Maria Mozhdah in
Nisha (Maria Mozhdah) ist ein norwegisch-pakistanischer Teenager und führt ein Doppelleben. Foto: Rohfilm Factory

Nisha (16) ist auf der Suche ihrer Identität und wird zur Projektionsfläche der Ängste ihrer pakistanischen Eltern. „What Will People Say“, inspiriert von der Lebensgeschichte der Regisseurin, ist ein dichtes, beklemmendes Drama.

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Es ist dunkel in Oslo. Nisha, 16 Jahre alt, läuft so schnell sie kann. Sie keucht, weiße Atemluft steigt aus ihrem Mund auf. Unter der übergroßen Kapuze schauen ihre langen schwarzen Haare hervor. Sie trägt ein Hoodie mit Adidas-Logo.

Durchs Fenster steigt sie in ihr Zimmer und schafft es gerade rechtzeitig, ihre Hose abzustreifen und sich ins Bett zu legen, bevor ihr Vater einen Blick hereinwirft. Die Netzstrumpfhose, die seine Tochter noch immer trägt, sieht er nicht. Sie ist ein Symbol für das Doppelleben, das Nisha führt.

Zu Hause folgt sie den Traditionen und Werten ihrer pakistanischen Familie und hat eine enge Beziehung zu ihrem Vater, der einen Kiosk besitzt. Draußen mit ihren Freunden verhält Nisha sich wie ein ganz normaler norwegischer Teenager: Sie raucht, geht feiern und hat einen Freund. Als ihr Vater sie mit ihm erwischt, kommt es zum Bruch: „Wenn du die westliche Welt annimmst, bist du ganz alleine.“ Von der Angst getrieben, für das Verhalten seiner Tochter geächtet zu werden, folgt er dem Rat seiner pakistanischen Freunde, an Nisha ein Exempel zu statuieren.

Soziale Kontrolle bestimmt das Handeln

Nishas Eltern, denen die norwegische Kultur fremd ist, stecken in einem Dilemma.
Auf der einen Seite projizieren sie ihre Hoffnungen und Vorstellungen eines besseren Lebens auf ihre Kinder. „Unser Sohn soll Arzt werden, dann werden die Leute uns achten“, sagt die Mutter. Auf der anderen Seite haben sie Angst davor, sie an die westliche Welt zu verlieren, in der sie selbst nicht ankommen: „Er hat sein Land aufgegeben, aber nicht seine Gewohnheiten“, sagt die Mutter über ihren Ehemann. Damit einher geht die Angst vor sozialer Kontrolle: Die Eltern werden von dem Gedanken getrieben, was die anderen Leute über ihre Familie denken könnten und leiten diesen Druck an ihre Kinder weiter. Besonders Nishas Mutter, die sich im Laufe der Zeit immer weiter in diese Angst hineinsteigert. Bis sie sich wünscht, ihre Tochter wäre tot geboren worden.

Auf der Suche nach Identität

Für Regie und Drehbuch war die pakistanisch-norwegische Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin Iram Haq verantwortlich. Die Handlung ist von ihrer Lebensgeschichte inspiriert. Ihr erster Spielfilm „I Am Yours“ (2013) war der norwegische Kandidat für den Auslandsoscar und gewann zahlreiche Preise. Mit „What Will People Say“ greift Haq ein Thema auf, das nicht alt wird: die Frage nach der Identität von Kindern aus Migrantenfamilien.

Nisha ist auf der Suche nach ihrer Identität. Das Herkunftsland ihrer Vorfahren kennt sie nur durch das, was ihre Eltern ihr vorleben: dem Essen, der Sprache, den Traditionen. Ihre Alltagsrealität in Norwegen ist das Gegenteil davon. Diesen Gegensatz kleidet Haq in die  Komplementärfarben Blau und Gelb: Über allem, was mit Pakistan in Verbindung steht, hängt ein warmer gelber Schleier, die skandinavische Kälte wird durch einen Blaufilter noch verstärkt.

Ist das wirklich ein Spielfilm?

Zeitweilig wirkt „What Will People Say“ kaum noch wie ein Spielfilm, sondern wie eine Dokumentation. Die Kluft zwischen Vater und Tochter, die Zerrissenheit der beiden Figuren, Liebe und der kulturelle Abgrund, der sie trennt, wird vor allem über das vermittelt, was unausgesprochen bleibt.

Gedreht hat Haq in Norwegen, Schweden, Deutschland und Indien. Sie schont weder ihre Protagonistin noch Zuschauer: Der Film zeigt brutale Gewalt, Hilflosigkeit, Demütigung. Der orchestrale Soundtrack hilft dabei kräftig mit, manchmal kündigen immer lauter werdende Paukenschläge die Brenzligkeit der herannahenden Situation an. Als Zuschauer möchte man warnen, eingreifen, um dem Mädchen zu helfen. Dann verebbt die Musik – es wird bedrohlich still.

„What Will People Say“ ist in diesem Jahr beim Hamburger Filmfest gleich für zwei Preise nominiert: Den Hamburger Produzentenpreis für Europäische Kino-Koproduktionen und den Art Cinema Award.