Aktion
Aktion "Veddel vergolden" des Künstlers Boran Burchhardt startet. Foto: Sarah Kneipp

Eine Hauswand in Veddel vergolden, um auf den sozial schwachen Stadtteil aufmerksam zu machen. Das ist das Ziel von Quartierskünstler Boran Burchhardt. Trotz großer Kritik an dem teuren Vorhaben startete die Aktion am Dienstag.

Lange Backsteinfassaden säumen die Veddeler Brückenstraße, vor einem Kiosk sitzen ein paar Leute, es ist ruhig. Doch vor der Hausnummer 152 tummeln sich am Mittag einige Menschen. Denn hier startet Boran Burchhardt mit der umstrittenen Vergoldung der Hauswand. Der Künstler schliff bereits am Morgen von einem Hubsteiger aus die Fassade ab, um dann mit einem Spezialkleber hauchdünnes 23 Karat Blattgold aufzutragen. Insgesamt soll es circa ein bis zwei Monate dauern, bis die komplette Hauswand in Gold schimmert.

Der Künstler Boran Burchhardt trägt goldene Farbe auf eine Hauswand in Veddel auf. Foto: Bodo Marks/dpa
Der Künstler Boran Burchhardt trägt goldene Farbe auf eine Hauswand in Veddel auf. Foto: Bodo Marks/dpa

Bei dem Projekt „Veddel vergolden“ gehe es darum, Wirkung für den Stadtteil zu erzielen, der sonst oft in einem negativen Kontext auftauche, hatte Burchhardt der DPA erklärt. „Unser Ziel, die Aufmerksamkeit auf die Veddel zu lenken, hat bereits funktioniert.“ Doch das Ganze hat seinen Preis: stolze 85.000 Euro. Das Geld hierfür wurde Boran Burchhardt von der Hamburger Kulturbehörde aus einem Topf für Kunst im öffentlichen Raum zur Verfügung gestellt, was im Vorfeld für Kritik und Proteste sorgte. Auch zum Start der Vergoldung hat jemand ein klares Zeichen gesetzt: Vor dem Haus parkt ein Van mit der Aufschrift „Wir sind vielfältig bunt. Nicht einfältig gold!“.

 „Mit dieser Aktion setzt sich der Künstler lediglich selbst ein Denkmal.“

Gegenstimmen kommen außerdem vor allem vom Bund der Steuerzahler Hamburg. „Mit dieser Aktion setzt sich der Künstler lediglich selbst ein Denkmal“, sagt Sprecherin Sabine Glawe. Zum Start der Vergoldung ist die haushaltspolitische Sprecherin zusammen mit Christoph Metzner, Pressesprecher des Steuerzahlerbundes, vor Ort und verteilt goldene Schoko-Münzen. „Wir können ansonsten nichts mehr gegen das Projekt machen. Es ist zu spät“, so Metzner. „Trotzdem wollen wir weiterhin auf diese massive Verschwendung von Steuergeldern aufmerksam machen“, sagt Glawe. „Das hier verwendete Material ist schlicht zu teuer. Es hätte auch goldene Farbe getan.“ Durch die Geldverschwendung sehen Glawe und Metzner den Auftrag verfehlt, Veddel aufzuwerten – vielmehr würde der Stadtteil negativ ins Gespräch kommen.

Das Kunstwerk soll eine Diskussion anstoßen

Die Kritik an dem Preis für das Kunstprojekt sieht Mathias Günther nur teilweise als gerechtfertigt an. Er ist der Galerist von Boran Burchhardt und arbeitet bereits seit 2002 mit dem Künstler. „Gold hat einfach ein anderes Gewicht und eine andere Relevanz“, sagt er. „So stößt das Kunstwerk die Diskussion an.“ Günther weist außerdem darauf hin, dass das Geld für die Vergoldung sowieso aus dem Kunst-Topf der Stadt stamme und nicht, wie im Vorfeld öfters behauptet wurde, stattdessen für soziale Projekte hätte ausgegeben werden können.

Die Aktion solle darüber hinaus auch zum Mitmachen angelegt sein und Anwohner können, wenn sie wollen, an der Vergoldung teilnehmen. Wie genau diese Partizipation ablaufen soll, lässt Günther offen. Während Künstler Boran Burchhardt am Dienstag auf der Hebebühne steht und das glänzende Material an die Wand bringt, sind es zumindest hauptsächlich Pressevertreter, die sich für das Geschehen interessieren. Einige Anwohner schauen kurz aus ihren Fenstern, Passanten bleiben meist nicht mal stehen. Vor einem Kiosk, der einige Meter entfernt ist, sitzen ein paar Männer, die bisher noch nichts von dem Vorhaben gehört haben.

Eiscafé und Kiosk in der Brückenstraße - im Hintergrund vergoldet Boran Burchhardt die Fassade. Foto: Sarah Kneipp
Eiscafé und Kiosk in der Brückenstraße – im Hintergrund vergoldet Boran Burchhardt die Fassade. Foto: Sarah Kneipp

Der Inhaber des danebenliegenden Eiscafé Sharri Femi Baftiri hält nichts von der Kunstaktion: „Es ist unnötig, so viel Geld dafür auszugeben – gerade hier auf der Veddel. Wer kommt denn hierher?“ Dass mehr Kunden in sein Café kommen oder sich generell im Stadtteil etwas tun wird, glaubt er nicht. Ein Anwohner sieht das anders: „Ich denke, dass diese goldene Wand zumindest ein Anstoß sein kann“, sagt B. Uka. „Seiner Meinung nach könnte sich Boran Burchhardts Projekt zu Veddels Attraktion mausern und sich positiv auf die Stadtteilentwicklung auswirken. „Das Geld wäre ja sowieso ausgeben worden. Außerdem sieht das doch sicher schön aus, wenn es fertig ist.“

Die Hausfassade wurde Ende Juli fertig vergoldet. Foto: Christina Höhnen
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Zu jedem Bier bestellt sich Lesley-Ann Jahn, Jahrgang 1992, einen Strohhalm — der verbessert angeblich den Geschmack. Auch sonst fällt die gebürtige Itzehoerin, die für ihr Germanistik-Studium nach Hamburg gezogen ist, knallharte Urteile in den Szenevierteln. Als Redakteurin für einen Hamburger Zeitschriftenverlag schaute sie zum Beispiel kritisch in die Küchen und auf die Ladentheken der Stadt. Als sie einmal für einen Artikel 30 Tage lang vegan, koffein- und alkoholfrei leben musste, litt sie dabei entsetzlich am Kaffeeentzug. Lesleys Freunde kommen bei ihr in den Genuss von selbstgemachten Kuchen und gesunden Gerichten.