Von Studis gebaut: Ein Rennauto, das auch ohne Fahrer fährt

Werkstatt des Hawk Racing Teams

Hawks Team Captain Charlotte Farwig lehnt an einem Tisch in der Werkstatt von Hawks Racing. Ihre Arme sind verschränkt, sie trägt eine Hawks Kappe. Links neben ihr steht der Rennwagen der Saison 2025. Rechts hinter ihr arbeitet ein Student an einer Werkbank.
Team Captain Charlotte Farwig in der Hawks Racing Werkstatt. Foto: Mia Wietkamp

Das Racing Team der HAW Hamburg will zum ersten Mal beim autonomen Fahren der Formula Student antreten. Aber wie entsteht so ein Rennauto eigentlich? Wir waren zu Besuch in der Werkstatt und haben uns von Team Captain Charlotte Farbig die Einzelteile zeigen lassen.

Zwischen den dunklen Holzdielen sind große Fugen. Muttern, Schrauben und Aluminiumfitzel glänzen in den Spalten. In der Werkstatt des Hawks Racing Teams geht so einiges im Holzboden verloren. „Ein halbes Auto ist da schon drin gelandet“, sagt Team Captain Charlotte Farwig. Der Raum ist vollgestellt mit Schränken, Werkbänken und einem Rennwagen: H20 stammt aus der Saison 2025 und war bis jetzt Hawks erfolgreichstes Elektroauto. Bald wird es ersetzt. Das Gehäuse von H21 liegt schon im Nebenraum auf einem großen Tisch.

Das Gehäuse des Rennwagens liegt auf einem metallenen Tisch. Blaue Mülltüten kleben auf der oberen Hälfte des Autos. Dass Chassis ist länglich und soll auch autonom fahren können.
Das Design des H21 ist noch ein Geheimnis, deswegen ist das Gehäuse verdeckt. Foto: Mia Wietkamp

Jedes Jahr baut das Hawks Racing Team der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg ein Rennauto. Ende September trifft sich das Team zum Kick Off, um erste Konzepte zu besprechen, bevor es dann in die Werkstatt geht. In der Konstruktionsphase arbeiten einzelne Baugruppen an ihren Projekten. Danach folgt die Fertigung, bis schließlich das Auto zusammengesetzt wird. „Der Sprung von einem fast fertigen Auto zum fahrenden Auto kann binnen drei Tagen passieren“, erklärt Farwig.

Autonomes Fahren bei der Formula Student

Die Gruppe „Electronics & Software“ hat diese Saison besonders viel zu tun: Hawks möchte bei der Formula Student zum ersten Mal in der Disziplin „Autonomes Fahren“ Punkte holen. „Ob das klappt, ist davon abhängig, wie schnell wir fertig sind, wie viel Testzeit wir haben und wie lange die Person, die die Software für das Auto schreibt, dann noch hat,“ sagt Farwig. Auch in den letzten Jahren wollte das Team bereits Autos präsentieren, die autonom fahren können. Bisher schafften sie das nicht. Beim H19 fiel beispielsweise der sensible Lichtsensor aus. Er ist unersetzbar wichtig für die Umgebungswahrnehmung des Autos.

An einem kleinen blauen Schrank kleben mehrere Sticker, im Hintergrund liegen neongelbe Warnjacken. Am Schrank hängt eine dunkle Hawks Racing Jacke. Hoch über dem Schrank ist ein hölzernes Regalbrett, auf dem silberne, glänzende Pokale stehen.
Über die letzten 22 Jahre hat Hawks in der Formula Student einiges gewonnen. Foto: Mia Wietkamp

Hawks ist in Italien, Österreich und am Hockenheimring in Deutschland mit dabei. Bei den Wettbewerben der Formula Student treten studentische Teams aus aller Welt gegeneinander an. Die Teams müssen Punkte erzielen, indem sie zum Beispiel ihre Kosten- und Fertigungsrechnung vorstellen und verteidigen. In den dynamischen Disziplinen geht es unter anderem darum, wie schnell und ausdauernd das Auto fährt. Für den „Driverless Cup“ zählen vor allem die dynamischen Disziplinen. Das Ziel der Hawks ist die „Acceleration“: Das Auto muss autonom 75 Meter mit durchgehendem Gas fahren und rechtzeitig abbremsen.

Wer sind die Hawks?

„Man fährt da hart gegeneinander. Aber in der Boxengasse hilft man sich“ sagt Professor Doktor Christian Fervers, der das Team seit über 20 Jahren betreut. Die Idee, Hawks zu gründen, hatte ein anderer: Ende der 1990er sah HAW-Professor Stefan Bigalke an einer Partner-Hochschule in England ein Formula Student Team. Er startete ein eigenes Projekt an der HAW Hamburg. Daraus wurde ein Verein, der mittlerweile 60 aktive Mitglieder und über 200 Alumni umfasst.

„Am Anfang, war es total schwierig, die Hawks im Zaum zu halten“, sagt Fervers. Er hat viel Struktur in die Arbeit der Hawks gebracht und leitet die Werkstatt des Teams. Der Professor für Fahrwerkstechnik vermittelt außerdem zwischen Hawks und HAW: „Gegenüber der Hochschule, bin ich natürlich Hawks. Gegenüber Hawks bin ich aber Hochschule“, sagt er. Es ginge viel darum, eine Balance zu finden und die Interessen beider Gruppen zu berücksichtigen.

