Kein Täter werden Projekt gegen sexuellen Kindesmissbrauch
Plakat der Kampagne "Kein Täter werden". Foto: Kampagne "Kein Täter werden"

Menschen mit sexuellem Interesse an Kindern finden am UKE Hamburg Hilfe. FINK.HAMBURG sprach mit dem Diplom-Psychologen Fritjof von Franqué über Pädophilie und das Netzwerk „Kein Täter werden“.

An einer kleinen Tür eines großen Gebäudekomplexes kann man bei genauerem Hinsehen ein kleines Schild mit der Aufschrift „Institut für Sexualforschung“ erkennen. Hier werden seit 1959 Menschen behandelt, die ein sexuelles Interesse an Kindern verspüren, die diesem Verlangen widerstehen oder übergriffig geworden sind. Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) forschen Ärzte und Wissenschaftler auf dem Gebiet.

FINK.HAMBURG sprach mit Fritjof von Franqué, Leiter der Präventionsambulanz, über das Tabuthema:

Pädophilie bedeutet „die Liebe zu Kindern“. Die WHO definiert Pädophilie als eine Störung der Sexualpräferenz: Erwachsene, die sich zu vorpubertären Kindern hingezogen fühlen und dadurch sexuell erregt werden.

Von Pädosexualität spricht man, wenn jemand tatsächlich gegenüber einem Kind übergriffig geworden ist. Zu den Symptomen zählen Leidensdruck, starke Beeinträchtigung in den sozialen Funktionsbezügen, Selbst- oder Fremdgefährdung bestehen.

Bei Paraphilien handelt es sich um sexuelle Erregungen aufgrund atypischer Objekte, Situationen und Ziele. Die Pädophilie ist eine Form der Paraphilie. Wie beispielsweise: Vampirismus (Blut), Zoophilie (Tiere), Nekrophilie (Leichen).

FINK.HAMBURG: Bei einer Umfrage der MiKADO Studie von 2015 wurden knapp 900 Menschen befragt, wie sie Pädophile bewerten. 26,7 % sagten, dass Pädophile lieber tot sein sollten. Wie kann es sein, dass in unserer heutigen, so weltoffenen Gesellschaft noch solche Aussagen gemacht werden?

Fritjof von Franqué: Wir leben in einer postmodernen Gesellschaft, in der verschiedene Formen von Sexualität zu finden sind. Mehr oder weniger frei werden diese Vorlieben miteinander geteilt oder kommuniziert. Die meisten Fälle werden nicht mehr sonderlich tabuisiert. Bei der Pädophilie oder sexuellem Interesse an Kindern ist das weiterhin anders. Dieses Thema trifft in der öffentlichen Wahrnehmung auf viele Emotionen. Das ist natürlich auch nachvollziehbar. Denn die Öffentlichkeit wünscht sich einen Schutz zum Wohle ihrer Kinder.

Wie fühlt sich jemand, der pädophil ist und weiß, dass er mit niemandem darüber reden kann?

Manchmal kann die soziale Isolation zu Leidensdruck führen. Betroffene verschließen sich, haben Angst sich vor den eigenen Freunden zu öffnen. Klienten führen sozusagen eine Art Doppelleben. Der Gedanke „Wenn die anderen nur wüssten, wie ich wirklich bin“ kann auf Dauer psychisch sehr belastend sein. Insofern kann im Rahmen der Therapie ein wesentlicher Schritt das Einbeziehen von Angehörigen und Verwandten sein. Das ist aber nicht für alle verpflichtend. Uns ist es wichtig, dass die Betroffenen selbstständig und verantwortungsvoll mit ihren sexuellen Interessen umgehen. Ganz grundsätzlich sollte man bedenken: Ein sexuelles Interesse an Kindern zu haben, heißt nicht, dass man es auch auslebt oder ausleben will.

„Sexuelles Interesse an Kindern heißt nicht, dass man es auch auslebt.“

Gibt es eine eindeutige Definition für Pädophilie und lässt sich dieser Begriff überhaupt abgrenzen?

Nach dem diagnostischen Manual der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft (APA) wird zwischen Pädophilie und pädophiler Störung unterschieden. Pädophilie bezeichnet das sexuelle Interesse an Kindern, das aber keine Krankheit darstellt. Genauso wie das Interesse an masochistischen oder sadistischen Praktiken keine Krankheit ist. Wir sprechen von pädophiler Störung, wenn es zusätzlich zum sexuellen Interesse an Kindern zu Leidensdruck oder sexuellen Übergriffen kommt. Von Pädosexualität wird manchmal gesprochen, wenn jemand gegenüber einem Kind übergriffig geworden ist.

Pädophilie und sexueller Missbrauch sind zwei unterschiedliche Begriffe. Das eine ist das vorhandene Interesse, das andere die durchgeführte Handlung. Ist das in der Gesellschaft angekommen?

