Gebärmutterhalskrebs können nur Frauen bekommen, deshalb brauchen Männer die HPV-Impfung nicht? Dieser Gedanke ist zu einfach, sagt eine Frauenärztin. Gegen was die Impfung schützen kann und wann sie sinnvoll ist.

Illustration: Lilli-Sophie Schröder

Gegen Krebs gibt es keinen garantierten Schutz. Eine gesunde Ernährung, Sport, kein Alkohol, nicht rauchen: All das kann das Risiko zu erkranken senken, ist aber keine Garantie dafür, dass man verschont bleibt.

Doch es gibt eine Impfung, die gegen manche Krebsarten wirkt. Zumindest gegen die HP-Viren, die mehrere Krebsarten auslösen können. HPV steht für Humane Papillom-Viren. Mit ihnen infizieren sich laut dem Robert Koch-Institut (RKI) acht von zehn Menschen im Laufe ihres Lebens. Die Infizierung geschieht durch engen Körperkontakt oder Kontakte der Schleimhäute und daher fast ausschließlich beim Geschlechtsverkehr. Verhütung durch ein Kondom kann vor einer HPV-Ansteckung schützen, bringt aber keine verlässliche Sicherheit. Nicht jede Infizierung mit HPV führt zu einer spürbaren Infektion oder einer Krebserkrankung, die meisten Menschen bemerken ihre Infektion mit HPV nicht.

„Es ist ein echtes krebsverhinderndes Medikament. Das gibt es sonst nicht”, sagt die Hamburger Frauenärztin Franziska Holz über die HPV-Impfung. Trotzdem werde die Impfung zu wenig genutzt, findet sie. Das belegen auch die Impfquoten für Deutschland. Aktuellen Zahlen des RKI zufolge, stagnierte die Impfquote in Deutschland 2025 für Mädchen bei 55 Prozent, bei Jungen stieg sie minimal auf 36 Prozent an.

Das Ziel der Herdenimmunität

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) strebt an, dass bis 2030 90 Prozent aller 15-Jährigen gegen HPV geimpft sind. Das größere Ziel dahinter ist die sogenannte Herdenimmuntät. Denn wenn die deutliche Mehrheit einer Bevölkerung (wie hier 90 Prozent) gegen ein Virus geimpft ist, greift der Schutz der Herdenimmunität für Menschen, die nicht geimpft sind. Eine geimpfte Person kann die Viren im Normalfall weder bekommen, noch weitergeben und andere anstecken. So wurden bereits einige Krankheiten ausgerottet, zum Beispiel die Pocken.

Eine Frau im Portraitfoto
Franziska Holz ist Frauenärztin in Hamburg. Foto: Hamburger Krebsgesellschaft

Franziska Holz ist neben ihrer Tätigkeit als Frauenärztin Geschäftsführerin des Vereins Hamburger Krebsgesellschaft e. V. Der Verein klärt über verschiedene Formen von Krebs auf und unterstützt Betroffene, auch im Bereich HPV.

„Eine HPV-Infektion muss gar keine Auswirkung haben. Viele Menschen machen HPV-Erkrankungen als Viruserkrankung durch und bemerken das nicht. Oft geht eine Infektion unbemerkt vorüber“, erklärt Holz. Genauso unbemerkt kann die Infizierung passieren.

HPV-Impung auch für Jungen sinnvoll

Dass die HPV-Impfung nur Mädchen und Frauen schützt, gilt spätestens seit 2018 als überholt. 2018 nahm die Ständige Impfkommission (Stiko) die HPV-Impfung in ihren Katalog von Impf-Empfehlungen für Jungen von neun bis 14 Jahren auf. Die Stiko ist ansässig am RKI. In der damaligen Veröffentlichung schrieb das RKI:

Infektionen mit HPV sind sowohl bei der Frau als auch beim Mann sehr verbreitet. Es wird davon ausgegangen, dass HPV-Infektionen zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen (STI) gehören. Die meisten sexuell aktiven Menschen infizieren sich mindestens einmal im Leben mit HPV.

