Alina Klemm ist Modedesignerin und betreibt seit dem ersten Corona-Lockdown Anfang 2020 ihr eigenes Label. Sie produziert fair, in sehr limitierten Stückzahlen und verfolgt ihren eigenen Ansatz von Nachhaltigkeit.

Am Alten Wall in der Hamburger Innenstadt hat die Modedesignerin Alina Klemm, 28 Jahre, ihren Pop-up-Store. Auf drei Kleiderständern verteilt, hängen circa 40 Produkte. Alles Stücke ihres gleichnamigen Labels Alina Klemm. Bis ein Produkt hier landet, dauert es. Denn vom ersten Entwurf über die Schnitt- und Musterentwicklung bis zur Produktion in Handarbeit kommen rund 50 Arbeitsstunden zusammen. Trotzdem sind die Stückzahlen stark limitiert. Maximal 20 Produkte fertigt Klemm pro Design an, manchmal auch nur fünf.

Die Stoffe? Eine Herausforderung!

Ein Grund dafür: Die Stoffe der Kleidungsstücke kommen fast ausschließlich aus Überschüssen anderer Produktionen. Anstatt neue Stoffe produzieren zu lassen, nutzt Alina Klemm übrig geblieben Stoffe, die sonst auf dem Müll landen würden. „Für mich ist es schön, dass ich die Ressourcen nutzen kann, die schon vorhanden sind. So verursache ich keine eigenen Reste, die dann weggeschmissen werden“, so Klemm.

Dies hat aber auch zur Folge, dass ihre Kleidungsstücke oft nicht nachproduziert werden können. Daher plane sie genau, welche Größen gefertigt werden. Eine andere Herausforderung liegt in der Auswahl der Stoffe. „Es ist jedes Mal echt ‘ne Challenge, die passenden Stoffe zu finden, weil ich natürlich eine sehr klare Vorstellung habe, wie sie sein sollen“, sagt Klemm.

Alina Klemms Skizzenbuch mit Zeichnungen der neuen Kollektion. Daneben liegen Maßband und Schere. Alle ihre Produkte sind handgefertigt und fair produziert.
Klemms Skizzenbuch mit Zeichnungen der neuen Kollektion. Foto: Lina Gunstmann

Kleine Stückzahlen statt Massengeschäft

Keine vermeidbaren Reste zu erzeugen, ist Klemm wichtig. Deswegen entscheide sie ich bewusst gegen das Massengeschäft. „Ich biete lieber eine kleine Stückzahl an, bei der ich dann aber auch weiß, dass ich sie verkaufe“, so Klemm. Schon im Modedesign-Studium an der Jak Akademie in Hamburg begann sie, sich intensiv mit der Frage auseinanderzusetzen, wie sehr ein einzelnes Kleidungsstück wertgeschätzt wird.

Das Label Alina Klemm ist aber keine Öko-Marke. Für Klemm ist die Langlebigkeit wichtiger als die ausschließliche Nutzung von öko-zertifizierten Materialien. „Ich versuche natürlich so viel es geht Naturfasern zu nutzen, aber das ist für mich immer ein Spagat — Bio-Baumwollen sind oft eher dünn und halten nicht besonders lange. Deshalb schaue ich eher, dass die Stoffe aus einer hochwertigen Produktion kommen und langlebig sind.“ Klemm sagt, dass ihre Kleidung viele Jahre und nicht nur wenige Saisons hält. Damit eine Kundin auch lange Freude an einem Teil haben könne, seien ihre Designs zeitlos. Auf Trendfarben beispielsweise lege sie daher keinen Wert.

Aber hochwertige Materialien und eine aufwendige Fertigung haben auch ihren Preis — die meisten Kleidungsstücke kosten zwischen 200 und 300 Euro, ein Mantel auch mal 600 Euro, Premium-Segment also.

Das Moodboard der letzten Kollektion "Wüstenromantik" hängt im Pop-Up-Store in Hamburg. Es besteht aus Stoffproben, Fotos und Entwürfen nachhaltige und fairer Mode.
Das Moodboard der letzten Kollektion „Wüstenromantik“. Foto: Lina Gunstmann

Nur Jeans und Schuhe von der Stange

Auch privat achtet Alina Klemm auf die Nachhaltigkeit der Produkte, die sie kauft und verzichtet auf konventionelle Marken mit intransparenten Lieferketten und Produktionsbedingungen. „Ich habe es da aber auch einfach. Wenn ich etwas haben will, nähe ich es mir selbst“, so Klemm. Rund 80 Prozent ihres Kleiderschranks sind mittlerweile von ihr selbst gefertigt. Nur was sie nicht selbst herstellen kann, Jeans oder Schuhe beispielsweise, kauft sie im Handel.