Das Bewusstsein ist in den letzten zehn Jahren sehr gewachsen. Das liegt vor allem an einer sehr intensiven Öffentlichkeitsarbeit. Es gibt dennoch immer wieder Menschen, die den Unterschied nicht kennen. Genau da müssen wir ansetzen und den Menschen nahebringen, warum unsere Arbeit so wichtig ist: Sie ist Präventionsarbeit.

Wie lange dauert eine Behandlung und wie verläuft die Therapie?

Die Behandlungsdauer liegt im Durchschnitt bei zwei bis drei Jahren. Wenn wir von Pädophilie sprechen, geht der Laie davon aus, dass alle Betroffenen gleich sind. Tatsächlich sind sie aber sehr verschieden. Sie gleichen sich lediglich in einem Punkt: dass sie ein sexuelles Interesse an Kindern haben und darunter leiden. Darüber hinaus gibt es viel mehr, was einen Menschen auszeichnet.

„Motivationsarbeit ist ein wichtiger Faktor in der Therapie.“

Die Therapie ist nicht für alle Patienten gleich. Sie richtet sich danach, welche Geschichte die Menschen mitbringen und welche Ziele sie haben. Manche brauchen nur eine Beratung und der Therapieprozess fällt viel kürzer aus. Motivation ist ein wichtiger Faktor in der Therapie. Wenn Sexualität das Leben eines Menschen stark dominiert, muss er sich neu orientieren und fragen: Was für ein Leben will ich eigentlich führen?

Das Projekt „Kein Täter werden“ gibt den Betroffenen die Möglichkeit einer anonymen Therapie. Wie ist das Präventionsnetzwerk aufgebaut?

Gemeinsam mit anderen speziellen Einrichtungen, die ein ähnliches Angebot wie wir machen, sind wir in dem Netzwerk „Kein Täter werden“ organisiert, in dem man sich auf bestimmte Qualitätsstandards verständigt. Alle Ambulanzen sind Anlaufpunkte für Menschen mit sexuellem Interesse an Kindern.

Das Netzwerk wurde durch die Berliner Charité 2005 geschaffen. Anfangs gab es nur ein Modellprojekt in Berlin. Es wurde schließlich ausgebaut, weil Betroffene kaum Versorgungsmöglichkeiten hatten. Das liegt auch daran, dass an psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten wenig zu Störungen der sexuellen Interessen gelehrt wird. Ein normaler Psychotherapeut hat kaum Kompetenzen, um bei dieser Art von Problemen zu helfen. Die Betroffenen standen also vor der Frage, an wen sie sich mit ihren Sorgen wenden können. Deswegen wurde ein flächendeckendes Angebot geschaffen.

„es gibt weltweit kein vergleichbares Angebot.“

Wie sieht die Situation in Hamburg aus?

Hamburg hat eine privilegierte Position: Seit Gründung des Instituts für Sexualforschung im Jahre 1959 werden hier Menschen mit sexuellem Interesse an Kindern behandelt.

Der Grund für das neue Projekt „Kein Täter werden“ war, dass die Behandlung von Betroffenen bisher über die Krankenkassen abgerechnet werden musste. Das war für viele Klienten ein Grund, gar nicht oder sehr spät Kontakt aufzunehmen. Die Angst, dass Angaben über ihre Neigungen an die Krankenkassen gelangen können, ist groß. Dieses Problem entfällt durch das Projekt. Durch die Finanzierung der Stadt Hamburg werden keine Angaben an die Krankenkassen weitergegeben und auch die Stadt selbst erhält keine Information darüber, wer hier in Behandlung ist.

 


Betroffene, die behandelt werden möchten, müssen diese Bedingungen erfüllen:

Sie haben ein sexuelles Interesse an Kindern, möchten es aber nicht ausleben.

Sie sind bereits zum Täter geworden, wurden aber noch nicht strafrechtlich belangt.

Sie wurden bereits verurteilt, aber alle justiziellen Angelegenheiten wurden geklärt und sie wünschen sich eine weitere Behandlung.

Nicht aufgenommen werden Menschen:

Die in einem strafrechtlichen Verfahren sind, gegen die eine Anzeige oder Gerichtsverfahren laufen. Es gibt aber auch für diese Menschen ein Behandlungsangebot, jedoch nicht im Präventionsprojekt.

Von den 250.000 Pädophilen in Deutschland haben sich seit 2005 insgesamt 7.075 Menschen an das Netzwerk „Kein Täter werden“ gewendet. Aktuell haben 251 Pädophile die Therapie abgeschlossen. Am UKE Hamburg-Eppendorf werden momentan zwischen 40 und 50 Behandlungsplätze angeboten. Laut Mikado Studie haben 38,5 Prozent der Männer, die ein sexuelles Interesse an Mädchen und Jungen haben, über eine Therapie nachgedacht, aber bislang nicht in Anspruch genommen.

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