Vögel, die in den Himmel aufsteigen
Foto: Lukas Schepers

Bei ihrem letzten Besuch auf der Palliativstation begegnet FINK.HAMBURG-Redakteurin Johanna Klug dem aus dem Iran geflüchteten Amir. Vom ihm lernt sie, warum Schweigen die intensivste Art sein kann, zu kommunizieren.

Eigentlich ein Freitag wie jeder andere. Menschen hetzen mit ausdruckslosen Gesichtern und automatisierten Bewegungen auf ihren Feierabend zu. Mein Weg führt mich daran vorbei, mit einem Strauß gelber Blumen in der Hand.

Ich knipse die überstehenden Blätter ab und stelle die Chrysanthemen in die bereitgestellten Vasen. Es ist bereits Nachmittag und still auf dem Flur der Palliativstation. Auf jeden Nachttisch der insgesamt zehn Patienten stelle ich einen Blumenstrauß. In einem der Zimmer sind die Balkontüren geöffnet. Frische Luft strömt hinein und lässt die Vorhänge wehen. Vor mir liegt ein junger Mann. Die Bettdecke ist locker über seinen Beinen ausgebreitet, er trägt ein T-Shirt. Sein Gesicht wirkt eingefallen – im Gegensatz zu seinen wachen, braunen Augen, mit denen er mich erstaunt anblickt. „Ich habe Ihnen Blumen mitgebracht“, sage ich und breche die Stille.

„Ich dachte, jetzt wird alles gut. Dann kam die Diagnose.“

Amir* (Name geändert) kommt aus dem Iran und ist vor drei Jahren mit seiner Familie nach Deutschland geflüchtet. Vor einem halben Jahr begannen die Schmerzen in der Hüfte, die mit ein paar Stunden Physiotherapie behandelt wurden. Bei einer Routineuntersuchung entdeckten die Ärzte dann den Knochentumor. Eine Operation war nicht möglich, der Tumor war bereits zu groß. Auch nach einer Chemotherapie wuchs der Krebs weiter.

„Ich dachte ich komme nach Deutschland und alles wird gut. Dann kam die Diagnose“, sagt Amir. Tränen schimmern in seinen Augen, er dreht seinen Kopf zur offenen Balkontür. Doch er gab nicht auf, kontaktierte deutschlandweit verschiedene Ärzte. Einer von ihnen entschied sich für einen chirurgischen Eingriff. Der Tumor konnte größtenteils entfernt werden, doch während der Operation wurde ein Nerv verletzt. Seitdem kann Amir sein linkes Bein nicht mehr bewegen.

Sein Blick wandert zu den Blumen. Prachtvoll, in herrlichem Gelb erstrahlen sie. „Im Iran ist Blau die Farbe der Trauer. Gelbe Blumen werden nur auf Friedhöfen verteilt und auf die Gräber gelegt“, sagt Amir und fügt grinsend hinzu: „Aber wir sind ja in Deutschland und gelb ist sogar meine Lieblingsfarbe“. Ich sitze lange an seiner Seite. Wir sprechen miteinander, schweigen mindestens genauso lange. In den Gesprächspausen nehme ich das monotone Ticken der Uhr wahr. Die Momente in denen wir nicht reden, sind die Intensivsten – und sie wirken immer noch nach.

„Mein Deutsch ist wie das von einem Kind, mit ganz einfachen Wörtern“, sagt Amir irgendwann und zeigt, wie verzweifelt er ist. Einerseits wegen seiner zerstörten Träume: Im Iran studierte er Geografie und wollte in Deutschland seine Dissertation über den Klimawandel beenden. Andererseits, weil er eine Frau und Kinder hat, die ihn jeden Tag besuchen und für die er bald nicht mehr da sein kann. Die beiden Jungs sind erst 3 Jahre und 8 Monate alt.

„bei jeder Begegnung können wir mit dem Herzen lernen.“

Unser Gespräch wird von abrupten Themenwechseln begleitet: „Das ist gut was du machst“, sagt Amir, als ich ihm erkläre, warum ich hier regelmäßig zu Besuch bin. Er scheint unzufrieden mit seiner Wortwahl und greift nach seinem Tablet. „Respektvoll“ ertönt die Stimme des Übersetzungsprogramms. Er schaut mich an und nickt.

Das Ticken der Uhr höre ich schon längst nicht mehr. Doch irgendwann kommt der Moment, in dem man sich verabschieden muss. Amir hebt seine Hand. Kurz schwebt sie verloren in der Luft und fällt dann wieder kraftlos auf das Bettlaken. Es wirkt wie ein Versuch sich zu verabschieden, die Hand zu geben oder zu umarmen. Doch es fehlt die Energie. Ich traue mich nicht ihn zu umarmen, reagiere intuitiv und verlasse den Raum. Nicht ohne vorher noch ein paar Abschiedsworte zu murmeln.

Ich stehe auf dem Flur der Station und fühle mich schlecht, als hätte ich dem Gespräch keinen passenden Abschluss gegeben. Ich bin gegangen, habe ihn mit seinen Zweifeln und Ängsten allein gelassen. Die Seelsorgerin der Palliativstation kommt auf mich zu und ich erzähle ihr, was ich erlebt habe. „Bei jeder Begegnung können wir mit dem Herzen lernen. Das ist so schön“, sagt sie. „Es ist möglich, nicht zu sprechen und ganz einfach zu kommunizieren, im Schweigen“, meint sie und lächelt. Ich fühle mich wieder ganz leicht.