Unsere Welt versinkt im Müll. Das Kreislaufmodell Cradle-to-Cradle bietet einen Lösungsweg, um Verschwendung und Überproduktion zu verhindern. Wie der Ansatz in der Praxis Anwendung finden kann, zeigt ein Sportlabel aus Hamburg.

Von Felix Werner und Elena Bock.

Nachhaltigkeit ­– inzwischen gibt es kaum Konsumbereiche, in denen das Buzzword nicht die Agenda bestimmt. Ganz vorne dabei: Die Textilbranche. Und das nicht ohne Grund, denn durch die hohen ökologischen Belastungen, die bei Anbau, Produktion und Veredelung von Textilgütern entstehen, zählt die Branche zu den weltweit größten Umweltverschmutzern. Nachhaltige Labels wollen diese Tatsache ändern.

Nachhaltig, öko, fair, umweltfreundlich, grün – Konsument:innen sehen sich mit einem Dschungel aus Begrifflichkeiten konfrontiert, die ihre Trennschärfe längst verloren haben. Zwischen fundierter Haltung und leeren Versprechungen unterscheiden? Eigentlich unmöglich. Ein definitorisches Dilemma, auf das das nachhaltige Hamburger Sportlabel Runamics eine klare Antwort hat: Cradle-to-Cradle, kurz: C2C.

Sportmode ohne Abfall

Die 2019 gegründete Marke Runamics produziert nachhaltige Sportkleidung und verzichtet bei ihren Produkten auf Mikroplastik, Chemie und Müllproduktion. Den Nachhaltigkeitsstempel verwendet das vierköpfige Team dabei selbst eher ungern. Viel lieber sprechen sie vom Cradle-to-Cradle-Ansatz, den sie als Kern der ökologischen Ausrichtung ihres Unternehmens begreifen. Das Ziel: Runamics soll die erste vollständig zertifizierte C2C-Sportmarke werden – und zwar weltweit. Aber was ist Cradle-to-Cradle eigentlich?

Cradle-to-Cradle ist Denkschule, Produktzertifizierung und NGO zugleich und stellt als ganzheitliches Konzept nicht nur Natur, sondern auch Gesundheit und Soziales in den Mittelpunkt: „Es kommen nur noch gesunde und kreislauffähige Materialien zum Einsatz, so dass sämtliche Bestandteile sämtlicher Produkte endlos wiederverwertet werden können. Alles zirkuliert in biologischen oder technischen Kreisläufen (…)  — alles geht von der Wiege zur Wiege.“ 

Das Prinzip Cradle-to-Cradle

Der Grundsatz, den Cradle-to-Cradle (engl: „Von der Wiege in die Wiege“) verfolgt, ist denkbar simpel: Eine Welt ohne Müll. Was im ersten Moment nach Idealismus und Utopie klingt, steht auf einem klar definierten Grundgerüst: Dem ganzheitlichen Konzept der Kreislaufwirtschaft.

Das Modell überträgt den zirkulären Charakter der Natur, in dem menschengemachte Phänomene wie Verschwendung, Überproduktion und Abfall keine Rolle spielen, in die wirtschaftliche Praxis: Jede Ressource soll konsequent wiederverwendet und die Lebensdauer von Produkten nicht an Nutzungszyklen gekoppelt werden.

Alle Bestandteile können zu jedem Zeitpunkt entweder in die Natur zurückgeführt (biologischer Kreislauf) oder in Produkte gleicher Qualität rückverbaut (technologischer Kreislauf) werden.

Illustration Cradle-to-Cradle
Die zwei Kreisläufe des Cradle-to-Cradle-Modells. Illustration: Charlotte Götze

Wie C2C in der Praxis aussehen kann, zeigt die Hamburger Sportmarke Runamics. FINK.HAMBURG hat mit dem Gründer Steffen Otten gesprochen.

Porträt Steffen Otten
Steffen Otten, Geschäftsführer und Gründer von Runamics. Foto: Runamics

FINK.HAMBURG: Euer Ziel ist es, die erste Cradle-to-Cradle-Sportmarke der Welt zu werden ­– was verstehst du darunter?

Steffen Otten: Als wir gestartet sind, war mir das Thema noch gar kein Begriff. Eigentlich ist unsere Mission erst im letzten Jahr wirklich erwachsen geworden. Im Grunde ist die Idee, dass es keinerlei Abfälle mehr gibt, sondern nur noch Nährstoffe. Nährstoffe für neue Produkte oder entsprechend für die Umwelt. Wir verfolgen den biologischen Kreislauf, das heißt, Rohstoffe können wieder an Mutter Erde zurückgeführt werden.

