Datafleet erkennt wilde Müllablagerungen bei einer Tour. Bild: Stadtreinigung Hamburg
Datafleet erkennt wilde Müllablagerungen bei einer Tour. Bild: Stadtreinigung Hamburg

Zigarettenstummel, Kaffeebecher und Waschmaschinen: In Hamburg liegt wilder Müll einfach herum. Kameras an Müllautos sollen Abfallberge erkennen und der Stadtreinigung Hamburg melden. Im Hafen spüren derweil Boote mit KI-Technik verirrten Müll auf.

Von Marit Godbersen und Juliane Schenkel

Dunkelblaue Müllsäcke stapeln sich in der großen Lagerhalle. Einige drohen aufzuplatzen, andere sind es schon. Zerknautschte Fast-Food Verpackungen, nasse Klamotten und Kaffeebecher liegen verstreut auf dem Boden. Das hier ist kein „normaler“ Müll. Das ist illegal entsorgter Müll. Auf die Straße geworfen, am Straßenrand abgestellt und dort entdeckt durch eine neue Technologie, die seit 2023 in Hamburg im Einsatz ist: KI mischt jetzt auch bei der Müllentsorgung mit.

440 Kilogramm Müll entsorgen die Menschen, die in Hamburg leben, durchschnittlich pro Jahr – so die Stadt Hamburg. Ein ganzer Batzen, genau gesagt 19 Kilo pro Einwohner*in, werden dabei nicht ordnungsgemäß entsorgt. Vermüllte Gehwege und Straßen sind laut der Bürger-App „Saubere Stadt“ der Stadtreinigung Hamburg die häufigsten Verschmutzungen. Doch auch an die Straße gestellte Möbel und Lattenroste machen der Stadtreinigung zu schaffen.

Die Entsorger*innen der Stadtreinigung bei Aufräumarbeiten in einer Einkaufsstraße. Bild: Stadtreinigung Hamburg, Thorge Huter
Die Entsorger*innen der Stadtreinigung bei Aufräumarbeiten in einer Einkaufsstraße. Bild: Stadtreinigung Hamburg, Thorge Huter

Ist ein Ort erst ruiniert, entsorgt es sich ganz ungeniert

Besonders in der Nähe von Depotcontainern gesellt sich ein kaputtes Regal zum Nächsten, berichtet ein Mitarbeiter der Stadtreinigung. Die Bürger würden eine Matratze als inoffizielle Entsorgungsstelle ansehen und ihren Hausrat dazulegen, so der 52-Jährige. Ganz nach dem Motto: Ist ein Ort erst ruiniert, entsorgt es sich da ganz ungeniert.
Um das zu ändern, setzt die Stadtreinigung nun künstliche Intelligenz ein. Müll soll automatisiert aufgespürt und dann schnell aus dem Blickfeld geräumt werden, um das Wohlbefinden der Bürger*innen zu steigern. Das geht über das 2023 entwickelte System Datafleet.

Die KI wird auf Objekterkennung trainiert. Durch dutzende Beispielbilder geschult, kann die Software beschmutzte Straßenschilder von Sauberen, Schrotthaufen von funktionstüchtigen Fahrrädern und überfüllte Mülleimer von Leeren unterscheiden. An ganz normalen Müllautos sind Kameras befestigt. Überquellende Papierkörbe und dreckige Straßenschilder werden im Vorbeifahren gescannt und den Fahrer*innen als Auftrag angezeigt.

Ziel ist es, mit der KI einen „Super-Bürger“ zu kreieren, der Müll frühzeitig erkennt und meldet, heißt es in einem Video der Stadtreinigung.

Die Cortexia-Kamera an einem „Matador“. Hamburgs Papierkorbwagen. Bild: Juliane Schenkel
Die Cortexia-Kamera an einem „Matador“. Hamburgs Papierkorbwagen. Bild: Juliane Schenkel

 

KI für ein sauberes Hamburg

Ähnlich wie Datafleet funktioniert auch das zweite KI-System zur Müllerkennung: Cortexia sucht mit einer Kamera Gehwege auf Laubblätter, Zigarettenstummel und Papierreste ab. Ist es zu dreckig, meldet die KI das. So sollen Straßen nur nach Bedarf und nicht durchgehend gereinigt werden.

Zwanzig vor vier. Die letzte Kolonne fährt auf den Platz. Das weiße Müllauto reiht sich zwischen seinen 27 Artgenossen ein. Zehn von den Müllwägen auf dem Platz Wandsbek Ost haben bereits beide KI-Systeme installiert.

