Fast 50 Jahre lang war John Neumeier Intendant des weltweit renommierten Hamburg Balletts. Über seinen Nachfolger wurde lange spekuliert, jetzt steht die Entscheidung fest: Demis Volpi wird Intendant und Leiter des Ballettzentrums.

Beitragsbild: Lina Gunstmann

1973 kam der US-Amerikaner John Neumeier zum Hamburg Ballett. Damals war er der jüngste Ballettdirektor Deutschlands. Nun dürfte er mit 83 Jahren der älteste sein. Nach fast 50 Jahren in Hamburg hinterlässt er ein gewaltiges Vermächtnis: mehr als 150 Choreografien, den Aufbau des Ballettzentrums, die Gründung der nach ihm benannten Stiftung. Und natürlich: weltweiten Ruhm des Hamburg Balletts. Vor Neumeier galt die Compagnie lediglich als mittelmäßig und war relativ unbekannt.

Große Fußstapfen für den Nachfolger

Dementsprechend hoch sind die Erwartungen an die neue Ballettdirektor*in. Neumeier hatte im Juni dieses Jahres seinen Rücktritt angekündigt, 2022 sollte seine letzte Spielzeit werden.

Um eine geeignete Nachfolger*in zu finden, rief die Kulturbehörde eine international besetzte Findungskommission ein. Trotzdem blieb lange unklar, wer das Hamburg Ballett leiten würde. Spekulationen gab es viele: Wird es der langjährige Erste Solist und Ballettmeister Lloyd Riggins oder die Muse Neumeiers und Leiterin seiner Ballettakadamie Gigi Hyatt? Oder doch Choreograf Christopher Wheeldon, der kürzlich viel Zeit in Hamburg verbrachte, um Shakespeares „Winter’s Tale“ mit dem Hamburg Ballett einzustudieren?

Demis Volpi wird die Nachfolge antreten

Nun steht die Entscheidung fest: Keiner der heiß diskutierten Kandidat*innen wird Neumeiers Erbe antreten, sondern der 36-jährige Tänzer und Choreograf Demis Volpi. Der Deutsch-Argentinier ist seit August 2020 Chefchoreograf und Ballettdirektor des Balletts am Rhein Düsseldorf Duisburg. Der Aufsichtsrat der Hamburgischen Staatsoper folgte der Empfehlung der Findungskomission und stimmte einstimmig für Volpi. 

“Mit Demis Volpi geben wir das Erbe John Neumeiers in gute Hände und öffnen zugleich die Tür zu einer guten Zukunft des Balletts in Hamburg”, so Kultursenator und Präsident des deutschen Bühnenvereins Carsten Brosda (SPD). Volpi verfüge als ausgebildeter Tänzer über ein feines Gespür für die Möglichkeiten der Compagnie und die Bedürfnisse der Tänzerinnen und Tänzer. Außerdem kenne er Neumeiers Repertoire — mit dem Bundesjugendballett und der Ballettschule habe er bereits zusammengearbeitet. Brosda erhofft sich von Volpi neue Impulse für das Hamburg Ballett und freut sich “auf die Präsentation neuer choreographischer Handschriften”.

“Mein Nachfolger muss die Tradition verstehen und pflegen”

Neumeier, der selbst keinen Einfluss auf die Entscheidung seiner Nachfolge hatte, zeigte sich mit der Wahl von Volpi zufrieden. “Ich vertraue darauf, dass Demis Volpi das Hamburg Ballett bewahrt und dieses Ensemble mit einem anderen, einem neuen, aber wiederum unverwechselbaren Gesicht in die Zukunft führt”, so der scheidende Ballettdirektor. Ermutigende Worte also für Volpi. “Ohne seinen Zuspruch wäre dieser Schritt für mich undenkbar”, so der designierte Intendant.

John Neumeier, Demis Volpi und Carsten Brosda stehen nebeneinander im Hamburger Ballettzentrum.
John Neumeier, Demis Volpi und Carsten Brosda. Foto: Kiran West

Neumeier hatte bislang nur verhalten auf Fragen zu seiner Nachfolge reagiert. 2017 sagte er in einem Interview, seine Nachfolger*in müsse in der Lage sein, die Tradition zu verstehen und zu pflegen. Jedenfalls dann, wenn seine Ballette weiterhin in Hamburg bleiben und als Tradition der Stadt Bestand haben sollten, wie etwa die Marius Petipa-Tradition in St. Petersburg oder die George Balanchine-Tradition am New York City Ballet. Dennoch brauche das Hamburg Ballett einen Leiter, der die Kreativität der Compagnie einfordere und fördere.

Neumeier bleibt noch bis 2024

Volpi wird jedoch erst im August 2024 seine Intendanz in Hamburg beginnen. Neumeier verschob seinen Rücktritt um ein weiteres Jahr, “um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten”, wie es von der Hamburger Kulturbehörde heißt.

Doch wie geht es nach der Übergangszeit für John Neumeier weiter? In den Ruhestand zu gehen, ist für den 83-Jährigen noch keine Option. Er wird als freier Choreograf arbeiten und weiterhin das Bundesjugendballett leiten.

  1. Silvia Azzoni und Alexandre Riabko bei einer Probe von John Neumeiers “Wo die schönen Trompeten blasen” im Ballettzentrum Hamburg. 
  2. Tänzer*innen des Hamburg Ballett auf der Bühne der Hamburger Staatsoper in Christopher Wheeldons “Winter‘s Tale”. 
  3. Tänzer*innen vom Hamburg Ballett in John Neumeiers Choreografie “Ein Sommernachtstraum” bei einer Open-Air Veranstaltung des Verdensballetten auf Sylt. Fotos: Lina Gunstmann
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Wäre sie ein Gericht, dann wäre Lina Gunstmann eine Spargelcremesuppe, sagen ihre Freunde. Das sei schließlich ein elegantes Gemüse. Solange die vegan ist, passt das für die 1997 geborene Kielerin, denn die Umwelt ist ihr wichtig – sie ist sogar Mitglied beim Nabu. Ihren Bachelor in Kommunikationswissenschaft hat Lina in Münster abgeschlossen und zu den Auswirkungen von Greenwashing auf das Image von Unternehmen geforscht. Neben dem Studium arbeitete sie als Model in Japan, China und Europa. Immer mit dabei: ein spannender Politik-Podcast, etwa zur Lage der Nation – und ihre Stricknadeln. Die Ergebnisse sind auf Instagram zu finden, wo sie den Strick-Blog „Linas Masche“ betreibt. Und nicht nur das: Für das Ballett Kiel betreute Lina zuletzt die Social-Media-Kanäle. Kürzel: lig