Rugby auf Rollschuhen: Das ist Roller Derby. Der Sport kann brutal aussehen – und trotzdem ein Safe Space sein. Das Team HARD* erzählt FINK.HAMBURG, wie das funktioniert und warum Roller Derby sogar Sportmuffeln Spaß macht.

Titelbild: Karsten Helmholz

(Im folgenden Textverlauf spreche ich von Spielerinnen*, da der Verein Hamburg Altona Roller Derby ein reiner FLINTA*-Verein ist.)

Es ist kalt in der Sporthalle der Bahrenfelder Grundschule. Helles Licht kommt aus Leuchtstoffröhren, der Linoleumboden riecht nach Gummi. Wo sonst Kinder Sportunterricht haben, trainieren an diesem Montagabend die Roller Derby Spielerinnen* vom Hamburg  Roller Derby – Altona 93 (HARD*).

Roller Derby? Bitte, was? So richtig bekannt ist die Sportart in Deutschland noch nicht. „Kurz erklärt könnte man sagen, das ist wie Rugby auf Rollschuhen“, erklärt Spielerin Rosi.

Von Chicago nach Hamburg

Zehn Spieler*innen mit dicken Schonern, Helmen und einer wahnsinnigen Geschwindigkeit: Es sieht so aus, als gingen sie alle aufeinander los. Bei dieser Sportart geht es richtig zur Sache.

Roller Derby - Auf dem Bild zu sehen sind zwei schwarze Rollschuhe mit orangenen Stoppern auf Asphaltboden.
Typische Rollschuhe beim Roller Derby: Vier Rollen, ein Stopper. Foto: Mirjam Bär

Seinen Ursprung hat Roller Derby in den 1930er-Jahren in Chicago, USA als Wettrennen. Dann war es lange ruhig um den Sport. 1999 revolutionierten weibliche Amateure aus der Punk- und Feminismus-Szene Roller Derby. Sie gründeten im Jahr 2004 den internationalen Dachverband WFTDA, die Womens Flat Track Derby Association. Heute gehören mehr als 460 Vereine weltweit dazu. In Deutschland gibt es mittlerweile in jeder größeren Stadt Vereine, Berlin, Bremen, Frankfurt – und natürlich auch in Hamburg.

Jammen und Blocken – wie wird gepunktet?

Pro Team gibt es ein*e Jammer*in, zu erkennen an einem großen aufgedruckten Stern auf dem Helm. Jammende Personen müssen sich durch die gegnerischen Blocker*innen kämpfen. Ein bisschen wie David gegen eine Wand von Goliaths. Pro Blocker*in, an der die jammende Person vorbeikommt, sammelt sie einen Punkt. Die Blocker*innen versuchen, Jammer*innen des gegnerischen Teams daran zu hindern. Sie bilden eine Wand aus Menschen auf Rollschuhen, durch die sich die jammende Person durchboxen muss.

In Hamburg gibt es lediglich zwei Roller-Derby-Mannschaften: die Harbor Girls vom FC St. Pauli und HARD*, angegliedert an den Altonaer Fußball-Club von 1893 e.V.. Die Interessen im Verein Harbor Girls seien vermehrt auseinander gegangen und ein Teil beschloss letztendlich, einen eigenen Verein aufzubauen, berichtet Spielerin Rosi. So gründete sich vor drei Jahren HARD*.

„Mean Machine“ und „Knock’n’Rose 234“ fahren mit

Die Spielerinnen* und Trainerinnen* bei HARD* fahren zum Teil bereits seit über zehn Jahren Roller Derby. Manche aber auch erst seit ein oder zwei Jahren. Jede FLINTA* (Frauen, Lesben, inter, nichtbinäre, trans und agender Personen), unabhängig vom Trainingslevel, kann bei HARD* mitmachen. Donnerstags ist Einstiegstraining für neue Interessent*innen. Mitbringen muss man nichts, Rollschuhe, Helm und Schoner kann man sich erst mal kostenlos beim Team leihen.

Ein Derbyname ist eine Art zweite Identität. Der Name wird von den Skater*innen selbst gewählt und beim Roller Derby während des Spiels verwendet. 

Die Spielerinnen* dehnen sich direkt auf Rollschuhen im Fahren. Die heutige Trainerin Maria – Derbyname „Mean Machine“ – fährt mit. Statt wie Sportlehrer*innen in der Schule steht sie nicht am Rand und gibt Kommandos, sondern macht alle Übungen mit. Sie ist auch selbst Spielerin.

Zum Aufwärmen hüpfen, rennen und springen alle im Kreis. Hier wird viel gelacht. Plötzlich gellt die Trillerpfeife. Maria ruft laut „Turn!“, die Spielerinnen* antworten im Chor mit „Turn!“ und ändern mit einem Sprung die Fahrtrichtung. Immer wieder fällt auch jemand hin, steht aber meist direkt wieder auf und fährt weiter.

