KI wird in der Kreativbranche als Fluch und Segen betrachtet. Während die Hamburger Künstlerin Nika erlebt, wie ihre Arbeit in Sekunden von der KI nachgeahmt wird, nutzen andere die Technik als Tool. Ein Überblick.
Text: Hanna Hayee, Fotos: Quoc Cuong Bui
Konzentriert nach vorn gebeugt, arbeitet Nika Basseri in ihrem Atelier an einem Acrylgemälde. Ein Kirschblütenbaum am Wasser ist zu sehen, eine Brücke, dahinter ein Schloss. Vor ihr liegen Farbbehälter und Pinsel. Schicht für Schicht habe sie das Motiv aufgebaut. Es sei eines ihrer bisher aufwendigsten Bilder: 20 Stunden Arbeit stecken in diesem Werk. Es ist fast fertig.
Nur 30 Sekunden dauert es, eine Kopie ihres Bildes zu erstellen. Besonderes Talent braucht es dafür nicht. Nur ein paar geschickt kombinierte Prompts, mit denen man die KI füttert. Nika Basseri sorgt diese Entwicklung. „In der heutigen Zeit sehe ich durch künstliche Intelligenz und andere Technologien leider kaum noch eine Zukunft für Menschen in der Kreativbranche“, sagt die 20-Jährige.

Basseri zeichnet seit ihrer Kindheit. Beruflich wollte sie nie einen kreativen Weg einschlagen, zu viele Risiken seien damit verbunden, sagt sie. Diese Sorgen sind nicht unbegründet, wie aktuelle Forschungen zeigen.
Studie: KI hemmt kreatives Denken
Laut einer Studie von Forscherin Wendy Fangwen Yu, veröffentlicht in der Fachzeitung „Design Studies“, kann eine wachsende Abhängigkeit von KI in künstlerischen Prozessen das innovative Denken hemmen. Eine andere Untersuchung, beauftragt von der Stiftung Kunstfonds und der Initiative Urheberrecht, zeigt außerdem, dass ein übermäßiger Einsatz von KI zu Massenproduktion, Stereotypisierung und dem Verlust bestimmter Arbeitsplätze führen kann.
Dass durch Künstliche Intelligenz komplexe Bilder und Grafiken erstellt werden können, verunsichert viele Menschen in kreativen Berufen. Auch in Hamburg ist das spürbar. Die Stadt zählt zu den größten Kreativstandorten Deutschlands mit über 100.000 Beschäftigten in Werbung, Design, Medien und Games. An Bildungseinrichtungen wie der Hochschule für bildende Künste (HFBK) experimentieren Studierende bereits mit KI-Bildgeneratoren und lernen Prompts gezielt zu formulieren.
Was ist ein Prompt?
Ein Prompt ist die Texteingabe, mit der Nutzer*innen einer KI sagen, was sie tun soll. Er kann eine Frage, eine Anweisung oder eine kurze Beschreibung sein. Bei generativer KI wie ChatGPT oder Bildgeneratoren wie DALL·E oder MidJourney ist der Prompt der Ausgangspunkt für das Ergebnis. Aus dieser Eingabe erzeugt das System Texte oder Bilder. Prompts können angepasst oder ergänzt werden, um das Ergebnis zu verfeinern.
Beispiele:
Allgemeiner Prompt: „Nenne mir die drei bevölkerungsreichsten Länder Europas.“
Bild-Prompt: „Erstelle eine Frau im Weltall, die eine Katze streichelt.“Quellen:
https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/prompt-125087
https://www.duden.de/rechtschreibung/Prompt
Let’s play: Das „Prompt Battle“
Hier setzt Prof. Sebastian Schmieg mit seinem Projekt „Prompt Battle“ an. Entwickelt hat er das Format gemeinsam mit Studierenden der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Dresden, um spielerisch zu erforschen, wie Kreativität und KI zusammenwirken. Es treten jeweils zwei von 16 Spieler*innen gegeneinander an und bekommen eine Aufgabe, zu der sie dann einen Prompt schreiben. Diesen Prompt geben sie anschließend einer KI wie DALL-E, die aus Textvorgaben Bilder erzeugt. Am Ende entscheidet das Publikum, welches Bild das bessere ist.

