An der Hochschule für Angewandte Wissenschaften veranstaltet der Verein Neues Fliegen alle zwei Jahre einen Modellflugzeug-Wettbewerb. Studierende lernen dabei für die Praxis im Flugzeugbau.
Der Raum sieht aus wie ein Wimmelbild aus Flugzeugteilen. Flügel, Schnauzen und bauchige Flugzeugkörper stecken in jeder Nische und Ecke. Die Werkstatt des Vereins Neues Fliegen e.V. am Campus Berliner Tor liegt etwas unscheinbar im Tiefgeschoss. Hier planen, basteln und bauen laut Website des Vereins mehr als 30 Studierende. Sie kommen aus dem Department Fahrzeugtechnik und Flugzeugbau der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Bei ihrem Teammeeting am 11. Mai sind zwar nur 15 vertreten, aber trotzdem gibt es viel zu besprechen.

Vorstandsvorsitzender Kenneth Grosse, der seinen Master im Flugzeugbau an der HAW macht, leitet das Meeting auf Englisch. An die Leinwand wirft er Entwürfe vom neuesten Flugzeug, bespricht mit dem Team die Spannweite, Traglast und den Motor ihres Modells. Für die New Flying Competition (NFC) im nächsten Jahr wurde die Aufgabe im Juni veröffentlicht. Der Wettbewerb findet alle zwei Jahre statt, der Verein Neues Fliegen entwickelt dafür zusammen mit Vertreter*innen aus Forschung und Industrie – etwa dem deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und Airbus – immer eine neue Aufgabenstellung und legt die Regeln fest. An dem Wettbewerb selbst nimmt der Verein nicht teil. Aber die Studierenden bauen ein Modellflugzeug, das die Aufgaben vor allen anderen Teams erfüllt, um einen Referenziert zu liefern. Die Teams stammten in den vergangenen Jahren unter anderem aus Australien, Mexiko und China.
Von Neues Fliegen zu New Flying
Die NFC ist seit zehn Jahren Teil der Vereinsarbeit. Detlef Schulze, Professor für Aerodynamik und Computational Fluid Dynamics an der HAW, hat den Wettbewerb gestartet, nachdem er die Leitung des Vereins Neues Fliegen übernahm. Er beschäftigte sich damit, wie Modellflugzeuge die Entwicklung der zivilen Luftfahrt beeinflussten. „Die Idee war diesen Einfluss aufzugreifen, und daraus einen Wettbewerb zu kreieren“, sagt er. „Als Ingenieur hat man den Anspruch, coole Lösungen zu finden”, erklärt Vorstandsvorsitzender Grosse. Genau das soll in Verein und Wettbewerb gefördert werden: Eigene Lösungen für die Aufgabenstellung zu finden.