Mehr Risiken als nur Gebärmutterhalskrebs

Die Krebsart, die am meisten mit HPV in Verbindung gebracht wird, ist Gebärmutterhalskrebs. Diese Krebsart wird am häufigsten aller möglichen Krebsinfektionen ausgelöst. Doch es gibt weitere Krebsarten, die durch eine HPV-Infektion entstehen können:

  • Mundkrebs
  • Rachenkrebs
  • Peniskrebs
  • Krebs im Analbereich.

Es gibt über 200 verschiedene HP-Viren, die meisten besiegt das Immunsystem unbemerkt von alleine. Etwa 40 von ihnen sind sexuell übertragbar und können Gewebeveränderungen auslösen. Aus solchen Gewebeveränderung kann Krebs entstehen, bei Männern wie Frauen. Dass aus einer HPV-Infektion auch Krebs entsteht, ist im Verhältnis eher unwahrscheinlich. So bekommen 1,8 Prozent aller Frauen Gebärmutterhalskrebs. Das sind 18 von 1000 Frauen. Zum Vergleich: Das Risiko, Brustkrebs zu bekommen, ist für Frauen deutlich höher. 31,1 Prozent der Frauen haben in ihrem Leben Brustkrebs, also 311 von 1000 Frauen. Jede Krebserkrankung kann im Einzelfall schwerwiegend sein, ganz abgesehen von der Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung. Auch deshalb unterstützt Franziska Holz die Impfempfehlungen der WHO.

„Impfungen sind einfach mit der wesentlichste Erfolgsfaktor in der Medizin, um Krankheiten wirklich zu verhindern.”  – Franziska Holz

Durch eine Infektion mit HPV können neben Krebs auch Genitalwarzen (Feigwarzen) entstehen. Sie sind zwar gutartig, können allerdings unangenehm sein, für Männer wie Frauen. Auch davor schützt die Impfung gegen HPV. Für die Gesundheitswissenschaftlerin Svenja Sontag von der Hamburger Krebsgesellschaft ein Grund mehr, sich für die Impfung zu entscheiden: „Feigwarzen sind zwar gutartig, aber das möchte ja niemand im Genitalbereich haben. Das ist vielleicht auch ein Punkt, der für junge Männer interessant wäre.”

HPV: Wann ist das richtige Impfalter?

Wenn im empfohlenen Alter von neun bis 14 Jahren geimpft wird, bekommen Jugendliche zwei Impfungen in Abstand von fünf bis zwölf Monaten. Die Impfung wird von der Krankenkasse übernommen. Ab 15 erhalten Mädchen und Jungs drei Impfungen. Die Stiko empfiehlt, dass Kinder vor dem ersten Geschlechtsverkehr geimpft werden, damit diese noch keine Berührung mit HPV gehabt haben.

Wenn keine HP-Viren im Körper sind, ist die Impfung am wirkungsvollsten. Laut Studien des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) in Deutschland sind 94 Prozent der Mädchen und 97 Prozent der Jungen zum Zeitpunkt des ersten Geschlechtsverkehrs älter als 14 Jahre. Hierauf begründet sich die Impfempfehlung der Stiko. Zudem verschiebt sich aktuell das Alter, in dem Jugendliche zum ersten Mal Sex haben, nach hinten.

Auch nach dem 15. Lebensjahr kann eine Impfung sinnvoll sein

Weil die Impfempfehlung für Kinder und junge Teenager bis Ende des 17. Lebensjahr gilt, wird die Impfung von Krankenkassen bis zum 18. Lebensjahr übernommen. Danach unterscheidet sich die Kostenübernahme je nach Versicherung. Doch laut Frauenärztin Holz kann eine Impfung in den 20ern noch sinnvoll sein. Das käme auf den Einzelfall an und eine Absprache mit Ärzt*innen sei sinnvoll. Genauso äußert sich auch das RKI in einem FAQ auf seiner Website:

Dennoch können im Einzelfall auch Personen ab 18 Jahren je nach individueller Lebensführung von einer HPV-Impfung profitieren. Diese individuelle Einschätzung der Impfindikation sollte zusammen mit der behandelnden Ärztin/dem behandelnden Arzt abgewogen werden. Alle verfügbaren HPV-Impfstoffe sind ohne Altersbegrenzung ab einem Alter von neun Jahren zugelassen.