Einige eurer Produkte sind Cradle-to-Cradle zertifiziert, andere nicht. Wo liegt da der Unterschied?

Otten: Es ist unser Anspruch, dass langfristig alle unsere Produkte Cradle-to-Cradle zertifiziert sind. Die Zertifizierung ist ein umfassender Prozess, der auf verschiedenen Kriterien basiert.

Welche Kriterien sind das?

Otten: Materialgesundheit, Strom, Wasser, Soziales und Kreislauffähigkeit – das sind die fünf Säulen der Cradle-to-Cradle-Zertifizierung, die ein Produkt erfüllen muss, um als solches zertifiziert zu werden. Mit Materialgesundheit sind die Auswirkungen von Materialien auf Mensch und Natur gemeint.

Auch bei unseren anderen Produkten achten wir natürlich auf diese Kriterien: Unsere Kleidungsstücke erfüllen die Anforderungen auch weitestgehend, aber bei einigen genügt die Materialgesundheit noch nicht dem C2C-Anspruch. Aber das ist quasi der einzige Unterschied.

Warum sollte man sich dazu entscheiden, nachhaltige Sportkleidung zu kaufen?

Otten: Der eine Grund ist sicherlich das Thema Mikroplastik. Beim Tragen, aber vor allem dem Waschen von Polyester-Shirts brechen Fasern auf, das Mikroplastik wäscht sich heraus und landet in unseren Gewässern. Ein weiteres Thema sind Chemikalien. Bei der Herstellung von Polyester werden Chemikalien verwendet – beispielsweise das Schwermetall Antimon – die auf der Haut nichts verloren haben und schädlich sind.

Das dritte Thema ist die Entsorgung. Ein Produkt wird häufig nur so weit gedacht, bis es der Kunde kauft. Alles, was danach passiert, wird nicht weiter berücksichtigt. Wenn man ein Bewusstsein für diese drei Punkte hat, also Mikroplastik, Chemie und Entsorgung, dann denkt man ganz anders über die Textilien nach, die man konsumiert.

Kannst du in einem Satz zusammenfassen, was ihr bei Runamics unter Nachhaltigkeit versteht?

Otten: Cradle-to-Cradle. Für mich ist das der Inbegriff von sinnvollem Umgang mit Ressourcen. Der Begriff Nachhaltigkeit ist schwierig. Wir verwenden ihn auch, weil er von den Menschen verstanden wird, aber der Begriff per se ist schwierig, da er keine klare Definition mit sich bringt und weil jeder darunter etwas anderes versteht.

Vegan ist eure Sportkleidung nicht, teilweise wird Merinowolle verwendet. Sollte nachhaltige Kleidung nicht zwangsläufig auch vegan sein?

Otten: Natürlich haben wir uns auch damit beschäftigt. Wir sind zu dem klaren Entschluss gekommen, dass wenn man regenerative tierische Produkte verwendet, was Wolle als nachwachsendes Material ja ist, dann ist das in jedem Falle der bessere Kompromiss, als ein veganes Plastikprodukt zu kaufen. Das ist ein Disput, den führt man und sollte man auch führen.

Ist die minimalistische Auswahl eures Sortiments auch eine bewusst nachhaltige Entscheidung? Oder wollt ihr das Angebot noch ausbauen?

Otten: Wir haben den klaren Ansatz, dass wir nicht mit Kollektionen arbeiten wollen. Das heißt, es gibt keine Kollektionen, keine kurzen Specials. Das hat den Nutzen, dass wir uns auf sogenannte „Evergreens“ konzentrieren und bestehende Produkte dahingehend weiterentwickeln können, dass diese immer besser werden. Für uns gehen damit nicht nur nachhaltige, sondern auch ökonomische Vorteile einher.

Luftig sein, Schweiß absorbieren: Sportkleidung zeichnet sich ja oft dadurch aus, dass sie in Extremsituationen gewisse Funktionen innehat. Funktionalität und nachhaltige Sportmode ­– lässt sich das miteinander vereinbaren?

Otten: Die Funktionalität der Materialien muss gewährleistet sein. Man kann sie aber auch anders interpretieren. Ein Beispiel: Wenn ich mit einem Polyester-Shirt laufe, habe ich den Effekt, dass das Shirt meistens sehr trocken ist. Das heißt aber, dass das Material den Schweiß nicht aufnimmt.

