Henning Wehlandvon den Söhne Mannheims. Foto: Talika Oeztuerk
Henning Wehland von den Söhne Mannheims. Foto: Talika Oeztuerk

Henning Wehland ist seit 2007 Mitglied der Söhne Mannheims. Mit FINK.HAMBURG sprach er über sein erstes Soloalbum, die neue Platte der Mannheimer Band – und den Streit über den Song „Marionetten“. 

FINK.HAMBURG: Du hast im Januar dein erstes eigenes Album herausgebracht. Wie war es für dich, ganz allein im Studio zu sein?
Henning Wehland:
Das ist tatsächlich eine außergewöhnliche Situation, jetzt mit 45 Jahren das erste Soloalbum zu veröffentlichen. Ich habe viele verschiedene Sachen gemacht, alles was ich irgendwie interessant fand. 2013 war ich in der Fernsehshow “The Voice Kids” und habe parallel bei den H-Blockx und den Söhnen gesungen und hatte noch eine Event-Agentur mit vier Angestellten. Ich habe dann gemerkt: jetzt brauchst du mal ‘ne Pause.

Und die hast du dir genommen?
Meine Frau ist Dokumentarfilmerin und hat zu der Zeit einen DJ auf seiner USA-Tour begleitet und dahin bin ich mit. Danach sind wir zwei bis drei Monate in Los Angeles geblieben. Dort habe ich mich einfach auf die Veranda gesetzt, mir eine 50 Jahre alte Gitarre geschnappt und darauf gewartet, dass irgendetwas passiert. Dabei kamen mir dann eine ganze Menge Geschichten und Metaphern in den Kopf, unter Anderem auch für Lieder wie “Der letzte an der Bar”. Daraus wurde zwei Jahre später diese Platte.

War das eine besondere Erfahrung allein im Studio zu sein?
Das war so ein Drang, eine Platte zu haben und eine musikalische Marke zu haben, die nur ich bin. Diese Verantwortung habe ich auch ein bisschen unterschätzt. Es gibt doch extrem viele Entscheidungen, wo ich mir auch erstmal ein Bild machen musste, das war nicht ganz so einfach.

Wie unterscheidest du dich musikalisch von den Söhnen Mannheims?
Zunächst habe ich einen ganz anderen Duktus und eine ganz andere Sprache. Ich versuche immer irgendwelche Bilder zu finden, die einem sehr intimen Gefühl entspringen, aber durch eine Geschichte zu einem Thema werden, womit sich jeder identifizieren kann. Bei den Söhnen Mannheims sind es weniger Geschichten, als viel mehr Zustandsbeschreibungen. Auch die Sprache ist etwas kryptischer. Bei mir mag ich es lieber ein bisschen direkter. Musikalisch ist bei mir ein bisschen weniger Pathos drin. Aber die Vielfalt, die die Söhne Mannheims haben, findest du auch auf meiner Platte wieder.

Findest du, dass Musik neben Hoffnung und Freude auch gesellschaftliche oder politische Themen ansprechen sollte?
Für mich gehört natürlich eine ganze Menge Energie und Spaß dazu. Auf einer Bühne muss ich mich austoben können. Ich will aber auch ernste Themen ansprechen. “Anfang vom Ende der Welt” ist beispielsweise hoch politisch, allerdings ohne erhobenen Zeigefinger. Das mag ich daran. Bei den Söhnen Mannheims sind wir auf eine etwas andere Art politisch. Das ist natürlich auch ein Tenor, der aus vielen verschiedenen Ideen zusammenkommt.

Momentan wird viel über euch und die neue Platte mit dem Song “Marionetten” diskutiert. Hat euch die extreme Aufmerksamkeit überrascht?
Allerdings! Mit den Söhnen machen wir seit 20 Jahren solche Texte. Wir haben in unserer Gesellschaft einen Graben, der momentan immer größer wird. Es wird nicht mehr miteinander kommuniziert, sondern es gibt nur noch schwarz oder weiß, links oder rechts, reich oder arm. Diese Schere geht immer weiter auseinander. Das finde ich sehr schade. Ich habe überhaupt nichts dagegen, dass Leute sagen, ihnen gefallen die Texte nicht oder sie finden die Platte plump und doof. Das ist eine Sache. Aber Musik in vorgefertigte Kisten zu packen, das finde nicht richtig.

Gibt es daher so starke Diskussionen um „Marionetten“?
Was die Texte der Söhne angeht, da will ich auch gar nicht speziell auf einen Song Bezug nehmen, es wundert mich eigentlich, dass diese extreme Reaktion von den Medien und der Politik erst jetzt kommt. Ich glaube, dass das eher ein Ausdruck dafür ist, dass unsere Gesellschaft sich geändert hat. Die Söhne Mannheims haben sich eigentlich in ihrer Einstellung, auch zu Politik, gar nicht verändert. Speziell was die Waffenlobby angeht. Das ist so unser großes Thema, bei dem wir sagen, wir müssen etwas verändern. Die Leute zeigen mit dem Zeigefinger auf uns, anstatt zu sagen: Was wird da eigentlich angesprochen? Dazu gehört noch die Vereinnahmung durch andere Gruppierungen. Das ist eigentlich etwas, dass wir schon immer abgelehnt haben, egal ob von links oder rechts.

War dieser ganze Mediendiskurs auch ein Thema bei euch in der Band?
Ja! Wir sprechen jeden Tag und tauschen uns aus. Wir waren zu der Zeit gerade auf Tour und konnten viel reden. Das hat uns alle auch nochmal näher zusammengebracht.