„Das Format hat Fragen aufgeworfen, wie ‚Was ist ein besseres Bild?‘ oder ‚Was ist ein guter Prompt?‘“, so Schmieg. Eine eindeutige Antwort darauf haben er und sein Team nicht gefunden, zu unterschiedlich sind die Vorstellungen eines guten Bildes oder Prompts. Dafür ist das Interesse von Künstler*innen an dem Projekt umso größer. „Prompt Battle“ fanden bereits in ganz Europa statt. Mal treffen sich Gruppen von 15 bis 20 Menschen, Mal sind es über 1000, etwa im Rahmen des Congresses des Chaos Computer Clubs in Hamburg, dem größten bisherigen Event.
Du willst Blut? Bestelle Ketchup!
Die gestellten Aufgaben können richtig knifflig sein: Die Teilnehmenden sollten etwa Bilder erzeugen, die „nicht existieren“ – oder Darstellungen, die das Publikum verärgern. Dabei stießen die Spieler*innen auch manchmal an die Grenzen der KI. Wenn bestimmte Wörter auf der Plattform gesperrt sind, kann kein Bild dazu generiert werden. „Wenn du Blut willst, musst du zum Beispiel sagen, das sieht aus wie Ketchup“, erklärt Schmieg und lacht.
Nika kennt das „Prompt Battle“. Sie findet es toll, dass bei der Interaktion mit der KI Kreativität entsteht, aber gleichzeitig mache ihr genau das Angst. „Es zeigt halt, wie gut KI schon geworden ist. Die Leute tippen ein paar Wörter ein und bekommen Bilder, in die ich viel Arbeit investiert hätte“, sagt sie. Für sie, als Künstlerin, sei das frustrierend. Sie ist darauf angewiesen, dass menschengemachte Kunst weiterhin geschätzt wird.
Modelle abseits des westlichen Kontextes
Für den Unternehmer Peter Kabel, der auch viele Jahre als Professor für Interaction und Service Design an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg tätig war, ist das längst Teil eines grundlegenden Umbruchs in der Kreativbranche.
Am großen weißen Tisch sitzt Kabel vor seinem Laptop, das Interface seiner Plattform Cogniwerk.ai geöffnet. Zwischen Bücherstapeln und Ordnern lehnen an den Wänden farbige Bilder, darunter Illustrationen von Autos und Motive mit chinesischen Schriftzeichen.

Kabel vertreibt verschiedene generative AI-Modelle, darunter Stable Diffusion, Flux oder Nano Banana. Mit ihnen lassen sich aus Prompts individuelle Bilder erstellen. „In der Regel muss man als Designer eine bestimmte Szene gestalten, etwa wie Personen aussehen, welche Frisuren oder Accessoires sie tragen“, erklärt Kabel. „Die üblichen Anbieter wie Mid Journey liefern zwar schnell, interessante, aber kaum kontrollierbare Ergebnisse“, so Kabel weiter. Bei Cogniwerk.ai gehe es genau darum, den Nutzer*innen volle Kontrolle über Details zu ermöglichen. Dazu stelle die Plattform spezialisierte Modelle bereit, die Aussehen, Stil und Details präzise steuern.
Besondern wichtig ist Kabel dabei, Vielfalt in den Entwürfen zu erzeugen: „Die meisten Modelle kommen aus dem westlichen Kontext. Wenn wir da nicht vorsichtig sind, geraten wir in eine ästhetische Verengung“, sagt er.
Ängste von jungen Leuten wie Nika versteht Kabel gut. „Das ist nicht nur bei Studierenden so, sondern in der gesamten Kreativbranche“, sagt er. Viele hätten Vorbehalte und fürchteten etwa, die KI könne ihnen den Job wegnehmen. Die Gefahr sei durchaus gegeben: Wer sich nicht mit KI beschäftige, wird vielleicht keinen Job mehr haben, so Kabel. „Aber diejenigen, die sich damit auseinandersetzen, werden weiterhin arbeiten, nur anders als bisher“, sagt er.

Trotzdem hält Kabel es für wichtig, dass junge Kreative solche Kunstwerke, die ohne KI erstellt wurden, bewusst wahrnehmen. Er empfiehlt, jede Ausstellung zu besuchen, die sich finden lässt. „Schaut euch alles bewusst an, analysiert, was ihr seht“, sagt er. Jedes Werk könne als Repertoire dienen, aus dem später eigene Ideen entstehen. Die direkte Erfahrung realer Kunst sei nicht zu ersetzen.
Kreativität bleibe menschlich. „Eine Maschine wacht nicht auf und denkt, heute möchte ich ein schönes Bild machen. Sie wartet nur auf Befehle und führt sie aus. Freude, Intention, Bewusstsein, das hat die Maschine nicht“, sagt Kabel.
Auch Nika bleibt hoffnungsvoll. Für sie bleibt das eigene Arbeiten mit Farbe und Leinwand etwas Eigenständiges. „Das kann eine Maschine nicht ersetzen“, sagt sie.






