zumindest langsam etwas: In der Politik hat sich in Bezug auf die Altersverteilung einiges geändert. Im Vergleich zur letzten Wahlperiode ist der Anteil der Abgeordneten zwischen 20 und 29 Jahren laut Angaben des Bundestages um 4,6 Prozent gestiegen. Die aktuelle Altersverteilung sei ein Fortschritt: „Mit Annalena Baerbock von den Grünen haben wir eine 41-jährige Außenministerin“, sagt Dafina. In zweiter Reihe wird es noch jünger: Die Staatsministerin für Integration, Migration und Flucht, Reem Alabali-Radovan (SPD) ist 29 Jahre alt. „Das ist ein richtig starkes Signal“, so Dafina.

Die aktuelle Ampelkoalition plant zudem das Wahlalter auf 16 Jahre herabzusetzen, um jungen Menschen mehr Mitspracherecht zu geben. „Man merkt immer wieder, dass gerade junge Menschen politisch sind und gehört werden müssen“, sagt Dafina. Sichtbar werde das etwa an der internationalen Fridays for Future-Bewegung, die sich für den Klimaschutz einsetzt. Auch in Deutschland gehen regelmäßig Tausende junge Menschen auf die Straße.

Jusos Hamburg: Neumitglieder stecken in keiner Bubble

Dafina Berisha ermutigt junge Menschen, sich für andere einzusetzen: „Ich empfehle allen, sich ein passendes Thema zu suchen und sich zu engagieren.“ In unterschiedlichen Arbeitsgemeinschaften der Parteien, zum Beispiel Jugendorganisationen, würden sich schnell Anschlussmöglichkeiten und Gleichgesinnte finden. Andersherum freue man sich dort über Wortbeiträge in Diskussionen und über neue Perspektiven. „Oft haben gerade Neumitglieder*innen frische Ideen, weil sie nicht in der Bubble stecken“, sagt Dafina.

Sie selbst fand so ihren Weg zu der Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialist*innen in der SPD, den Jusos. Die Ansichten, die diese Partei vertritt, hätten ihr direkt zugesagt. Durch die Vorgeschichte ihrer Eltern ist ihr Geflüchteten- und Integrationspolitik wichtig. Sie wollte in einer Partei sein, die sich klar gegen Rechts positioniert. Ausschlaggebender Punkt für ihren Parteieintritt im Jahre 2017 war der Einzug der AfD in den Bundestag. „Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“, so Dafina. Sie wirkt noch heute aufgewühlt.

Während Dafina sich bereits in ihrer Schulzeit als Stufensprecherin für die Schülerschaft engagiert hat, ging mit dem Parteieintritt die politische Aktivität erst richtig los. Mittlerweile arbeitet sie neben dem Studium als studentische Mitarbeiterin im Eimsbütteler Wahlkreisbüro für den SPD-Politiker Niels Annen, der auch Mitglied des Deutschen Bundestags ist. Dort ist sie auch gerade vor Ort. „Privat benutze ich jetzt nicht unbedingt immer SPD-Tassen“, sagt sie lachend und hält die bedruckte Tasse hoch. Sie ist vor allem für Jugendthemen wie Girls‘ und Boys‘ Days zuständig. Auch als Wahlkampfmanagerin hat sie gearbeitet.

Keine „richtige“ Politikerin – oder doch?

Trotz dieser offiziellen Aufgaben betrachtet sich Dafina bisher nicht als „richtige“ Politikerin – viel eher als politisch Aktive. „Richtige Politiker*innen sind für mich Personen mit Mandat“, sagt sie. Ob sie das irgendwann anstrebt, weiß sie noch nicht. Aktuell steht ihre juristische Laufbahn im Vordergrund. Dennoch wurde sie bereits von den Jusos unterstützt, in den Bundestag einzuziehen. Mit Platz neun von zwölf auf der Hamburger Landesliste hat es für den Einzug in den Bundestag jedoch nicht gereicht.

Als Vertreterin der Jusos Hamburg Eimsbüttel im Kreisvorstand trägt sie auch ohne Mandat politische Verantwortung. Dass sie eine junge Frau ist und bei den Distriktsitzungen der SPD das Durchschnittsalter schätzungsweise über 50 liegt, hat sie bisher nicht entmutigt. „Es wäre aber gelogen, wenn man sagt, dass man als junge Frau nie unterschätzt wird“, so Dafina. „Wir müssen aber versuchen, uns als junge Menschen gegenseitig zu empowern.“

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