Die Klinikclowns Erico und Schosefine bei ihrer Arbeit.
Die Klinikclowns Erico und Schosefine bei ihrer Arbeit. Foto: Johanna Klug

Spätestens seit der Neuauflage des Horrorfilmes „ES“ haben Clowns keinen guten Ruf mehr. Doch in Hamburgs Krankenhäusern sind Rotnasen weiterhin gerne gesehen. Ein Besuch bei den Klinikclowns.

Eine Aufzugtür im Altonaer Kinderkrankenhaus geht auf. Heraus schauen zwei rote Nasen. Das Wartezimmer der Notaufnahme ist voll. Viele Familien warten schon seit Stunden auf einen Arzt. Heute ist Visite. Aber keine normale: Es ist Clownvisite. Statt des obligatorischen weißen Kittels tragen die zwei Hauptpersonen dabei gestreifte Shirts mit Latzhosen, bunte Socken und eine Melone auf dem Kopf. Mit einem kleinen roten Koffer und Gitarre ausgestattet, machen sich Erico und Schosefine auf zu ihrem wöchentlichen Rundgang. Als die Clowns hereinstolpern, beginnen Kinderaugen zu leuchten.

Sophia Nowak, genannt Schosefine, und Erich Hauptmann, genannt Erico, sind zwei von 16 in Hamburg aktiven Klinik-Clowns. Der Verein Klinik-Clowns Hamburg e.V. wurde 2002 gegründet und ist seit 2011 Mitglied im Dachverband Clowns in Medizin und Pflege Deutschland e.V.. Bei circa 1200 Einsätzen im Jahr unterhalten die verkleideten Spaßmacher schwerkranke Kinder und Erwachsene sowie behinderte Menschen – oft in einer Lebensphase, in der es ihnen nicht gut geht.

„Ein Clown ist ein Botschafter der Freude.“

Als hauptberuflicher Klinik-Clown kann man jedoch heutzutage nicht mehr leben. „Früher gab es noch Halbtagsstellen, heute nicht mehr“, sagt Erich Hauptmann. Der Verein finanziert sich ausschließlich durch Spenden und ist von Sponsoren abhängig. Es existieren nur wenige Stellen und in der Regel arbeiten viele Clowns noch in anderen Berufen. „Trotzdem sind wir aus keinem Krankenhaus mehr wegzudenken“, sagt Erich. Für ihn ist seine Arbeit eine Berufung, er beschreibt sie als Findung des Seins.

Sie treten immer als Duo auf: Der eine Clown macht viele Fehler, ist der Tollpatsch. Der andere Clown wird für die Patienten zum Verbündeten und ist Regisseur des ganzen Spiels. Zusammen versuchen sie behutsam den Kontakt zu Kindern oder Erwachsenen aufzubauen und den Krankenhausalltag für eine Weile vergessen zu lassen. „Wenn wir es schaffen, dem Kind ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, ist das die größte Freude“, sagt Sophia Nowak. „Ein Clown ist ein Botschafter der Freude“.

Außerdem hat ihre Arbeit auch einen gesundheitsfördernden Effekt: Lachen fördert Heilungsprozesse im Körper und stärkt das Immunsystem. Das Gehirn bremst dabei die Produktion von Adrenalin und Kortison, so der Berufsverband für Lachtraining und Humortraining e.V.. Diese Stoffe wirken schmerzstillend und stimulierend, weswegen die Clowns oft kurz vor einer Operationen zu Besuch kommen.

Tatsächlich reicht es nicht, sich einfach eine rote Nase aufzusetzen, um Klinikclown zu sein. Es gibt Clownsschulen, die eine spezielle Ausbildung anbieten. Aber auch Workshops, Supervisionen und Weiterbildungen sind Voraussetzung für die Arbeit im Krankenhaus. „Im Grunde wird bei der Arbeit alles improvisiert“, sagt Erich Hauptmann. „Dabei spielt man mit den Menschen, den Kindern, dem Partner und sich selbst.“ Diese Vielfalt liebt er.

Seifenblasen, Luftballons und große Schuhe

An diesem Nachmittag im Altonaer Krankenhaus freut sich jeder, die Clowns zu sehen. Viele der kleinen Patienten sitzen auf dem Schoss ihrer Eltern. Auch wenn sie anfangs noch etwas verängstigt die Hand von Mama oder Papa halten, beobachten sie gespannt jede Bewegung. Erico setzt sich einfach zwischen die Patienten und guckt sich erstaunt um. „Wie lange wartet ihr hier denn schon? Es ist so voll hier“, sagt er und blickt fragend in die Runde. Schosefine hat derweil schon ihre Gitarre ausgepackt und stimmt ein Lied an. Auch die Eltern singen mit und plötzlich ist der ganze Eingangsbereich von fröhlichen Stimmen erfüllt.

Es läuft nicht immer so unkompliziert. Wenn Kinder zu große Angst haben oder schüchtern sind, versuchen die Clowns sich mit Seifenblasen oder Luftballons ihnen anzunähern. Besucht das Duo ein Kinderhospiz, ist der Kontakt oft besonders intensiv. „Auch wenn die Kinder sterben, haben sie einen Platz im Garten der Erinnerung“, sagt Sophia lächelnd. „Sie bleiben ein Teil von uns.“

In der Notaufnahme des  Altonaer Kinderkrankenhaus kehrt wieder Ruhe ein, nachdem Schosefine und Erico für einige Minuten mit Zaubertricks und Musik für reichlich Ablenkung gesorgt haben. Jetzt hört man nur noch ihre großen Schuhe über den Linoleumboden des Ganges quietschen. Nach Hause geht es noch nicht: Die Kinder auf der Intensivstation warten schon.

 

 

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Johanna Klug, Jahrgang 1994, hat sich von sechs Tassen Kaffee pro Tag auf eine heruntergearbeitet. Sie ist begeistert vom Reisen und von fremden Kulturen. Studiert hat sie Medienmanagement, die zweite Herzensangelegenheit der gebürtigen Würzburgerin aber ist die ehrenamtliche Arbeit auf Palliativstationen. Zu diesem Thema hat sie sogar ein Buch geschrieben. Ab April 2017 lässt sie sich neben ihrem Studium an der HAW zur Sterbebegleiterin ausbilden.
Atessa Bock, Jahrgang 1993, stand schon einmal für einen „Tatort“ mit Til Schweiger vor der Kamera – als Komparsin. Instagram ist ihr digitales Tagebuch. Ihre Posts handeln von Ernährungstrends, Lifestyle-Themen, oder sie nimmt ihre Community mit zum Sport und auf Reisen rund um den Globus. An der Hochschule Osnabrück hat sie Kommunikationsmanagement studiert, ihre berufliche Leidenschaft fand sie danach in der Unternehmenskommunikation sowie im Influencer-Marketing. Eins käme für die gebürtige Hannoveranerin nie in Frage: Für ein Unternehmen zu arbeiten, hinter dessen Werten sie nicht steht.

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