Hawks braucht viele Ressourcen, um ein Auto fertig zu stellen. Fervers sagt, dass das Verständnis auf beiden Seiten über die Jahre gewachsen sei: „Wenn man das Team von heute mit dem Team von vor zehn Jahren vergleicht, klappt das heute deutlich besser.“

80 Stunden pro Woche in der Werkstatt

„Team Captain zu sein, ist eigentlich ein sehr, sehr unbeliebter Job.“, sagt Charlotte Farwig und grinst. Die 21-Jährige studiert Wirtschaftsingenieurwesen, steckt ihre gesamte Zeit aber in die Fertigstellung des Autos. „Mir war bewusst: Wenn alles ganz schlecht läuft, gehe ich nach einem Jahr mit null Credits raus“, sagt sie. Nach Absprache mit ihren Eltern stellt sie ihr Studium jetzt erst einmal hinten an.

Mehrere Schutzbrillen und Kopfhörer hängen über einem Regalbrett, auf dem ein Bild von einem Rennwagen klebt. Mehrere Zettel sind an das Brett geklemmt und davor liegt ein Hammer auf einer schwarzen Unterlage. Im Hintergrund befindet sich ein großes Exit-Schild.
Sicherheit hat hohe Priorität bei den Hawks. Foto: Mia Wietkamp

Täglich beantwortet Farwig Mails, bespricht sich mit der Verwaltung und hilft in der Werkstatt aus. Zu Beginn der Saison motiviert sie, hart zu arbeiten. In der stressigen Endphase erinnert sie daran, Pausen zu machen. Alle im Team helfen freiwillig aus, stecken Arbeit und Mühe in ein Projekt, dass den Großteil ihrer Zeit neben dem Studium einnimmt. „Da muss man sich regelmäßig daran erinnern, dass man das wirklich aus Spaß, aus der Liebe zur Arbeit und zum Verein macht“, sagt Farwig.

„Das Fahrzeuglabor ist Differenzialgleichung zum Anfassen“

Auch Professor Fervers sieht es für die Studierenden als großen Gewinn an, Teil von Hawks zu sein. Das Wissen, das sie aus ihren Vorlesungen mitbringen, können die 60 Teammitglieder in der Werkstatt praktisch umsetzen. „Das ist eigentlich das Interessante an dem ganzen Team, dass man da die ganzen Sachen live mal ausprobieren kann“, so Fervers. Das Fahrzeuglabor sei „Differenzialgleichung zum Anfassen.“ Deswegen entscheiden sich regelmäßig Teammitglieder dazu, ihre Bachelor- oder Masterarbeiten zusammen mit Hawks zu schreiben.

Ein dunkelblauer Rennwagen steht in der Werkstatt der Hawks. Das Gehäuse glänzt, die Reifen sind abgenutzt und dreckig. Hinter dem Auto hängt ein Whiteboard an der Wand mit Daten und Informationen zu Hawks Racing.
Der Rennwagen der Saison 2025 war das erfolgreichste Elektroauto der Hawks. Foto: Mia Wietkamp

Im Team zu sein, hilft auch nach dem Abschluss: Für viele Alumni ist es vorteilhaft, Hawks in ihrem Lebenslauf zu haben, wenn sie sich in der Automobilbranche bewerben. Früher habe er noch Zeugnisse ausgestellt, meint Fervers. Heute spricht die Mitgliedschaft in einem Formula-Student-Team für sich.

Ein sehr lebendiges Team

Bevor die Rennen im Sommer stattfinden, hat das Team noch einiges zu tun: Am 22. Mai steht das Rollout an, bei dem das Auto zum ersten Mal präsentiert wird. In der Werkstatt herrscht reger Betrieb. Allerdings nicht nur wegen der Projekte. „Niemand ist hier nur für die Arbeit“, sagt Farwig. Sie zeigt auf den angrenzenden Teamraum, in dem es nach Knoblauchbrot riecht. Unter dem Semester wird der Raum zum Aufenthaltsraum, im Kühlschrank gibt es immer Kaltgetränke.

Auf einer gläsernen Doppeltür ist das Logo der Hawks groß gedruckt. Links und rechts stehen volle Regale, in denen Plastikkisten stecken. An dem rechten regal lehnt eine metallene Leiter. Im linken Regal stehen Schuhe und eine Jacke mit Hawks Emblem ist daran angehängt.
Der Teamraum der Hawks ist gleichzeitig auch ihr Lager. Foto: Mia Wietkamp

In der Werkstatt kommt ein Student auf seinen Captain zu und präsentiert einen silbernen Kasten. Farwig reißt die Augen auf. Auf den gerade eingetroffenen Entwerter-Case wurde hier lange gewartet. Der Aluminiumkasten wird den Strom im Rennwagen nutzbar machen. „So wird das Auto halt langsam zusammengesammelt“, sagt Farwig lachend. Sie freut sich schon darauf, mit dem H21 anzutreten.

Mia Wietkamp, Jahrgang 2001, hat gerne einen Plan. Dass sie nach dem Abitur nach Kanada wollte, war zum Beispiel geplant, dass sie dort ohne Vorerfahrung Kindern das Bogenschießen beibringen sollte, aber nicht. Zum Glück konnten das manche der Kinder ohnehin besser als sie. Mia hat es schon mit Lehramt, Schauspielerei und Theologie probiert, ihren Bachelor machte sie schließlich in Medien- und Kommunikationswissenschaft. Beim Campusradio in Bonn entdeckte Mia ihre Leidenschaft für den Journalismus - am meisten aber fürs Moderieren, gelegentlich auch mal vor 7000 Leuten. Wenn sie nicht gerade in einen Roman über
Hexen vertieft ist, findet man Mia am Sonntag in der Kirche.
Kürzel: mia

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here