Auch Böttger von Airbus sagt: „Letzten Endes ist es genau das, was wir bei Airbus auch machen, aber in klein.“ Ein Projekt vom Entwurf bis zum fertigen Flieger zu begleiten, bereite auch auf die spätere Arbeit vor. Davon würde auch Airbus profitieren, da durch den Wettbewerb der Nachwuchs gefördert werde.
20 Kilometer Fliegen
Dieses Jahr läuft der Wettbewerb unter dem Motto „Humanitarian Aid Mission”, die Aufgabenstellung ist einer Rettungsmission nachempfunden. Die Teams müssen vier Kilogramm Fracht in ihren Fliegern verstauen und damit 20 Kilometer weit fliegen. Die Modellflugzeuge können um die vier Meter Spannweite haben und wiegen selbst circa zehn Kilogramm. Nach dieser ersten Flugstrecke muss das Flugzeug auf einer möglichst kleinen Landestrecke landen und die Fracht schnell entladen werden. Abschließend fliegt das Flugzeug wieder los und zwar so lange, wie es das sicher schafft.
„Rettungsmissionen sind gerade sehr aktuell“, sagt Ole Böttger von Airbus. Er leitet das Team Flugzeug-Vorentwurf im Bereich Zukunftsprojekte bei Airbus Verkehrsflugzeuge und war bei den diesjährigen Workshops dabei. Für Airbus seien die Themen Sicherheit und Effizienz wichtig gewesen, sagt er. „Die Effizienz messen wir zum Beispiel daran, wie weit so ein Flugzeug auch ohne Motor fliegen könnte“, sagt Böttger. Aktualität ist bei der Wettbewerbsaufgabe ebenfalls wichtig. Auch das DLR befürwortete eine Aufgabe in Richtung Humanitarian Aid, meint Vorstandsvorsitzender Grosse. Die Studierenden lernen an ihren Modellen, selbst wenn die mal kaputtgehen.
Scheitern verbindet
Im letzten Jahr gab es bei Testflügen am Tag vor dem Wettbewerb einige Abstürze und Teile der Flugzeuge wurden beschädigt. Chris Lucas Siewert, der Kassenwart des Vereins, erinnert sich daran, dass die Teams sich nachts unter Flutlicht gegenseitig dabei geholfen haben, ihre Flieger wieder zu reparieren. „Die gesamte Nacht, bis morgens früh der Bus kam, haben die hier in der Gasse verbracht”, sagt Siewert. Der Tag danach verlief dementsprechend ermattet: „Die Hälfte hat in den Pausen auf dem Rasen am Flugfeld gepennt.”

Auch neben dem Wettbewerb verbringen die Teams viel Zeit miteinander, mit den internationalen Gästen wird nicht nur zusammen gebaut, sondern auch gefeiert. 2025 wurde Fußball gespielt, die Mexikaner haben für Musik und Stimmung gesorgt, die Australier zum Abschied die Akkus ihrer Flugzeuge dagelassen, berichtet Siewert. In der Werkstatt hängt eine große Hamburg Flagge, darauf unzählige Unterschriften. Siewert sagt: „Alle Teams durften da einmal draufmalen.“ Die Gemeinschaft miteinander ist das, woran sich die Studierenden am liebsten erinnern.
„Sunday, we’ll go flying!“
„Das ist ja tatsächlich nicht nur Spaß, was wir hier machen, sondern da kann man ganz schön viel lernen“, sagt Grosse. Als Vorstandsvorsitzender ist es seine Aufgabe, die Mitglieder zu motivieren, was er auch im Teammeeting macht. Grosse erkundigt sich nach Aufgaben, verteilt Deadlines und begrüßt neue Mitglieder. Auch Schulze hält fest: „Ohne Engagement geht es nicht.“
Das Team baut in unterschiedlichen Gruppen an seinem Flugzeug, die Teilnehmenden schreiben Code, entwickeln Pläne und erstellen die Flügel. Damit kommen sie dem Wettbewerb im Sommer 2027 einen weiteren Schritt näher. Das Teammeeting im Keller der HAW geht zu Ende, als letztes checkt Grosse noch in die Wetter-App: Sonntag soll es sonnig werden. Er dreht sich zurück in die Runde: „Sunday, we’ll go flying!“.
Mia Wietkamp, Jahrgang 2001, hat gerne einen Plan. Dass sie nach dem Abitur nach Kanada wollte, war zum Beispiel geplant, dass sie dort ohne Vorerfahrung Kindern das Bogenschießen beibringen sollte, aber nicht. Zum Glück konnten das manche der Kinder ohnehin besser als sie. Mia hat es schon mit Lehramt, Schauspielerei und Theologie probiert, ihren Bachelor machte sie schließlich in Medien- und Kommunikationswissenschaft. Beim Campusradio in Bonn entdeckte Mia ihre Leidenschaft für den Journalismus - am meisten aber fürs Moderieren, gelegentlich auch mal vor 7000 Leuten. Wenn sie nicht gerade in einen Roman über
Hexen vertieft ist, findet man Mia am Sonntag in der Kirche.
Kürzel: mia







