Stefanie Sargnagel, Shitstorm, Interview
Stefanie Sargnagels Facebook-Posts erscheinen in Büchern - und lösen online oft heftige Reaktionen aus. Foto: Alexander Goll

Wir haben die Wiener Pop-Autorin Stefanie Sargnagel bei ihrer Lesung im Uebel & Gefährlich getroffen. Ein Gespräch über Facebook, Sexismus – und darüber, wann Shitstorms etwas Gutes bewegen können.

FINK.HAMBURG: Stefanie, Du postest deine Texte auf Facebook und hast dabei schon viel Hatespeech abbekommen. Könntest du dir vorstellen, die Plattform zu wechseln?

Stefanie Sargnagel schreibt schonungslose Social-Media-Posts mit Beobachtungen aus dem Alltag, die zwischen tiefer Tragik und großer Komik liegen.

Sargnagels Posts lösen oft heftige Reaktionen aus: Kurz vor der österreichischen Bundestagswahl 2016 witzelte sie über Norbert Hofer, den Kandidaten der rechtspopulistischen FPÖ. Es hagelte Drohungen und Beschimpfungen von Partei-Sympathisanten und Rechten.

Stefanie Sargnagel: Facebook hat natürlich überhaupt keine Regulierung, das ist blöd. Ich verstehe schon, warum politische Leute einfach mehr auf Twitter kommunizieren. Weil du auf Facebook irrsinnig leicht gesperrt wirst, ohne dass das irgendwie überprüft wird. Das ist für mich schon sehr nervig. Ich finde Facebook auch nicht gut. Ich benutze es einfach, weil es wirklich das Simpelste ist. Wenn ich eine andere Plattform nutzen würde, wäre der Unterschied wahrscheinlich nicht so groß.

Du hast ja schon ein paar große Shitstorms erlebt. Wie fühlt es sich an, wenn die Diskussion um dich als Person so groß wird?

Ich fühle mich nicht persönlich angegriffen von diesen Menschen, weil die mich ja gar nicht kennen. Als ich noch nicht in der Öffentlichkeit stand, habe ich auch teilweise arge Sachen über öffentliche Personen geschrieben, weil ich nie angenommen hätte, dass sie das irgendwie erreicht. Aber es ist trotzdem grauselig und mühsam und man denkt sich: Warum machen das Leute in ihrer Freizeit? Das ist ja oft auch frauenverachtend.

Hast du schon mal User oder Trolle verklagt?

Nein, aber auch tatsächlich nicht, weil ich das extrem mühsam finde. Und die Leute, die man da angreifen könnte, sind die, die ein echtes Profil haben und etwas strafrechtlich Relevantes schreiben. Die sind dann aber meistens die, die einfach wirklich dumm sind und wirklich nicht checken, wie das Internet funktioniert und was man kommunizieren darf. Die „Krone“ und die FPÖ, die das ganz gezielt veranlassen, die schauen auch immer, dass sie gerade so die Grenzen erwischen, wo es noch nicht strafrechtlich relevant ist. Und das wären die, die ich eigentlich lieber verklagen würde. Da habe ich mich gerade bei einem Shitstorm informiert. Das würde mich wahnsinnig viel Zeit und Geld kosten.

Da ging es um den Text über die Marokko-Reise?

Das österreichische Boulevard-Blatt „Neue Kronen Zeitung“ machte Sargnagel im März dieses Jahres zum Ziel eines Hetzartikels, der sie als Tierquälerin bei einer Lesereise in Marokko darstellte. Die Zeitung empörte sich über Sargnagel, weil im Text der Wiener Autorin eine Babykatze getreten wird – das Stück war allerdings eine Satire.

Mit ihrer eigenwilligen Literatur hat Stefanie Sargnagel 2016 die Auszeichnung des Publikums beim Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Darauf folgte ein Stipendium als Stadtschreiberin in Klagenfurt.

Genau. Da wurde ich als Tierquälerin dargestellt. Das wurde gezielt gemacht, weil sie genau wussten, das wird die Leute am meisten aufregen. Deswegen habe ich auch die meisten Gewaltdrohungen bekommen. Und die ärgern mich dann mehr: Diese Leute, die da in ihrem Social-Media-Büro zusammensitzen und sich überlegen, wie sie mich als Einzelperson möglichst fertig machen. Da wurde auch die Adresse meiner Stadtschreiber-Wohnung in Klagenfurt veröffentlicht. Man weiß zwar, wo die Stadtschreiberin wohnt, aber da wurde extra drauf hingewiesen. Und ich habe dann auch tatsächlich Post von Rechtsradikalen bekommen. Das sind einfach gezielte Einschüchterungen gegen Einzelpersonen.

Apropos Rechtsradikale: Sind rechte politische Tendenzen in Österreich eigentlich gefährlicher als in Deutschland?

In Österreich sind sie schon normalisiert. Die FPÖ und ihre Nazi-Vergangenheit oder -Gegenwart ist schon so normal, das schockiert offenbar niemanden mehr. Eine AfD löst noch eine Schockwelle in Deutschland aus, und in Österreich findet man es schon irgendwie normal. Es scheint niemanden zu schockieren, dass der Strache ein Neonazi ist.

Wenn du selbst Netz-Debatten verfolgst: Was denkst du über Diskussionen wie die unter dem Hashtag #metoo, die durch sexuelle Belästigungen des Filmproduzenten Harvey Weinstein ausgelöst wurde?

Ich schreibe ja manchmal, dass ich Shitstorms mag. Da meine ich nicht Shitstorms gegen mich. Vorher hatte ich nicht das Gefühl, es wäre so einfach, eine Gegenmacht zu entwickeln. Das ist etwas Gutes am Internet, dass sich Leute so vernetzen und andere öffentlich diffamieren können. Das war halt vorher nicht so einfach. Dass sich Leute so äußern hat eine wahrnehmbare Macht. Diese Shitstorms finde ich gut. Und solche Typen trauen sich dann nicht mehr so leicht, solche Dinge wieder zu tun.

„Ich schreibe ja manchmal, dass ich Shitstorms mag“

Haben solche Diskussionen denn Bestand? Online-Themen sind ja manchmal schnell vom Tisch.

Ich glaube schon, dass es als reelle Kraft weiterhin bleibt. Dass solche Typen sich das nicht mehr so einfach trauen und dass sie nicht mehr glauben, sie können halt machen, was sie wollen und alle schweigen darüber. Dieser Vibe bleibt schon erhalten. Es ist ja auch so: Man empfindet plötzlich Feministinnen als urdominant und das sind sie ja in Wirklichkeit nicht. Es ist aber nicht so, dass in jeder Regierung lauter Feministinnen sitzen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Stefanie Sargnagel liest am 15.11. in der Roten Flora aus ihrem Buch „Statusmeldungen“.