Vor 25 Jahren wurde Süleyman Taşköprü in Hamburg durch den NSU ermordet. Für eine Ausstellung im Altonaer Museum gestaltete die Familie Taşköprü einen Erinnerungsraum. Das war auf vielfältige Weise lehrreich für die Kuratorinnen.
Interaktive Karte, migrantische Perspektiven
Der Raum ist dunkel. Es gibt nur wenige Bänke. Die Leere ist spürbar. Fotografien in Schwarzweiß hängen an der Wand, spärlich belichtet. Die Bilder zeigen Orte, an denen die Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zwischen 2000 und 2007 neun Menschen aus rassistischen Motiven ermordete. Keine Täter, keine Leichen – nur Tatorte sind zu sehen. Kioske, Straßen, Garagen. Fotografiert oft aus niedriger Perspektive. Der Sicht der Ermordeten.
Die Fotoausstellung „Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU“ von Regina Schmeken ist aktuell im Altonaer Museum zu sehen. Zentraler Bestandteil ist ein Erinnerungsraum. Im Zentrum stehen dort die Opfer selbst. Angehörige kommen in Interviews zu Wort, die Filmaufnahmen werden an die Wände projiziert. Besucher*innen können eigene Gedanken aufschreiben. Literatur zu migrantischen Perspektiven liegt aus. Eine interaktive Karte zeigt rechtsextreme Gewalttaten in Hamburg.

An den Wänden stehen die türkischen Worte „Üzgünüm“ (Ich bin traurig), „Anma“ (Gedenken) und „Unutma“ (Nicht vergessen). Lebensgroße Aufsteller der Ermordeten stehen im Raum. Man blickt ihnen direkt in die Augen. Auf der Rückseite der Figuren wird erklärt, wie ihre Namen korrekt ausgesprochen werden. „Das war für uns ein ganz zentraler Punkt“, sagt Projektleiterin Lisa Miller. „Es ist eine Frage des Respekts, sich die Mühe zu machen, Namen richtig auszusprechen.“
Erinnern als gemeinsamer Prozess

Gestaltet wurde der Erinnerungsraum von Lisa Miller und Kuratorin Nicole Mattern zusammen mit der Familie des Hamburger NSU-Opfers Süleyman Taşköprü. Besonders eng war die Zusammenarbeit mit seinem Neffen Okan Taşköprü. „Dadurch entstand die Fotowand mit Familienbildern und Zitaten von Süleyman“, sagt Mattern. FINK.HAMBURG hat Okan Taşköprü gefragt, wie er die Zusammenarbeit erlebt hat:
Der Prozess war für alle Seiten lehrreich. Den Kuratorinnen wurde klar, dass Erinnern ein langer, emotionaler Prozess ist. In Gesprächen mit unterschiedlichen Menschen, von denen viele Erfahrungen mit Rassismus gemacht haben, tauchte ein Begriff immer wieder auf: Wut. Besonders für junge Menschen sei dieses Gefühl zentral, erinnert sich Mattern. Gleichzeitig sagt sie: „Erinnern ist nichts Negatives. Die Taten sind negativ. Sich zu erinnern, kann schmerzhaft, aber auch heilsam sein.”
Ob jemand still eine Blume niederlegt oder Veranstaltungen organisiert – jede Form des Gedenkens sei wertvoll. Entscheidend sei, eine Kultur des Erinnerns zu entwickeln, die niedrigschwellig ist und viele erreicht. „Wir müssen auch die abholen, die sich nicht auskennen“, sagt Mattern. Gerade junge Menschen hätten oft keinen Bezug zum NSU, weil sie zur Zeit der Morde noch nicht geboren waren.

Erinnerungsraum als Erweiterung zur Fotoausstellung in Hamburg
Der Titel der Fotoaustellung verweist auf die nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologie, jene rassistische Vorstellung, die eine untrennbare Verbindung zwischen einem rassisch definierten „Volk“ und dem ihm zugeschriebenen Territorium konstruiert – zwischen „Blut“ und „Boden“. Diese Ideologie lag auch den NSU-Taten zugrunde. Hamburg ist die sechste Station, aber eine besondere: Hier wird Regina Schmekens Arbeit erstmals durch den Erinnerungsraum ergänzt.

Stand heute: Erinnern, das Konsequenzen fordert
Der NSU war zwischen 1998 und 2011 für zehn Morde, mehrere Sprengstoffanschläge und Raubüberfälle verantwortlich. Die Polizei ermittelte jahrelang in die falsche Richtung und verdächtigte Angehörige. Medien betitelten die Mordserie als „Döner-Morde“, so der NDR. Hinweise auf rassistische Motive wurden ignoriert. Die Haupttäter*innen seien Uwe Böhnhardt, Uwe Mundtot und Beate Zschäpe gewesen, die sich Jahre später durch ein Bekennervideo zu den Taten äußerten, so die Bundeszentrale für politische Bildung.
Das letzte Foto der Serie im Museum zeigt keine Straße, keinen Tatort im klassischen Sinn. Es ist die Tür zum Gerichtssaal in München – von außen. Dahinter: der NSU-Prozess.

25 Jahre nach der Tat zeigt die Ausstellung: Erinnern ist keine abgeschlossene Geschichte. Es ist ein gemeinsamer Prozess und eine Verantwortung für die Gegenwart.
Die Fotos sind Leihgaben aus der Sammlung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden. Fotografien von Regina Schmeken als Chrome Pigmentdrucke kaschiert auf Alu-Dibond,
entstanden 2013 und 2015/16.