Hier sieht man eine starke Verschmutzung (rot) mit Angabe der Fahrtrichtung. Bild: Stadtreinigung Hamburg
Hier sieht man eine starke Verschmutzung (rot) mit Angabe der Fahrtrichtung. Bild: Stadtreinigung Hamburg

Gerrit Bruns, Sachgebietsleiter für Innovation und Reinigung bei der Stadtreinigung, will das Projekt auf ganz Hamburg auszuweiten. Realistisch seien 35 bis 40 Müllwägen mit dem Datafleet-System und doppelt so viele mit Cortexia auszustatten. Das sei eine Chance, die Stadtsauberkeit zu verbessern – und darum gehe es schließlich, „dass Hamburg sauber wird und sauber ist“, sagt Bruns.

Was macht meine Cola im Atlantik?

Auch am Hamburger Elbstrand ist die Stadtreinigung tätig. Und hier zeigt sich: Der Strand ist verhältnismäßig aufgeräumt. Im Jahr 2024 lag der Sauberkeitswert für den Strand bei 5,5. Die Bewertungsskala der Stadt reicht von 1 bis 30. Je kleiner die Zahl, desto sauberer der Sand. Niedrige Werte bedeuten, dass die Flächen gepflegt und wenige Abfälle wie Zigaretten, Papierschnipsel, Plastik oder Fäkalien zu finden sind.

Die Müllbeseitigung an Stränden ist wichtig, sagt Corinna Schrum, Professorin für Meereskunde an der Universität Hamburg. Fischernetzte, Pfandflaschen und Mikroplastik geraten hauptsächlich über Land in Flüsse und Meere. Sind sie einmal ins Wasser gespült, bleiben sie in der Regel dort.

Damit der Müll nicht in die Weltmeere gelangt, forscht die Hamburger Hafenbehörde zusammen mit 12 EU-Partnern an einem Roboterboot, das den Abfall bereits im Hafen mittels KI erkennt und herausangelt. Das Herzstück des Forschungsprojekts SeaClear2.0 ist die SeaCat: Ein autonom fahrendes Boot, das Müll im Wasser fotografiert, klassifiziert und birgt.

Ein Roboterboot räumt im Hafen auf

Die SeaCat zieht gerade einen Autoreifen aus dem Hamburger Hafen. Bild: SeaClear2.0
Die SeaCat zieht gerade einen Autoreifen aus dem Hamburger Hafen. Bild: SeaClear2.0

In einer zweiwöchigen Testphase im Hamburger Hafen schwammen die SeaCat und ihre Begleiter das erste Mal. Über ihr surrt eine Flugdrohne. Unter ihr taucht eine Unterwasserdrohne. Während ihrer Runden, scannen beide Drohnen die Umgebung auf Müll. Die KI analysiert die Art und den Standort von Müllobjekten auf den Fotos und schickt die Informationen an die SeaCat. Sie setzt sich in Bewegung, positioniert ihren Greifarm und fischt den Müll aus dem Wasser.

Das klappt noch nicht reibungslos: Die KI tut sich schwer Müll zu erkennen, der sich von natürlichen Organismen nicht stark unterscheidet oder in ungewöhnlichen Formen vorliegt. Eine Eisenstange könnte auf den Aufnahmen leicht mit dem Seil einer Boje verwechselt werden.

Tägliche Funde im Ozean: Autoreifen, PET-Flaschen und Plastiktüten. Die KI markiert und benennt die verschiedenen Mülltypen im Meer. Beispiel: Blau als Plastiktüten. Türkis als Reifen. Bild: SeaClear2.0
Tägliche Funde im Ozean: Autoreifen, PET-Flaschen und Plastiktüten. Die KI markiert und benennt die verschiedenen Mülltypen im Meer. Beispiel: Blau als Plastiktüten. Türkis als Reifen. Bild: SeaClear2.0

Damit das Roboterboot Plastiktüten von Algen, Fischen oder Gestein unterscheiden kann, muss die KI geschult werden. Ziel ist es, ihr alle Müllarten aus den europäischen Gewässern anzutrainieren.
Noch dreht die SeaCat ihre Runden nicht ganz allein. Damit die KI-Analyse gelingt, braucht es einen Mitarbeiter an Land, der die Fotos annimmt und weitergibt.

Dubrovnik, Venedig und Hamburg?

Der erste Testlauf sei dennoch ein Erfolg gewesen, so Matteo Schmid, Projektmanager bei SeaClear2.0 und Mitarbeiter der Hamburger Hafenbehörde. „Wir konnten den kompletten Prozess durchlaufen – von der Kartierung, Datensammlung und dem Erkennen von Müllobjekten bis hin zur Bergung, also dass wir Müllobjekte mit dem Greifarm rausgeholt haben“, so Schmid. „Und jeder dieser einzelnen Schritte hat funktioniert“.

Weitere Testläufe stehen Ende 2025 und Anfang 2026 an, unter anderem auf Zypern, in Venedig und Dubrovnik. Ob die SeaCat danach noch ihre Runden im Hamburger Hafen dreht, zeigt sich erst 2027, mit dem Ende des Forschungsprojekts.

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