Bei einem Stoff wie dem Merinoshirt oder auch einem aus Baumwolle hat man den Vorteil, dass diese den Schweiß aufnehmen. Der Schweiß bleibt nicht auf der Haut, was Irritationen und Juckreiz vermindert.

Unsere Shirts kann ich locker für fünf oder sechs Läufe tragen, ohne sie zu waschen. Das klingt eklig, aber das ist ein selbstreinigendes Material. Ich hänge das einfach an die frische Luft und man riecht es nicht mehr – das ist genial.

Nachhaltige Mode ist teurer als konventionelle Kleidung. Findest du, dass es priviligiert ist, sich eure Sportkleidung leisten zu können?

Otten:  Ich glaube, in ganz vielen Bereichen des Konsums ist es so, dass es häufig mit einer „Elite“ startet. Ich setze das Wort Elite dabei bewusst in Anführungszeichen. Nehmen wir als Beispiel mal den MP3-Player. Das konnte sich am Anfang niemand leisten. Keine zwei Jahre später hast du überall für 15 Euro einen MP3-Player bekommen.

Solche Entwicklungen starten immer mit einer kleinen Gruppe von Menschen, die sich das leisten können. Dann kommt es zu Skaleneffekten, was bedeutet, dass du mit größeren Mengen kleinere Preise erzielen kannst und Kostenvorteile hast. Das wird auch bei umweltfreundlichen Materialien und Produkten der Fall sein. Von daher ist es nur eine Frage der Zeit, bis das überall der Standard sein wird.

Eine hochwertige Jeans kann sich Jahre halten. Bei Sportkleidung ist der Zyklus tendenziell eher kürzer. Da überlege ich mir doch zweimal, ob ich mir eine Sporthose für 100 Euro kaufe?

Otten: Natürlich ist das ein Thema. Naturfasern sind sensibler als Plastikfasern, ganz klar. Unser Lauf-Shirt ist ein sensibles Produkt, das schreiben wir da auch drauf: „Bitte vorsichtig waschen, nicht wild reißen, wenn man es auszieht.“

Man muss einfach ein bisschen sensibler und vorsichtiger damit umgehen, das gehört dazu. Auf der anderen Seite muss ich das Shirt auch nur alle sechs Mal waschen. Ein Polyester-Shirt muss ich tatsächlich nach jedem Lauf waschen, weil es halt sofort stinkt.

Spart ja dann auch wieder auf eine andere Art und Weise Ressourcen.

Otten: Ja, genau, Wasser, Waschmittel, Strom.

Wie sollte sich in den nächsten zehn Jahren die Textilindustrie entwickeln?

Otten: Das absolut Beste wäre, wenn es in der Textilwelt keinen Abfall mehr gäbe, keinen Müll. Wenn das funktioniert, das wäre genial.

Die Textilindustrie produziert unglaublich viel Müll. Doch anstatt den eigenen Textilabfall zu verwerten, werden zum Beispiel alte PET-Flaschen zu Kleidung gemacht. Da fragt man sich doch: Warum nehmen die jetzt das Material aus der Softdrinkbranche und räumen nicht mal ihren eigenen Hof auf?

Aber irgendwie schaffen die Unternehmen es nicht, die Innovation in diese Richtung zu lenken. Das finde ich eine schwierige Entwicklung. Von daher würde ich mir wünschen, dass die Textilindustrie keinen Abfall mehr produziert und ihren eigenen selbst verwertet. Das wäre das Beste, was passieren kann in den nächsten zehn Jahren.

Vielen großen Unternehmen wird in diesem Zusammenhang Greenwashing vorgeworfen. Wie siehst du das?

Otten: Ich zeige nicht mit dem Finger auf andere – das führt zu nichts. Es ist, glaube ich, wichtig zu verstehen, dass etablierte Konzerne und Unternehmen, die in unserer Gesellschaft eine Rolle spielen, eine lange Historie haben.

Die sind über eine ganz lange Zeit gewachsen und dahin gekommen, wo sie jetzt sind. Mit harter Arbeit und mit viel Geld. Man kann jetzt nicht einfach einen Milliardenkonzern von einem auf den anderen Tag umstellen. Die müssen auch ihre Erfahrungen machen und versuchen, dieses riesige Monstrum in eine andere Richtung zu bewegen. Von daher sollte man das gar nicht verurteilen.

Foto: Runamics

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