Alice Mazzasette und Lasse Caballero tanzen im Ensemble des Hamburg Ballett von John Neumeier. Wie gehen sie mit dem ständigen Druck um, den Körper in Topform zu halten? Wie verändert sich das Ballett mit den jungen Tänzer:innen? Und was sind genderneutrale Inszenierungen?

Ballett tanzen – davon träumen viele bereits als Kind. Doch den Sprung in die Profiliga schaffen nur die Wenigsten. Dazu gehöre nicht nur Disziplin, sondern auch Fleiß, hartes Training und, vor allem, wenig Freizeit, sagen Alice Mazzasette und Lasse Caballero. Die beiden 21-Jährigen tanzen in der Kompanie von John Neumeier der Hamburger Staatsoper. Im Interview mit FINK.HAMBURG sprechen sie darüber, wie schwierig die Balance zwischen vermeintlichen Schönheitsidealen und einer gesunden Beziehung zu sich selbst ist und wie sich das Ballett mit einer neuen Generation von Tänzer:innen und Choreograf:innen verändert

FINK.HAMBURG: Bei Balletttänzer:innen denken viele zuerst an eine sehr schlanke Person. Gibt es ein Ideal, wie ein Körper von professionellen Ballettänzer:innen auszusehen hat?

Lasse: Ja, ich würde sagen das gibt es: lange Linien der Bewegungen, geschwungene Füße, dünne, aber trainierte Beine und generell eine schlanke Statur.

Alice: Aber diese Balance zwischen dünn, muskulös und gesund sein, ist sehr schwierig zu finden. Ich glaube, insbesondere auch für Frauen.

Weshalb?

Alice: Viele Tänzerinnen wollen diesem Ideal entsprechen, dafür rutschen sie ins Untergewicht – vielleicht auch nur gering. Aber Magersucht hat viele schwerwiegende Folgen: Betroffene bekommen dann zum Beispiel ihre Periode nicht. Das ist für uns Sportlerinnen riskant, da wir körperlich und psychisch gesund sein müssen. Der Hormonhaushalt kann komplett durcheinandergeraten und die Knochen können darunter leiden. Im späteren Alter ist man dann sehr anfällig für Osteoporose, für Ballerinas ein zusätzliches Problem.

Alice Mazzasette dehnt sich vor dem tanzen.
Alice Mazzasette tanzt seit sie sieben Jahre alt ist.
Foto: Filippo Mazzasette.

„Essstörungen sind schon sehr verbreitet im Ballett“

Zu den Personen 

Alice Mazzasette und Lasse Caballero tanzen beim Hamburg Ballett John Neumeier.
Foto: Julia Rupf

Seit 2019 tanzen Alice Mazzasette (21) und Lasse Caballero (21) im Ensemble des Hamburg Balletts von John Neumeier. Beide wurden bei John Neumeier ausgebildet.

Für ihren Traum als Ballerina machte Alice ihren Abschluss ­nach der zehnten Klasse und konzentrierte sich auf ihre Ballettkarriere. Seit Alice sieben Jahre alt ist, tanzt sie Ballett. Lasse begann mit 14 Jahren die Ausbildung zum professionellen Tänzer.

In Filmen wie „Black Swan“ sehen die Zuschauer:innen oft, wie Ballettänzer:innen hungern und dabei das Gefühl für eine ausgewogene, gesunde Lebensform verlieren.

Alice: Ja, leider. Essstörungen sind schon sehr verbreitet im Ballett. Es ist zwar trotzdem gemessen an allen Tänzer:innen eine Minderheit, die davon betroffen ist. Aber ich glaube, dass es durch diesen Drang zum Perfektionismus kommt. Viele Leute kommen nicht damit klar, wenn sie diesem Ideal nicht entsprechen.

Lasse: Diese Balance für sich zu finden, ist unfassbar schwierig: sich selbst wertzuschätzen, zu akzeptieren und trotzdem eine Topleistung zu erbringen. Auch zu akzeptieren, dass man selbst nicht so aussehen wird wie jemand anderes – und dennoch alles dafür tut, um immer in seiner besten Shape zu sein, so fit und gesund wie möglich. Diese Entwicklung liegt aber auch ein bisschen in der Hand der Leute, die uns ausbilden.

Wie ist das bei euch?

Alice: Ich hatte Mitschülerinnen in der Ausbildung, die zu dünn geworden sind. Die Lehrer:innen kamen aber auf sie zu und haben ihnen gesagt, dass sie gesund sein müssen, wenn sie tanzen möchten. Unsere Lehrer:innen achten sehr darauf, dass wir nicht ins Untergewicht rutschen.

Lasse, wie bist du mit dem Druck umgegangen, deinen Körper optimieren zu müssen?

Lasse: Ich muss sagen, erst als ich älter wurde, habe ich gelernt, dass wir alle sehr unterschiedliche Körper haben und nicht jede:r dem vermeintlichen Ideal zu hundert Prozent entsprechen kann – und das ist auch okay. Eine wichtige Erkenntnis für mich ist, dass ich keinem Ideal hinterherrennen muss, das einfach nicht zu mir passt.

