Pendler? FINK.HAMBURG hat sich in Bahnen und Bussen umgeschaut. Wach, erschöpft, fleißig oder gesprächig - welcher Typ sind Sie?
Illustration: Agata Strausa

Welche Art Pendler sind Sie? Wach, erschöpft, fleißig oder gesprächig? FINK.HAMBURG hat sich in Zügen und Bussen umgeschaut – und dabei in freier Wildbahn fünf Typen ausgemacht. Einer kann sich sogar unsichtbar machen.

Die wohl wachsten aller Pendler sind die Kinder. Sie haben im Gegensatz zu den übrigen Reisenden auch die beste Laune. Meist treten sie in großen Gruppen auf und plappern, lachen und schreien, so lebhaft es nur geht. Ob das anderen Fahrgästen passt, ist ihnen erfrischend egal. Mit ihren übergroßen, bunten Rucksäcken laufen sie munter drauflos und schwärmen aus, um sich auf Busse oder Züge zu verteilen. Zwar freuen sie sich fast immer über irgendetwas, das den Erwachsenen schleierhaft ist. Aber auch Kinder sind manchmal gestresst: Zum Beispiel dann, wenn sie einen Bus entern und im Schwarm versuchen Sitzplätze zu ergattern. Wer dabei im Weg steht, wird überrannt, wenn er nicht schnell genug in Deckung geht.

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Illustration: Agata Strausa

Nicht ganz so munter geht es bei der Gruppe der Sozialen zu. Ihr Biotop sind die Viererplätze im Zug, die sie zu zweit oder zu dritt belegen. Dort gehen sie ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Gespräche führen, die immer von den gleichen Themen handeln. Sie reden gerne übers Wochenende, ihre Urlaubspläne – oder das Pendeln selbst. Sie sprechen in eigenen Codes und sagen Sätze wie: „Der 7:32er von West hatte gestern wieder vier Minuten Verspätung, dann war die 5012 schon weg und ich musste bis zur 173 rennen.“ Fast jede Fahrt beginnt allerdings mit einer Analyse der aktuellen Wetterlage. Es ist immer entweder zu heiß, zu kalt, zu nass oder zu windig. Zu den anderen Mitreisenden haben die Sozialen ansonsten wenig Kontakt. Sie sorgen mit ihren Gesprächen aber zumindest dafür, dass die restlichen Pendler immer sehr gut über sie informiert sind. Ob sie wollen oder nicht.

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Illustration: Agata Strausa

„Arbeit ist das halbe Leben“, sagt nicht nur ein gemeines Sprichwort, sondern auch die Pendlergruppe der Fleißigen. Es interessiert sie nicht, dass die ernste Hälfte des Lebens für die anderen Mitreisenden erst später am Tag anfängt. Der Kragen ist gestärkt, der Stift gespitzt, der Akku aufgeladen: Schon kurz nach Fahrtantritt wird alles eingerichtet, um im mobilen Büro sofort loswerkeln zu können. Die Augen sind noch ganz klein, aber konzentriert auf Papier oder Bildschirm gerichtet. Für Unterhaltungen über das Wetter bleibt da natürlich keine Zeit. Das Credo der Fleißigen lautet: Nichts ist wichtiger als das aktuelle Projekt.

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Illustration: Agata Strausa

Die Isolierten bekommen von alledem nichts mit, um sie herum könnte die Welt untergehen. Sie sind entweder in ihr Buch vertieft oder in das, was aus ihren Kopfhörern kommt. Der triste Pendlerweg wird durch Geschichten ersetzt, die ratternden Räder und quietschenden Schienen vom eigens gewählten Soundtrack übertönt. Mit diesem Schutzschild schaffen es die Isolierten, auch in stressigen Situationen in ihrer eigenen Welt zu bleiben. Verspätungen? Zugausfall? Weichenstörung? Bus kaputt? Den Isolierten ist das scheinbar egal. Sie lassen die Landschaft an sich vorbeiziehen, bis sie ihr Ziel erreicht haben und das normale Leben beginnt. Im Gegensatz zu den Sozialen sind die Isolierten glücklich, wenn man sie in Ruhe lässt. Dialoge finden nur im Notfall statt.

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Illustration: Agata Strausa

Fast magische Eigenschaften entwickelt die schläfrigste Gruppe aller Pendler: die Phantome. Sie vegetieren in einem Dämmerzustand dahin. Eigentlich ist es schon ein Rätsel, wie sie es überhaupt in die Bahn geschafft haben. Wenn ihnen das aber gelungen ist, weckt sie so schnell nichts auf. Ihre müden Körper sinken notgedrungen auf allem zusammen, was nicht besetzt und halbwegs gepolstert ist. Während der Fahrzeit tun sie das einzige, das ihnen in diesem Moment möglich ist: existieren. Nur in seltenen Fällen bemerken andere Fahrgäste die Phantome – außer, wenn plötzlich ein fremder Kopf auf ihrer Schulter liegt.

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Illustration: Agata Strausa
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Martin Tege, Jahrgang 1990, ist leidenschaftlicher Musiker. Während seines Studiums der Kulturwissenschaften an der Uni Lüneburg entdeckte er seine Begeisterung für den Journalismus. Nach diversen Praktika wurde der gebürtige Mecklenburger freier Journalist beim Magazin „Rolling Stone“, für das er neben News auch Konzert- und Plattenrezensionen schreibt. Wenn er nicht gerade als Gitarrist mit seiner Bigband auf Tour ist, interessiert er sich aber auch für Geschichten aus Wissenschaft, Politik und Technik – und für soziale Themen. Fußball dagegen ist ihm „mehr als egal“.