Mein Name, meine Pronomen – alle willkommen

Nach dem warm machen gibt es immer eine Willkommens-Runde. Alle stellen sich in einen Kreis. Jede* Teilnehmerin* des heutigen Trainings stellt sich mit Namen und Pronomen vor. Jede* erzählt kurz, wie es ihr* heute geht. Viele erzählen von der eskalierten Aftershow-

Auf dem Bild sieht man einen typischen Roller Derby Helm. Rund, schwarz und mit vielen Aufklebern. Hier zum Beispiel eine Hand, die ein Peace-Zeichen zeigt und in Regenbogenfarben ausgemalt ist. Ein anderer Aufkleber zeigt den Schriftzug "Kein Mensch ist illegal".
Ein typischer Roller Derby Helm voller Aufkleber. Foto: Mirjam Bär

Party nach dem Spiel am vergangenen Samstag. Blaue Flecken, Zerrungen, Kater. „Aber heute geht’s schon wieder“, sagt Trainerin Maria und lacht. 

Ein paar haben Tattoos, alle tragen Helme. Die Helme sind geschmückt mit Aufklebern, die Regenbögen zeigen und Schriftzüge wie „Love Wins“ und „HARD* BALLERN“. Alle Spielerinnen* tragen außerdem Knie-, Handgelenk- und Ellbogenschoner sowie Mundschutz.

Jede Körperform ist willkommen

Spielerin Elisabeth Ni – kurz Ellie – ist seit etwa einem Jahr dabei. Sie beschreibt immer wieder die wertschätzende Atmosphäre im Roller Derby. „Jede Körperform hat ihre Stärken, ist willkommen und darf irgendwie dabei sein.“

Roller Derby - Auf dem Bild sieht man Ellie, Roller Derby Spielerin. Sie hat ein schwarzes T-Shirt an und steht an einem Fluss gegen ein Geländer gelehnt. Auf dem Kopf hat sie ihren Skater-Helm und in der Hand einen ihrer Rollschuhe.
Roller Derby Spielerin Ellie aka „Felsbeth“. Foto: Mirjam Bär

Ellie – Derbyname „Felsbeth“ – ist Psychologin. Ihre Arbeitstage sind sehr lang. Wie motiviert man sich da, abends noch zum Training zu gehen? „Ich kann da einfach Spaß haben, alle meine Sorgen vergessen. Es ist ein guter Ausgleich und eine Konstante für mich. Es gibt mir ein Gefühl von Sicherheit.“

Im Code of Conduct – einem für Roller Derby typischen Verhaltenskodex – bezeichnet sich HARD* als feministischer und anti-faschistischer Verein. Was bedeutet das in der Praxis? Rosi antwortet: „Wir wollen durch den Sport einen Safer Space schaffen für alle FLINTA*-Personen. Wir gehen jetzt nicht dauernd zusammen auf Demos, aber wir versuchen neben dem Sport unsere Reichweite und Stimme zu nutzen um auch aufmerksam zu machen auf gesellschaftliche Themen und sowas.“

„Seid groß und gefährlich!“

Zurück zum Training. Heute stellt Maria eine neue Angriffsform vor, die sie sich selbst ausgedacht hat. Sie nennt den Angriff „Hotdog“. Dabei versucht sich eine Person zwischen Jammerin* und Blockerin* zu schieben – wie ein Würstchen zwischen zwei Brothälften. „Die Figuren haben bei mir immer Essens-Namen“, sagt Maria und grinst. „Macht doch direkt mehr Spaß so.“ Mit einem Pfiff aus der Trillerpfeife beginnen die Spielerinnen* in Dreier-Gruppen den neuen Angriff zu üben. Sie schaut wieder zum Team und ruft: „Seid groß und gefährlich!“

Genau das sei ein wichtiger Teil des Sports, sagt Rosemarie Schönthaler, kurz Rosi. Sie ist hauptberuflich Fotografin. Rosi, Derbyname „Knock’n’Rose 234“, fährt seit zwölf Jahren Roller Derby und ist eine von aktuell fünf Trainerinnen* bei HARD*.

„Gesellschaftlich wird es ja nicht so angesehen, wenn man als Frau körperlich ist. Beim Roller Derby geht es auch darum, sich als Nicht-cis-Mann Raum zu nehmen. Sich stark zu fühlen und den eigenen Raum zu verteidigen. Das ist auch etwas, was ich ganz doll aus dem Ganzen für mich ziehe.“

Bild 1: Jammerin Rosi im Roller Derby. Foto: Ricardo Estudante
Bild 2: Altona 93 Fans feuern ihre Mannschaft an. Foto: Ricardo Estudante
Bild 3: Gegnerische Spieler*innen umarmen sich nach dem Spiel. Foto: Ricardo Estudante
Bild 4: Zwei Roller Derby Spieler*innen während des Spiels. Foto: Karsten Helmholz
Bild 5: Angriff im Roller Derby. Foto: Karsten Helmholz
Bild 6: Trainerin und Spielerin Maria. Foto: Tom Alby

„Vor Roller Derby habe ich Sport immer gehasst“

Viele der Spielerinnen* berichten nach dem Training davon, beim Roller Derby zum ersten Mal gerne Sport zu machen. „Ich habe Sport immer gehasst“, sagt auch Ellie, „seit dem Schulsport schon, das war furchtbar.“ Sie habe durch Roller Derby lernen können, die Angst vorm Scheitern zu überwinden. „Es geht hier nicht darum, immer alles zu gewinnen, oder alles sofort beherrschen zu müssen, sondern auch darum, dass alle sich wohlfühlen.“

Das bestätigt auch Rosi. „Man kann so viel voneinander lernen. Auch im Spiel gegen eine andere Mannschaft. Wenn da jemand einen guten Move macht, feiern das alle, nicht nur die aus dem eigenen Team.“

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