Bei einer Bewerbung für Olympia stehen Investitionen, wirtschaftliche Interessen und internationales Prestige im Vordergrund. Die Ausrichtung eines der größten Sportereignisse der Welt hat Vor- und Nachteile. 

Ein Plakat mit der Aufschrift „NOlympia“ hängt an einem Laternenpfosten am Altonaer Bahnhof. Daneben ein Plakat, das für eine mögliche Ausrichtung der Olympischen Spiele in Hamburg wirbt. Ein Schlagabtausch auf Pappe, der sich nicht nur durch Altona, sondern durch ganz Hamburg zieht. Eine Stadt ist geteilter Meinung – und das bei einem Thema, das Menschen eigentlich verbinden und zusammenbringen sollte.

Eigentlich ist der Grundgedanke von Olympia doch einfach: Mithilfe von Sport ein friedliches Miteinander schaffen – Freundschaft, Solidarität und Völkerverständigung. Aber schon lange geht es bei den Olympischen Spielen nicht mehr nur um den Sport.

Bis zur Schließung der Wahllokale am Sonntag, den 31. Mai entscheiden die Hamburger*innen über eine Teilnahme ihrer Stadt am innerdeutschen Bewerbungsverfahren. Am Ende steht die Frage: Bewirbt sich Hamburg für eines der letzten großen Sportevents, das sich noch nicht verkauft hat oder verkauft sich Hamburg gerade an Olympia? Erik Ahlhorn (pro) und Mara Mennekes (contra) haben sich der Frage gestellt.

Für die Stadt, für den Sport (pro) 

Als der ehemalige Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Willi Daume, am 28. Oktober 1965 dem Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel seine Idee mitteilte, die Olympischen Spiele 1972 in München auszutragen, stieß der Vorschlag sowohl in der Politik als auch in der Bevölkerung auf Ablehnung. München besäße zu wenige Sportstätten, dazu kämen enorme Belastungen der Stadt und ein extrem hoher finanzieller Aufwand.

Münchens Oberbürgermeister Vogel sah jedoch auch die Chancen, die eine Ausrichtung mit sich bringen würde: Eine zusätzliche Schubkraft für die Entwicklung der Stadt, den Bau einer neuen U-Bahn-Linie und die Bezuschussung vonseiten der BRD, um Investitionen in der Stadt zu ermöglichen. Das damals neu gebaute Münchner Olympiastadion wird noch heute multifunktional genutzt und siehe da: 54 Jahre nach erfolgreichen Olympischen Spielen in der bayrischen Landeshauptstadt bewirbt sich München mit fast denselben Sportstätten erneut.

Olympia kann Nachhaltigkeit

Das Beispiel München zeigt, dass Olympische Spiele für nachhaltig nutzbare Sportstätten, sinnvolle Investitionen und eine beschleunigte Stadtentwicklung stehen. Inzwischen hat sich die Nutzung der Sportstätten sogar weiter modernisiert. Am Beispiel von Paris 2024 erkennt man, dass bereits bestehende Sportstätten genutzt werden können. So auch der Plan in Hamburg: Laut Konzept bestehen 76 Prozent der Sportstätten bereits, 24 Prozent würden temporär genutzt. Neu gebaut werden würde eine Multifunktionsarena mit dauerhafter Nachnutzung. Auch bei der Mobilität setzt Hamburg auf die Umsetzung von Projekten, die ohnehin schon geplant sind. Dank der finanziellen Bezuschussung vom Bund können Infrastrukturmaßnahmen wie beispielsweise der Bau der U5 oder der Ausbau des Hauptbahnhofes schneller und zuverlässiger umgesetzt werden. Den finanziellen Booster hat die Stadt Hamburg aufgrund von aktuell großen Herausforderungen im ÖPNV und Infrastruktur dringend nötig.

Nicht nur kulturell, sondern auch finanziell ist Olympia ein Gewinn. Dem Organisationskomitee der Olympischen Spiele in London bescherte die Ausrichtung einen Gewinn von 30 Millionen Pfund, in Paris waren es 26,8 Millionen Euro. In Hamburg stehen prognostizierte Einnahmen von 4,9 Milliarden Euro dem Durchführungsbudget von 4,8 Milliarden Euro gegenüber. Die Differenz von 100 Millionen Euro soll nach der Ausrichtung in den Hamburger Breitensport investiert werden.

