Imke Machura, Podcasterin und Gründerin. Foto: Johanna Felde
Imke Machura, Podcasterin und Gründerin. Foto: Johanna Felde

Viele Frauen wollen im Musikbusiness erfolgreich sein. Doch in dieser Männerdomäne ist das schwierig. Die Gründerin Imke Machura will das ändern.

Ein Tape aufnehmen, es an eine Plattenfirma schicken und berühmt werden: So stellen sich viele Mädchen den Einstieg in eine Karriere als Musikerin vor. Doch der Weg dorthin ist alles andere als leicht, weiß Imke Machura. Als freie Bookerin und Promoterin ist sie seit fünf Jahren in der Hamburger Musikszene unterwegs. Ihre Erkenntnis: Viele Musikerinnen stellen sich ähnliche Fragen.

Darum hat Imke die Podcast-Reihe Raketerei entwickelt. Dort porträtiert und interviewt sie Frauen, die die Musikszene aktiv mitgestalten. Mit ihrem Podcast möchte sie für mehr Sichtbarkeit von Künstlerinnen in der männerdominierten Musikbranche sorgen und jungen Musikerinnen Mut zusprechen.

„Sie wollen nur Musik machen, müssen aber auch Unternehmerinnen sein.“

Wie verhandle ich eine Gage? Brauche ich eine Künstlersozialversicherung? Auf welche Veranstaltungen muss ich gehen, um mich zu vernetzen? Mit jedem Interview beantwortet Imke zentrale Fragen rund um die Musikbranche. Auch wenn sie mit ihrem noch jungen Format bisher keine Massen erreicht, scheint sie einen Nerv getroffen zu haben: „Frauen melden sich und sagen mir, dass ich ihnen aus der Seele spreche. Damit hätte ich nicht gerechnet“. Bisher stellen Frauen, die Musik-Podcasts machen, ausschließlich Musik in den Vordergrund – nicht die Künstlerinnen. Hier hat Imke ihre Nische gefunden.

Ein Blick auf die Zahlen verrät: Es gibt ein Ungleichgewicht in der Musikbranche. „Unter den Komponisten, die ihre Songs selbst aufführen, sind gerade mal acht bis elf Prozent Frauen“, sagt Imke. Auf Rockfestivals würden gerade mal drei bis sechs Prozent Frauenbands gebucht. Selbst in eher „femininen Genres“ wie der Popmusik ist nicht mal jeder fünfte Musiker auf der Bühne weiblich.

„Frauen wird gesagt, dass sie sich einen sicheren Job suchen sollen.“

„Frauen haben es in der Musikbranche einfach schwerer als Männer“, schlussfolgert Imke. Dafür gebe es verschiedene Gründe. Einer sei unsere gesellschaftliche Struktur: „Frauen wird von Anfang an gesagt, dass sie sich einen sicheren Job suchen sollen. Doch die Musikbranche ist alles andere als das“. Wenn sich junge Frauen dennoch für diesen Weg entscheiden, wüssten sie häufig nicht, dass Musikerinnen auch Unternehmerinnen sein müssen: „Musikerinnen sind Einzelkämpferinnen. Sie müssen alles selber machen“, sagt Imke. Musikrechtliche Fragen und PR-Arbeit gehören genauso dazu wie Auftritte. „Dabei wollen sie einfach nur Musik machen“, sagt Imke.

Hinzu komme, dass junge Frauen, die auf sozialen Netzwerken wie YouTube mit ihrer Musik in Erscheinung treten, massiv angefeindet und beschimpft werden: „Frauen werden mit Hasskommentaren wie ‚Schneid der Bitch die Zunge raus‘, attackiert. Das ist schon ziemlich krass und hinterlässt Spuren bei den Betroffenen.“ Eine weitere Hürde sei, dass Musikerinnen sich in einem sehr männlichen Umfeld bewegen. Techniker und Tourbusfahrer seien in der Regel Männer. Dazwischen würden Frauen häufig nicht als gleichberechtigt wahrgenommen. Es gehe so weit, dass Sängerinnen häufig für die Partnerin eines Instrumentalisten gehalten werden. „Viele blöde Vorurteile, die einem Musiker sicher nicht so oft begegnen“, sagt Imke. 