Franziska Holzes empfiehlt: „Ich würde immer bei der Krankenkasse einen Antrag auf Kostenübernahme stellen.” Lehne die Kasse ab, empfiehlt sie, schriftlich Widerspruch einzulegen.In diesem Fall dürfen Sie sich auch an die Krebsgesellschaft wenden und wir unterstützen das.”

Einen letzten Grund, warum eine Impfung gegen HPV auch als Mann sinnvoll ist, gibt es für Svenja Sontag noch. „Es ist ja auch ein Punkt, die Verantwortung nicht nur bei den Frauen zu lassen”, meint die Gesundheitswissenschaftlerin. Denn Männer können die Viren in sich tragen, an ihre Partner*innen übertragen und sie im schlimmsten Fall mit HP-Viren anstecken, die Krebs auslösen.

Klaus aus Hamburg erkrankte an Krebs durch HPV

Und die Männer? Prozentual gesehen ist das Risiko für sie eher gering, durch eine HPV-Infektion Krebs zu bekommen. Gering bedeutet aber nicht unmöglich. Klaus*, 71, erkrankte 2024 wegen HPV an Krebs.

Spricht er heute über seinen Krankheitsverlauf, redet er vom Glück, das er gehabt hat. Seine Frau habe die geschwollenen Lymphknoten am Hals früh bemerkt und er habe schnell einen Termin bei einer Ärztin bekommen. Bei einer Operation mussten ihm mehr als 20 Lymphknoten entnommen werden. Als die Ärzt*innen darin HP-Viren entdeckten, sei der nächste Schritt klar gewesen, berichtet er: Die Suche nach dem sogenannten Primärtumor, der den Krebs ausgelöst hatte. In Klaus’ Fall war der Primärtumor nicht eindeutig zu erkennen. Ihm wurde Gewebe im Mund entnommen, doch das brachte noch keine weiteren Erkenntnisse. Erst, als ein OP-Roboter zum Einsatz kam, fand dieser den Primärtumor. Anschließend bekam Klaus eine Bestrahlung.

Während Krebs-Erkrankungen häufig mit einer Chemotherapie behandelt werden, war bei Klaus die Strahlentherapie möglich, die deutlich lokaler im Körper wirkt. Trotzdem kann sie starke Nebenwirkungen auslösen. Klaus berichtete: „In den letzten Wochen der Bestrahlung ist meine Haut am Hals aufgeplatzt.” Vergleicht er seine Erfahrung mit der Bestrahlung aber mit anderen Erkrankten, die er in einer Selbsthilfegruppe trifft, sei er damit noch glimpflich davongekommen: „Ich habe in der Selbsthilfegruppe Menschen mit einer vergleichbar hohen Strahlendosis getroffen, die gesagt haben, dass sie bereits nach der Hälfte nicht mehr in der Lage waren, irgendetwas zu machen.” Klaus ist in der Selbsthilfegruppe von Kopf-Hals-M.u.n.d.-Krebs e.V..

Fehlendes Bewusstsein über Risiken der HP-Viren

Bevor ich diese Erkrankung und die Diagnose HPV hatte, hatte ich eigentlich keine Kenntnisse darüber”, meint Klaus. Geimpft wurde er im heute empfohlenen Alter nicht. Er ist sich sich aber unsicher, ob er als jüngerer Mann die Aufklärung über HPV ernst genug genommen hätte. Auch, weil das Bewusstsein für die Möglichkeit einer Krebserkrankung gefehlt habe – und das immer noch so sei.

Seine Wahrnehmung deckt sich auch mit der Erfahrung von Franziska Holz. Sie hat auch eine Veränderung seit der Corona-Pandemie bemerkt: „Seit der Corona-Pandemie stehen einige Menschen Impfungen sehr, sehr kritisch oder generell ablehnend gegenüber. Das ist wirklich sehr bedauerlich, denn Impfungen sind einfach mit der wesentlichste Erfolgsfaktor in der Medizin, um den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern und gerade die HPV-Impfung ist eine Impfung, die die Krebs-Raten nachweislich senkt.”

Wie der Blick auf Dänemark zeigt, wurden dort manche der 20 HPV-Typen, die besonders gefährlich sind, bereits ausgerottet. Doch anders als im skandinavischen Nachbarland, gibt es in Deutschland keine verpflichtenden Impfungen, so Frauenärztin Holz. 

