Aktivist mit Mahnwachen-Plakat.
Aktivist mit Mahnwachen-Plakat. Foto: Mats Mumme

In Barmbek gibt es Moscheen, asiatische Restaurants, türkische Supermärkte – und seit Neuestem einen Laden, der Kleidung der bei Rechtsradikalen beliebten Marke Thor Steinar verkauft. Ein Besuch vor Ort.

Es ist kurz vor fünf Uhr am Nachmittag unter der Woche, und außer ein paar Fußgängern und Fahrradfahrern ist es ruhig auf der „Fuhle“. Unscheinbar liegt der Laden mit dem Namen Nordic Company in der Fuhlsbüttler Straße 257. Gegenüber eine Moschee, nebenan eine Nachtbar und ganz in der Nähe ein asiatisches Restaurant.

Der Laden wird während der Öffnungszeiten stets von mindestens drei Polizeiwagen bewacht. Die Schaufenster sind mit blickdichter Folie beklebt, deren maritime Gestaltung mit Segelschiffen und Steuerrädern auf den ersten Blick einen Yachtausrüster vermuten lässt. Doch hier treffen sich keine Segelfreunde, um sich für den nächsten Segeltörn mit Funktionsbekleidung einzudecken. Nordic Company verkauft Kleidung, die bei Rechtsradikalen beliebt ist. T-Shirts, Hemden, Hoodies von Thor Steinar.

„Komm’se rein, könn’se rausgucken“

Zunächst gelangt man durch eine blickdichte Tür in einen kleinen Vorraum. Die zweite Tür ist durchsichtig, aber verschlossen. Ein breit gebauter, dunkelhaariger Sicherheitsmann eines privaten Sicherheitsdienstes stellt sich direkt hinter die Scheibe. Er winkt die Verkäuferin zu sich, sonst ist niemand im Laden. Sie kommt, das Telefon zwischen Kopf und Schulter eingeklemmt, telefonierend zur Tür und schließt mit einem klimpernden Schlüssel auf: „Komm’se rein, könn’se rausgucken.“ Rausgucken kann man wegen der zugeklebten Scheiben aber gar nicht.

Die Verkäuferin legt, nachdem sie ihr Telefonat beendet hat, unter der grellen Ladenbeleuchtung neue Ware zusammen. Der beißende, chemische Geruch, der in der Luft liegt, scheint sie dabei genauso wenig zu stören, wie die Leute, die vor dem Geschäft demonstrieren: „Das sind friedliche Leute, was sollen wir da machen. Jeder kann seine Meinung haben. Außerdem sind wir das ja schon von den anderen Läden gewohnt“, sagt sie. Ihr Schmuck klappert beim Zusammenlegen der Kleidung gegen den Verkaufstresen. Sie wirkt freundlich und entspannt.

Thor Steinar gilt als Kennzeichen für die rechte Szene

Auf manchen T-Shirts im Laden steht „Walhalla“, auf manchen „Save the white continent“ oder „Stadionverbot – na und?“. Auf den ersten Blick sind die Kleidungsstücke aber nicht als Mode für Rechtsradikale zu erkennen, oft verrät nur der Markenname oder das Logo, was die Käufer damit vermutlich ausdrücken wollen.

Im Deutschen Bundestag, im Landtag Mecklenburg-Vorpommern und im Landtag von Sachsen ist das Tragen der Kleidung von Thor Steinar verboten. Auch in vielen Fußballstadien und an einigen Universitäten.

Bundesweit gab es bereits mehrere Klagen gegen Thor-Steinar-Läden. Die Gerichte urteilten unterschiedlich. Im Dezember 2016 musste ein Geschäft in Norderstedt nach nur zwei Stunden wieder schließen. Als Grund wurden damals „baurechtliche Gründe“ angegeben. Thor Steinar klagte auf der Facebook-Seite des Unternehmens über „behördliche Willkür“. Auch in Glinde wurde ein Laden nach fünf Jahren wieder geschlossen.