Spiele für den Sport und die Welt

Bereits heute ist Hamburg in Deutschland das Nonplusultra hinsichtlich der Investitionen in den Sport: Eine Milliarde Euro werden zwischen 2020 und 2030 in die hamburgische Sportinfrastruktur investiert – keine deutsche Stadt investiert mehr Geld. Mit einer Ausrichtung der Spiele tragen diese Investitionen Früchte und die Hansestadt wird zu einer Sportmetropole, in der Sport in Vereinen gelebt wird und kommende Generationen mit einem breiten Sportangebot aufwachsen. In eine bereits weltoffene Stadt würde ein Tourismus einziehen, der die Wirtschaft stärkt und Zusammenhalt, kulturellen Austausch sowie Sportbegeisterung mit sich bringt.

Seit den Olympischen Spielen 1972 in München hat sich die Veranstaltung sowohl auf sportlicher Ebene als auch in der generellen Ausrichtung weiterentwickelt. Mehr denn je geht es bei internationalen Sportveranstaltungen um Geld, Prestige und politische Interessen. Doch eins haben die Vergangenheit und Gegenwart gemeinsam: Olympia fördert die Stadtentwicklung, Internationalität und Sportförderung. Hamburg hat die Chance, zu zeigen, dass die Stadt neben Beachvolleyball auf dem Heiligengeistfeld, Fechtkämpfen in den Messehallen und der Eröffnungsfeier auf der Binnenalster sowohl ein Olympia für die Bürger*innen Hamburgs ausrichten als auch wichtige und dringend nötige Zukunftsprojekte umsetzen kann. Sollte sich Hamburg in der Bewerbung um die Olympischen Spiele 2040 oder 2044 gegen die Mitkandidaten durch, positioniert sich die Stadt dort, wo sie hingehört: Auf die Weltkarte des Sports.

Wohl eher doch kein Olympia-Gold für Hamburg? (contra)

Olympia in Hamburg. Was erstmal nach einer aufregenden Idee klingt, scheint bei genauerem Hinsehen eher aufreibend für Mensch und Umwelt. Aber auch wirtschaftlich könnten die Spiele nicht so golden sein, wie sie von weitem glänzen. Die Frage nach dem Gewinn der meisten Goldmedaillen ist nicht die einzige, die im Planungswahnsinn zwischen Bogenschießen auf der Binnenalster und Hyper-Loop-Verbindung nach Kiel offen bleibt.

Spiele für alle außer Hamburger*innen

Rund 1,3 Milliarden Euro würden direkt aus dem Hamburger Haushalt in die Organisation und Durchführung der Spiele fließen. Immer wieder hört man das Argument, dass die Investitionen nachhaltig sind. Doch wären Investitionen in den Breitensport und Sportangebote für Kinder nicht auch möglich, wenn die Stadt sowieso diese Menge an Geld locker macht? Befragungen, die in Städten durchgeführt wurden, in denen die Olympischen Spiele bereits stattgefunden haben, zeigen, dass die Nachhaltigkeit für genau diese Felder zu wünschen übrig lässt. So wird deutlich, dass nach den Olympischen Spielen in Peking 2008 und London 2012, die Verfügbarkeit von Sportstätten sowie das Zuschauen bei Sportereignissen ein wenig treibender Faktor für die Verbesserung des Sportverhaltens der Bewohner*innen der austragenden Städte ist. In Paris wurde die Unterstützung des Breitensports außerdem nach den Spielen abgebaut. Die Ausgaben zeigen, dass in den Jahren 2024, 2025 und 2026 immer weniger Geld als im Vorjahr investiert wurde.

Hamburg möchte „Spiele für alle“ ausrichten – von einem „inklusiven und barrierefreien Stadtfest“ ist die Rede. Paris 2024 zeigt, dass der Eintritt bei Olympischen Wettbewerben eine ziemlich hohe Barriere hat – oder besser gesagt – eine teure. Das Ticket für die Eröffnungsfeier lag im Durchschnitt bei 1333 Euro. Auch Hamburg hofft den größten Teil der Einnahmen durch den Verkauf von Tickets zu generieren. Ist dies möglich, wenn Tickets deutlich weniger kosten als beim französischen Vorgänger? Vermutlich eher nicht.