„Meine Freunde kommen in den Store, wenn sie mich sehen wollen“

Das Label Alina Klemm ist eine One-Woman-Show. Von den Entwürfen über die Produktionsleitung bis hin zu Verkauf, Vermarktung und Vertrieb macht sie alles selbst. Auch wenn der Verkauf im Store viel Zeit in Anspruch nimmt: Diese Tätigkeit ist ihr wichtig. Sie schätze den Kontakt zu ihren Kundinnen und deren direktes Feedback. Viele Kundinnen auf der anderen Seite seien oft daran interessiert, die Designerin selbst etwas kennenzulernen. So steigere sich das Interesse an der Marke, mutmaßt Klemm.

„Gerade die richtig kreative Arbeit kriege ich nicht während der Geschäftszeiten hin“, sagt sie. Insgesamt arbeite sie rund zwölf Stunden am Tag — auch an den Wochenenden. Dass die ersten Jahre der Selbstständigkeit arbeitsintensiv werden, hatte sie sich schon gedacht. Für die Zukunft hoffe sie aber, sich auch mehr Freizeit gönnen zu können und die Arbeit jedenfalls am Sonntag mal liegen zu lassen. „Mittlerweile kommen meine Freunde in den Store, wenn sie mich sehen wollen“, sagt Klemm und lacht.

Aber nicht jedes Feedback ist nur positiv. Mittlerweile habe sie aber gelernt, sich von negativer Kritik nicht entmutigen zu lassen. Die Abgrenzung zwischen ihr und ihrem Label fiel ihr am Anfang nicht leicht. Die Marke trage nicht nur ihren Namen, sondern repräsentiere sie auch. „Negatives Feedback tut zwar auf der einen Seite weh, auf der anderen weiß ich aber auch, dass jeder seinen eigenen Geschmack hat und ich nicht jeden begeistern kann“, so Klemm.

Alina Klemm zupft ein Blazerkleid an einer Modepuppe in ihrem Pop-Up-Store zurecht.
Alina Klemm bei der Arbeit in ihrem Pop-up-Store. Foto: Lina Gunstmann

Existenzgründung statt Jobsuche

Schon während ihrer Kindheit in Bargteheide wollte Klemm als Modedesignerin arbeiten — und selbstständig sein. Ihre Existenzgründung lief dann aber anders ab, als sie es sich vorgestellt hatte: Im ersten Corona-Lockdown verlor sie überraschend ihre Festanstellung. Anstatt sich auf Jobsuche zu begeben, wagte sie den Sprung und gründete ihr Modelabel.

Zunächst zog Klemm in ein fünfzehn Quadratmeter großes Atelier in Eppendorf. Sie erhielt die meisten Bestellungen über Instagram und nähte alle Kleidungsstücke selbst. Als das Label anfing zu wachsen, zog sie Dezember 2020 in den Pop-up-Store um. Auf der Suche nach einer Produktionsfirma stellte Klemm fest, dass ihre Stückzahlen nicht ausreichten oder die Mitarbeiter*innen nicht fair bezahlt wurden. Also baute sie sich eine eigene Produktion in Norddeutschland auf. Das kleine Team besteheht aus einer Schnittdirectrice und Schneiderinnen. Laut Klemm werden alle fair bezahlt und stehen in engem Kontakt mit ihr.

„Es kommt immer irgendwas, womit man nicht gerechnet hat“

Was sie vor ihrem Sprung in die Selbstständigkeit gerne gewusst hätte? „Dass Corona so lange anhalten würde und wir in eine wirtschaftliche Notsituation reinrutschen, hätte ich schon gerne vor meiner Gründung gewusst“, sagt Klemm. „Aber ich glaube, egal wie gut man sich vorbereitet, es kommt immer irgendwas, womit man nicht gerechnet hat.“ 

Gerade habe sie von dem Vermieter des Pop-up-Stores erfahren, dass sie höchstwahrscheinlich noch im September aus dem Laden ausziehen muss. Trotzdem bleibt Klemm zuversichtlich. „Ich muss mal schauen. Vielleicht setze ich dann mehr auf Events, auf denen ich meine Kollektionen zeigen und die ich mit besonderen Erlebnissen verknüpfen kann. Und ich möchte sowieso den Handel weiter ausbauen“, sagt sie.