„Wir sprechen Themen wie Body Positivity viel mehr an“

Ihr sagt, dass auch eure Ausbilder eine große Rolle dabei spielen, dass jeder einen gesunden Zugang zu seinem Körper findet. Was sind eure Erfahrungen im Hamburg Ballett?

Alice: Das Kostbarste im Ballett ist die Tradition. Dieses Weitergeben, was man selbst gelernt hat. Was ich sehr schön am Hamburg Ballett finde: Wir sind alle sehr verschieden, sehr divers, auch körperlich. Das ist in klassischen Kompanien sehr selten. Wenn man zum Beispiel nach Paris oder St. Petersburg guckt, sehen die Tänzer:innen wirklich alle eins zu eins gleich aus. Die haben genau den gleichen Körperbau.

BODY POSITIVITY

„Body Positivity“ ist eine Bewegung, die ihren Ursprung in den sozialen Medien (insbesondere Instagram und TikTok) hat. Unter dem Begriff setzen sich Menschen dafür ein, dass jede:r selbst entscheiden darf, was man schön findet. Darunter fällt auch die eigene Körperakzeptanz sowie die gesellschaftliche Aufklärung von vermeintlichen Schönheitsmakeln wie Dehnungsstreifen, Übergewicht oder Konfektionsgrößen. Ziel der Bewegung ist es, unrealistische oder diskriminierende Schönheitsideale abzuschaffen.

Lasse: Dennoch entwickelt sich aktuell schon sehr viel in der jüngeren Generation. Wir sprechen Themen wie Body Positivity (Anm. der Red., siehe Kasten), Diversität und Feminismus viel mehr an. Vor allem möchten wir auch gezielt darüber reden. Die Entwicklung ist zwar langsam und es wird seine Zeit brauchen, aber wir sind schon auf dem richtigen Weg.

Was meint ihr genau, wenn ihr von einer Entwicklung im Ballett sprecht?

Lasse: Ballett ist eine sehr alte Kunstform, die sich über sehr viele Jahrhunderte nicht viel verändert hat. Aber: Viele junge Choreografen entwickeln neue Versionen von alten Stücken und interpretieren sie neu. Damit werden auch die Tänzer:innen diverser und die Kunstform vielfältiger.

Inwiefern spielt dabei „Body Positivity“ eine Rolle?

Lasse: Body Positivity ist für mich eher ein Mindset als ein Look. Jemand, der/die gesund und schlank aussieht, sollte auch nicht stigmatisiert werden. Das ist ansonsten auch in gewisser Form wieder ein Idealbild, dem man hinterherrennt.

Alice: Ich glaube kein:e Tänzer:in wird jemals eine Figur haben, die nicht ins aktuelle „Ideal“ reinfällt – einfach durch unser tägliches Training. Man erkennt ein:e Tänzer:in allein schon daran, wie er oder sie geht.

Neue Formen und genderneutrales Ballett

Aber können sich nicht auch Ideale mit der Zeit verändern?

Alice: ­So traurig es auch klingen mag: Ich glaube, dass das Ideal eine:r klassischen Tänzer:in wichtig im klassischen Ballett ist. Also lange Linien, geschwungene Füße und eine schlanke, sportliche Statur. Das macht das Ballett einzigartig.

Alice Mazzasette und Lasse Caballero nach einer Aufführung des Hamburg Ballett John Neumeier.
Foto: Alice Mazzasette

Lasse: Wir als neue Generation können neue Formen von Kunst, Ballett und Choreografien voranbringen. Bei diesen Neuerungen spielen Themen wie Körperideale keine große Rolle mehr. Im klassischen Ballett haben sich die Ideale aus meiner Sicht aber bislang nicht verändert. In Zukunft, so mein Eindruck, kann es aber schon der Fall sein – wenn eine neue Generation Tänzer:innen und Choreograf:innen das Ruder übernimmt.

Alice: Mittlerweile gibt es auch genderneutrale Ballette. Das meint Rollen, die eine Frau oder ein Mann tanzen können – ähnlich dem modernen Tanz. Was das angeht, wird das traditionelle Ballett offener. Aber ich glaube eben  nicht, dass sich das auch auf die verschiedenen Körperformen bezieht. Letztlich sind und bleiben wir auch Hochleistungssportler:innen.

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Julia Rupf, Jahrgang 1995, hat Xavier Naidoo aus der Jury von DSDS geschrieben. Sie berichtete als Erste über seine Verschwörungstheorien. Außerdem hat sie bereits Will Smith interviewt und kommt aus der gleichen Kleinstadt wie die Rapper Shindy, Bausa und RIN: Bietigheim-Bissingen. Weil sie auch ansonsten keine Angst vor großen Namen hat, schreibt sie alles (Un-)Wichtige aus der Welt der Promis für die „Hamburger Morgenpost“, die „Gala“ und TV-Movie.de auf. In Hamburg ist Jule irgendwo zwischen Punk, Kickboxen und Hip-Hop unterwegs. Hauptsache Subkultur. Nach Jules erstem Tattoo redete ihre Mama eine Woche lang nicht mehr mit ihr, gebracht hat es aber nichts: Inzwischen hat sie vierzehn davon. Kürzel: jup