Wann kann eine Impflicht erlassen werden?

Die Entscheidung, ob es eine Impfpflicht gibt oder nicht, fällt die Bundesregierung. So gibt es vereinzelt bereits Impfpflichten. Zum Beispiel müssen Eltern bei der Einschulung ihrer Kinder eine Impfung oder eine Immunität gegen Masern vorweisen. Auch war die Pockenimpfung lange verpflichtend. Im Jahr 2022 lehnte der Bundestag eine allgemeine Impfpflicht zur Corona-Impfung ab, eine Impfpflicht greife in das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit ein.

Das ist ebenfalls ein Grund, warum es keine Pflicht zur HPV-Impfung gibt. Auch das RKI verweist bei einer Nachfrage zu den Hintergründen auf die Politik.

Wann eine Impflicht erlassen werden kann, bestimmt rechtlich gesehen das Infektionsschutzgesetz. Auf seiner Grundlage kann die Regierung Seuchen und Pandemien bekämpfen, mit Maßnahmen wie einer Impfpflicht oder Maskenpflicht, wie dies in der Corona-Pandemie der Fall war. Da solche Maßnahmen aber stark in das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit und auf persönliche Entscheidungsfreiheit eingreifen und gesellschaftlich umstritten sind, muss die Regierung im Einzelfall abwägen, ob dieser Schritt gerechtfertigt und verhältnismäßig ist.

Beispiel Masern: Weil sie für Kinder und Erwachsene sehr gefährlich sind und weltweit zu den ansteckendsten Infektionen gehören, entschied sich die Bundesregierung für eine Impfpflicht bei Kindern.

Für Franziska Holz braucht es in Deutschland mehr Aufklärung und mehr Informationsangebote über die HPV-Impfung. Die Ärztin und andere, die sich für Krebsprävention in der Krebsgesellschaft Hamburg einsetzen, versuchen Aufklärung an die Menschen zu bringen. Dabei richten sie sich vor allem an Eltern, denn Eltern entscheiden, welche Impfungen ihre Kinder bekommen.

Forderung: Mehr Infos in der Arztpraxis

Als Vorschläge, wie die deutsche HPV-Impfquote sich erhöhen könnte, schlägt die Hamburger Krebsgesellschaft mehr Gesundheitsbildung in der Schule vor, idealerweise als Schulfach. Gesundheitswissenschaftlerin Svenja Sontag betont, dass, wenn Ärztinnen und Kinder- und Jugendmediziner die Aufgabe haben, darüber zu informieren,” sie diese Aufklärung auch vergütet bekommen müssten.

Zum Weltkrebstag am 4. März hat Hamburg die Kampagne „Die beste Zeit ist jetzt” gestartet, die mehr Sichtbarkeit für die Impfung gegen HP-Viren schaffen soll. Als Teil der Kampagne gab es  eine Impfaktion sowie Plakate und Anzeigen in Bahnen. Für Frauenärztin Franziska Holz eine gute Möglichkeit, für mehr Aufklärung zu sorgen: „So erhöht man die Sichtbarkeit”, sagt sie. Und das sei wichtig.

*Seinen Nachnamen möchte Klaus nicht veröffentlicht sehen. Er ist der Redaktion bekannt.

Junge Frau mit Brille im Porträt

Alles ist politisch. Auch die Frage, ob Bier schmeckt oder nicht. Zumindest wenn es nach Anny Norma Schmidt, Jahrgang 2001, geht. Sie bestellt lieber Sekt. Dafür erntet sie in ihrer Heimat Dithmarschen schiefe Blicke. Vielleicht fiel ihr daher der Abschied 2021 in Richtung Magdeburg leicht, um dort Journalismus zu studieren. Ist sie nicht baden oder joggen, sitzt Anny gerne im Café, entweder in ein Buch oder in eine Diskussion über Feminismus und Nachhaltigkeit vertieft. Anny hat schon diverse Praktika bei Lokalzeitungen hinter sich, weil sie es wichtig findet, im Gespräch zu bleiben - sogar über Bier. Kürzel: ans

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