Warum ist eine kleine Nase schön und ein Damenbart nicht? Die Hamburger Autorin Moshtari Hilal zeigt in ihrem Buch „Hässlichkeit“, wie absurd selbstzerstörerisch unser Schönheitsgedanke ist. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Bild aus dem Buch "Hässlichkeit", zu sehen ist ein Bild eines Mädchens das zerknittert wirkt
Auf dem Cover und der ersten Seite des Buches ist ein Foto der Autorin als 14-Jährige zu sehen, die sich damals selbst als hässlich empfunden hat. Foto: Hanser Verlag

Gelbe Zähne, haarige Beine, Pickel, eine zu große Nase – akribisch suchen wir beim Blick in den Spiegel nach unserer eigenen Hässlichkeit. Sind wir schön genug, perfekt genug? Die Künstlerin und Autorin Moshtari Hilal zeigt in ihrem Buch „Hässlichkeit“, wie gerade junge Frauen aufgrund von gesellschaftlichem Druck und Social Media unter Schönheitsidealen leiden. Das Buch verdeutlicht: Das Resultat ist nicht nur Selbsthass, sondern auch Hass von außen – in Form von Rassismus. Hilal gelingt es, ihre Leser*innen mit auf eine Reise durch die Geschichte des westlichen Schönheitsideals zu nehmen und Hässlichkeit aus einer völlig neuen Perspektive zu betrachten.

Mein Oberlippenbart war auffällig und nicht wie die meisten anderen Stellen meines Körpers zu verdecken. Wenn ich sprach, wurde jedes Wort umrandet von seinen Härchen. Und seine Härchen sprachen mir die Weiblichkeit ab.

Leseprobe

Pferdefresse, Hakennase

Schon als Kind hadert die Autorin mit ihrem Körper: Sie hat die große Nase ihrer Mutter geerbt, dichte Körperbehaarung an den Armen und kämpft mit ihrem so verhassten Damenbart. Von ihren Mitschülern wurde sie als Pferdefresse beleidigt. Im Buch beschreibt sie zu Beginn den Hass gegenüber ihrem eigenen pubertierenden Körper und wie sie vergeblich darum kämpfte, ihn zu verändern:

 „Meinen kleinen Körper teilte ich in feindliche Zonen ein. Von der Hüfte aufwärts war das chemische Bleichmittel zuständig, von der Hüfte abwärts die Klinge“ 

Hilals Blick auf ihren eigenen Körper ist beängstigend, gleichzeitig erschreckend vertraut. „Wenn ich meine Arme enthaare, wo soll ich aufhören? Wo endet das illegitime, wo beginnt das legitime Haar?“ fragt sie. Dass unser westliches Schönheitsideal radikale Folgen für das Selbstbild junger Mädchen hat, wird einem im Laufe des Buches immer eindrücklicher bewusst.

Die Geschichte der Hässlichkeit

„Hässlichkeit“ beschreibt nicht nur Hilals eigene Biografie, sondern erforscht auch die geschichtlichen Hintergründe von Schönheitsidealen bis in die Antike. Sie erzählt von historischen Personen, wie dem „Nasenjoseph“, Begründer der Rhinoplastik oder dem „Rassengünther“, dem Urheber der nationalsozialistischen Rassenideologie. Vieles davon lässt einen nur ungläubig den Kopf schütteln. Dem gegenüber stehen Hilals eigene Erzählungen, ihre Kunst, Fotos und Gedichte.Mit diesen Passagen nimmt die Autorin die Lesenden mit ihn ihre Gefühls- und Gedankenwelt, lässt diese direkt in ihren Kopf schauen und in ihre Haut schlüpfen. „Hässlichkeit ist alles andere als oberflächlich, sie ist erschüttert existenziell“, schreibt Hilal. In dem Kapitel „Nasal Analysis“ beschreib die Autorin welches Ausmaß es hat, von der Gesellschaft als hässlich betrachtet zu werden. Sie setzt dabei den Fokus auf die Nase.

Gesicht zeigen!

Keine Papiere, aber Illegal steht

Entlang Deiner Augenhöhlen, metrisch getrennt

Hände hoch Fremder!

Wir hier und da Du.

Hände hoch und Gesicht zeigen Fremder,

Deine Nase verrät dich,

sie ist nicht von hier.

Leseprobe

Zwischenseite Buch Hässlichkeit, zu sehen ist eine Frau mit einem Oberlippenbart und Nasenhaaren gezeichnet von Moshtari Hilal
Im Buch sind auf Zwschenseiten Kunstwerke der Autorin selbst platziert. Foto: Hanser Verlag

Zentrale Motive in Hilas Kunst sind die Nase und Haare. Eine Zeichnung im Buch zeigt die Künstlerin selbst aus dem Seitenprofil. Die Nasen- und Oberlippenhaare, sowie die Augenbrauen hat sie mit feinen Linien nachgezeichnet, wodurch die Gesichtshaare in den Vordergrund stechen. In einer anderen Zeichnung ist eine Frau hinter ihrer Haarpracht versteckt, nur ihre Nase ragt hervor. „Hässlichkeit ist die auf Hass begründete Ausgrenzung“, schreibt Hilal in ihrem Buch und meint damit unter anderem Rassismus, der aufgrund bestimmten Nasenformen entsteht. Was mutmaßen manche Menschen in der Nase einer fremden Person zu sehen? Wer bisher das Privileg hatte, sich mit dieser Frage nicht auseinandersetzen zu müssen, tut es nach Hilals Buch ganz sicher.

„Hässlichkeit“ berührt durch seine poetische Schönheit

Die intimen Einblicke der Autorin machen „Hässlichkeit“ zu einem einzigartigen Buch. Fotos und Zeichnungen sind eine abwechslungsreiche Ergänzung. Trotz des ernsten Themas eignet sich das Buch auch als Bahn-Lektüre für zwischendrin, da die vielen kleinen Kapitel auch unabhängig voneineander gelesen werden können. Besonders die Gedichte und der poetische Schreibstil Hilals hallen noch lange nach.

Wer Lust bekommen hat, das Buch gemeinsam mit der Autorin zu lesen, kann am 9. Februar 2024 um 20 Uhr Hilals  Lesung  von „Hässlichkeit“ auf Kampnagel besuchen. Das Ticket kostet 12 Euro.

Lena Gaul, Jahrgang 1998, filmt und tanzt auf fremden Hochzeiten: Sie arbeitet seit
ihrem Bachelor-Abschluss in Medien und Kommunikation für eine Hamburger
Hochzeitsagentur. Lena ist in Ingelheim geboren, und obwohl ihre Mutter aus
Thailand stammt, hält sich ihr Fernweh in Grenzen. So zog Lena zwar für ihr
Studium nach Passau, jedoch ohne die Stadt jemals besucht zu haben. Mittlerweile
will sie nicht mehr Hochzeitsplanerin werden, sondern lieber wieder mehr schreiben,
wie bereits in ihrem Praktikum in einer Social-Media-Agentur. Das geht auch ohne zu
verreisen. (Kürzel: len)

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