Olympic Lanes oder Olympic Fails?

Doch die Belastung für die Stadt ist nicht nur finanzieller Natur, denn auch Verkehr und Umwelt werden unter Olympia leiden. Die Stadt baut fleißig neue U-Bahnstrecken, plant mit innovativen E-Shuttles und bewirbt die Spiele vor allem mit kurzen Wegen und guten Radstrecken. Aber wie soll der öffentliche Transport reibungslos funktionieren, wenn die HVV-App die geänderte Bus-Routen heute nicht mal richtig anzeigt und das Radfahren in Hamburg eher einem Slalom zwischen Baustellen und randomisiert abgestellten E-Scootern gleicht.

„Olympic Lanes“ sind zwar eine schöne Idee um Akkreditierte und Mitmachende möglichst schnell von A nach B zu bringen, doch ihr Verlauf über die eh schon sehr vollen Hauptverkehrsadern der Stadt kann zu langen Verzögerungen führen. So landete Hamburg im Jahr 2025 sowieso schon auf Platz Eins der staureichsten Bundesländer – Tendenz steigend.

Und eine wichtige Sache wurde scheinbar vergessen: Das normale Leben geht weiter. Für einen Großteil der Menschen ist eine Flucht vor dem Olympia-Trubel einfach nicht möglich: Jobs, Familie, Verpflichtungen und Arbeitsweg der auf einmal 45 statt 15 Minuten dauert?

Aus Umweltsicht ist die Olympia-Ampel wohl eher rot. Sind die Klimaziele denn überhaupt noch einzuhalten, wenn das Olympische Zuschauer*innen-Bollwerk über Hamburg herein bricht? Die Co2 Zahlen aus Paris geben einen guten Einblick. Rund 1,3 Millionen Tonnen CO2 hat allein die Anreise von Zuschauer*innen und Akkreditierten erzeugt. Und hatte sich Hamburg nicht gerade erst das Ziel gesetzt bis 2040 klimaneutral zu sein? Ach stimmt, da war ja der Volksentscheid im Oktober 2025 bei dem dafür gestimmt wurde. Irgendwie ist es schon beinahe ironisch, dass das Jahr in dem die Stadt ihr selbstgestecktes und lange verfolgtes Klimaziel erreichen will, auch das Jahr ist, in dem es dieses Ziel mit einem 30-tägigen Sportereignis direkt wieder einreißen kann.

Illustration: Patricia Schnoor

Wer Leif Erik Ahlhorn, 2001 geboren, beim Kneipenquiz gegenübersteht, sollte das Weite suchen. Der Oldenburger darf sich stolz „NDR Quizshow Sieger” nennen. Dass Enchiladas immaterielles Weltkulturerbe sind, lernte Erik bereits bei seinen Auslandssemestern in Mexiko. In Münster hat er seinen Bachelor in Deutsch-Lateinamerikanische Studien erfolgreich absolviert. Weniger aussichtsreich klingen die Chancen seines Uniliga-Fußballteams: „RSC Anders Schlecht". Gut, dass Erik ohnehin Radfahren bevorzugt. Sportjournalismus ist allerdings nichts für ihn. Lieber möchte er als Auslandskorrespondent arbeiten. Letztlich gilt im Job, auf dem Rad und im Quiz: Erik verfolgt große Ziele.
Kürzel: lea

Wer wissen will, wo es den besten Kuchen Hamburgs gibt, fragt am besten Mara Mennekes, geboren 2001 in Moers: Ein Jahr lang war sie als Social-Media-Redakteurin für das Stadtmagazin „Mit Vergnügen“ in der Gastroszene unterwegs. Ihren Bachelor in Modejournalismus machte sie in Düsseldorf, parallel gab sie geflüchteten Kindern Deutschunterricht. Mara fotografiert professionell, derzeit vor allem die „Rabauken“ vom Kids Club des FC St. Pauli, wo sie zuvor ein Social-Media-Praktikum gemacht hat. Mit den „Rabauken“ verbindet sie noch etwas anderes: Mara ist schon seit ihrer Kindheit St.-Pauli-Fan. Jetzt ist sie mit ihrer Kamera bei jedem Heimspiel dabei. Kürzel: mim

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