Was wollt ihr mit dem Lied genau ausdrücken?
Da muss ich jetzt ein bisschen aufpassen, weil wir uns eigentlich darauf geeinigt haben, in der Öffentlichkeit momentan nichts oder nur wenig dazu zu sagen. Bei den Söhnen gibt die Einstellung, dass wir Texte nicht beschreiben wollen. Das ist eine Kunst, die für sich selber stehen soll. Die Söhne engagieren sich schon seit über 10 Jahren sehr stark für eine Transparenz der Waffenexporte, die von deutschen Firmen und auch von der deutschen Regierung ausgehen. Und somit im Prinzip die Kriege auf der ganzen Welt unterstützen. Das ist ein Thema, das uns sehr beschäftigt.

Wie läuft so ein Prozess ab, von der Idee zu einem neuen Lied, bis es dann auf einer neuen Platte erscheint?
Wir verstehen uns bei den Söhnen als Kollektiv. Jeder kann eine Song-Idee mit einbringen. Dann werden die Songs durcheinander gewürfelt und man guckt, was auf der Platte Sinn macht. Xavier ist einfach eine Textmaschine, da kann keiner gegen anschreiben. Der muss wahrscheinlich so 30 bis 50 Texte pro Woche schreiben.

Was hättet ihr euch denn für eine Reaktion auf den Song erhofft? Wolltet ihr zum Diskurs anregen?
Der Diskurs entsteht ja gerade. Was ich mir grundsätzlich wünsche ist, dass man den Dialog sucht. Wenn Rio Reiser singt “Macht kaputt, was euch kaputt macht”, oder ein Song wie “Menschenjäger” von Ton-Steine-Scherben, sind das die gleichen Themen, die wir auch ansprechen. Deshalb ist es seltsam, da eine Vorverurteilung vorzunehmen.

Henning Wehland beim Gespräch in Hamburg. Foto: Talika Öztürk
Henning Wehland beim Gespräch in Hamburg. Foto: Talika Öztürk

Wie ist das für dich persönlich?
Ich komme aus einem sehr liberal bis linksorientierten Haushalt. Ich bin früh auf Friedensmärsche gegangen und solchen Kram. Auch alle meine Texte sind eher links geprägt. Ich bin in der öffentlichen Debatte auch häufig zitiert worden und habe dadurch teilweise beruflich Schaden genommen. Weil die Leute mit mir, dem Vertreter einer Band mit angeblich rechtem Gedankengut, jetzt nichts mehr zu tun haben wollen. Das finde ich schrecklich. Die Söhne Mannheims kannst du nicht auf einen Song reduzieren. Wir machen seit über 20 Jahre Musik. Da kann man nicht einfach sagen: “Ach jetzt bekommen die den und den Stempel aufgedrückt.”

Was ist das dann für ein Gefühl, wenn NPD oder AfD das eigene Lied verbreiten und bejubeln?
Das ist schrecklich! Aber die Toten Hosen zum Beispiel können auch nichts dagegen machen, dass die CDU auf ihrem Parteitag “An Tagen wie diesen“ spielt. Manchmal kannst du dir eben nicht aussuchen, wer dir Beifall schenkt. Wir hatten mit den H-Blockx zum Beispiel einen Song, der hieß “Rising High”. Da hatten wir in Amerika auf Tour regelmäßig Leute im Publikum, die bei dem Lied den Hitlergruß gemacht haben.

Ist es dann wichtig, Stellung zu beziehen?
Wir haben ein Statement auf Facebook abgegeben, und Xavier dann nochmal ein persönliches. Damit ist erstmal der wichtigste Schritt getan und wir distanzieren uns von den meisten Dingen, die uns vorgeworfen werden. Wir stehen für aufeinander zugehen und Vielfalt. In unserer Band sind was weiß ich wie viele Nationalitäten vertreten. Mir sind die Grundwerte, die wir in unserer Gesellschaft haben, wahnsinnig wichtig. Ich wäre der letzte, der NPD oder Pegida-Geschichten unterstützen möchte. Es gibt da viel Polemik, aber auch von links.

Gab es viele Menschen, die versucht haben mit euch in den Dialog zu treten?
Ich kann da nur von mir sprechen. In meiner Familie wurde das auch mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Die wissen aber, was ich für ein Mensch bin und warum ich ein Teil dieser Band bin und warum ich nach wie vor froh bin, Teil dieser Band sein zu dürfen. Auch in meiner Heimatstadt gibt es jetzt einige Menschen, die mich darauf angesprochen haben. Und ich hatte unglaublich viele Interviewanfragen zu dem Thema. Das war schon heftig. Die habe ich aber größtenteils abgelehnt.

Ihr habt „Marionetten” bis jetzt auf dieser Tour noch nicht gespielt. Heute Abend spielt ihr im Stadtpark hier in Hamburg. Spielt ihr den Song?
Nein. Aber wir spielen den Song nicht deshalb nicht, weil es so eine Reaktion gegeben hat. Sondern das war auch vor diesen Reaktionen schon nicht geplant.

Warum habt ihr euch dazu entschieden ihn nicht zu spielen?
Naja wir haben mittlerweile, glaube ich über 160 Songs veröffentlicht. Und dann muss man sich für 20 Songs und eine Dynamik entscheiden, die man in ein Set packen will. Da fliegen manchmal auch Songs raus, bei denen ich es schade finde, dass wir sie nicht spielen.

Der Song gehört aber nach wie vor zum Album?
Ja na klar. Der ist drauf und bleibt auch drauf.

Das Interview wurde am 18. Mai 2017 in Hamburg geführt.