Das Handwerkszeug zum Podcasten hat Imke Machura sich selber beigebracht. Foto: Marie-Sophie Vorbrodt

Diese Gründe haben Imke zu ihrer Podcast-Idee bewogen. „Die Musikerinnen haben einen echten Bedarf nach Vernetzung und Hilfestellungen“, sagt Imke. Schnell habe sie gemerkt, dass sie das aber nicht nur durch ihren Podcast abdecken könne. Darum will Imke nun zusätzlich eine Online-Community aufbauen, in der sich Frauen gegenseitig unterstützen und über Herausforderungen austauschen können. „Ich will eine Räuberleiter für Musikerinnen sein“, sagt Imke.

Sie plant, den Austausch in geschlossenen Gruppen auf Facebook stattfinden zu lassen. Zusätzlich sollen Webinare, Workshops und Experteninterviews mit Musikerinnen und Macherinnen Wissen über die Branche liefern. Imke will die Strukturen dafür schaffen. „Die Frauen helfen sich gemeinsam und ich schaffe den Rahmen dafür. Das ist meine Vision.“ Kostenlos soll eine Mitgliedschaft in der Community nicht sein. Imke wisse aber, dass Musikerinnen eher in prekären Verhältnissen leben und plant, die Beitragssätze nicht zu hoch anzusetzen. „Es darf aber auch nicht zu günstig sein, sonst nehmen die Leute das nicht ernst“, sagt sie.

„Meine Vision ist, dass Frauen sich gegenseitig helfen.“

Ihr Ziel ist, die „Raketerei“ zu einem der führenden Musik-Podcasts im deutschsprachigen Raum zu machen. Außerdem sei er wichtig zum Reichweitenaufbau und die Produktion mache ihr sehr viel Spaß: „Ich rede einfach gerne und liebe es, Interviews zu führen“.

Die größte Herausforderung sieht sie darin, auch im nächsten Jahr genügend Gelder zu akquirieren: „Viel kommt aus dem Netzwerk, aber es muss ja trotzdem alles irgendwie finanziert werden“. Bisher wurde sie durch ein Förderprogramm der Stadt Hamburg unterstützt, um die Raketerei aufbauen zu können. Existenzängste hat Imke aber nicht. Ihr Job als freie Bookerin und Labelmanagerin läuft parallel zum Aufbau der Raketerei – und die will sie auch langfristig nicht aufgeben. „Ich mag meine Jobs echt gerne. Da ich meine Aufträge und meine Arbeitszeit ohnehin frei einteile, läuft das bislang auch sehr gut“.


Imkes Songtipps von zwei Hamburger Musikerinnen:

In der Serie Gründerinnen beleuchtet FINK.Hamburg die Hamburger Startupszene und stellt Frauen vor, die den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben.

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Marie-Sophie Vorbrodt, Jahrgang 1993, guckt ihrem Gegenüber immer zuerst auf die Schuhe - sie hat einen Sneaker-Tick. In Lüneburg hat Marie-Sophie Wirtschaftspsychologie studiert, um ihrem gesunden Menschenverstand ein wissenschaftliches Fundament zu geben. Diese Kenntnisse wendet sie nicht nur gerne in angeregten Diskussionen mit ihren Freunden an, sondern hat auf dieser Grundlage auch schon Werbezielgruppen im Planning von Jung von Matt/Spree analysiert. Sie interessiert sich für gesellschaftliche Trends, Subkultur und Lifestyle-Themen - ob in ihrer Heimatstadt Berlin, in Hamburg oder in Istanbul, wo sie ein halbes Jahr gelebt hat.
Die Stimme von Johanna Felde, Jahrgang 1993, hat schon so manches junge Paar ins Eheglück begleitet: Eine Zeitlang sang sie in einer Band, die unter anderem bei Hochzeiten auftrat. Die gebürtige Wolfsburgerin mit russlanddeutschen Wurzeln hat sich in Berlin und Schottland für Obdachlose engagiert. Neben ihrem Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität in Berlin hat sie Praxiserfahrung beim ARD Text und WeltN24 gesammelt. Danach arbeitete sie bei Edition F im Bereich Native Advertising, was ihr Interesse am Verhältnis zwischen Journalismus und PR weckte. Jetzt wohnt sie zusammen mit einem Pärchen in einer 3er-WG im Schanzenviertel – und das funktioniert erstaunlich gut.