Nordic Company: Die Schaufenster sind mit blickdichter Folie beklebt.
Nordic Company: Die Schaufenster sind mit blickdichter Folie beklebt. Foto: Mats Mumme

Eröffnet ein neues Thor-Steinar-Geschäft, gibt es häufig Demonstrationen. Auch in Barmbek werden regelmäßig Mahnwachen abgehalten, seitdem der Laden am 3. März eröffnet hat. Es erscheinen meist um die zwanzig Menschen. „Je nach Wetterlage. Mal mehr mal weniger. Aber es bleibt immer ruhig“, sagt einer der Polizisten, die vor dem Laden stehen.

„Wir wollen den Naziladen hier nicht haben. Er soll weg.“, sagt Fred. Fred gehört zur Initiative gegen Rechts und zu den wenigen Aktiven, die um 17 Uhr zu der wöchentlichen Mahnwache erscheinen. Die Atmosphäre ist friedlich. Die Demonstranten hören laut Musik, unterhalten sich und verteilen Flugblätter. Die meisten kommen aus der näheren Umgebung. Fred ist Mitte 50 und damit eher einer der älteren Aktivisten, seinen Nachnamen will er lieber nicht sagen. „Ich war von Anfang an mit dabei. Heute vertrete ich sogar die Organisatoren, weil sie leider keine Zeit haben“, sagt er.

Wer die Organisatoren genau sind, kann er allerdings nicht sagen. „Ich komme von der Initiative gegen Rechts. Dann sind hier aber auch Menschen von den Jusos oder der Antifa. Wir wollen uns aber bald mal alle zusammentun und organisieren.“

„Gemeinsam gegen den Nazi-Laden“

Momme Dähne von den Jusos würde sich wünschen, „dass wir etwas Übergreifendes schaffen“. Er denkt an einen Zusammenschluss von Kirchen, Initiativen, Parteien und Nachbarn. „Ich denke wir organisieren das demnächst gemeinsam und kümmern uns um eine weitere Großdemo zusätzlich zu den Mahnwachen. Auch wenn ich verstehen kann, dass eine Einmischung von Parteien bei solchen Aktionen natürlich schwierig sein kann“, sagt auch Dähne.

Wie genau die Gegner des Ladens weiter vorgehen wollen, bleibt unklar. Angeblich läuft eine neue Klage, Nordic Company wird darin vorgeworfen, mit Überwachungskameras unerlaubt einen Teil des Bürgersteigs und den Hauseingang benachbarter Wohnungen zu beobachten.

Völlig unklar ist aber auch, ob der Laden überhaupt läuft. Zumindest während der Mahnwachen lässt sich kaum ein Kunde blicken. Die Haltung der übrigen Ladenbesitzer in der Gegend wird dagegen sehr deutlich: Fast alle haben ein „Barmbek sagt Nein“-Plakat im Schaufenster hängen.

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Mats Bror Mumme, Jahrgang 1992, hat einen interessanten zweiten Vornamen. Er bedeutet „Bruder“ auf Schwedisch. Geschwister hat er wirklich, seine Familie lebt bis heute in Wedel. Wenn er nicht mit dem Snowboard norwegische Berge herunterfährt, engagiert Mats sich bei einem Verein für medienpädagogische Praxis für konstruktive Mediennutzung. Er studierte Bibliotheks- und Informationsmanagement - doch dank TIDE TV verlor er sein Herz währenddessen ans bewegte Bild.
Talika Öztürk, Jahrgang 1995, hasst nichts mehr als Käse, außer Rassismus - und der ist ja auch Käse. Snapchat steht bei der Berlinerin irgendwo kurz vor gutem Essen und Trinken. Sie liebt (viele!) Sneaker, gute Laune und Lakritz. Den Bachelor in Publizistik und Politik im Gepäck, sammelte Talika berufliche Erfahrung in einer Werbeagentur und im Theater. Ansonsten setzt die Älteste von drei Schwestern ihre journalistischen Schwerpunkte in den Bereichen Kultur und Politik. Die ersten vier Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Istanbul, aber ihr Türkisch ist etwas eingerostet.